Arzt Hans-Peter Marsch über Sporteinfluss auf Depressionen

Bewegung als Antidepressivum

Hans-Peter Marsch.
+
Ist selber noch sportlich sehr aktiv: Hans-Peter Marsch, der als Arzt Patienten miot psychischen Problemen vor allem Sport empfiehlt.

Wer kennt es nicht, das Hoch nach einem anstrengenden Workout, einer ausgiebigen Fahrt mit dem Fahrrad oder einem langen Spaziergang im Wald?

Herleshausen ‒ Man fühlt sich unbesiegbar, selbstbewusst und allen Herausforderungen gewachsen. Dieses Gefühl täuscht uns nicht. Dass Bewegung körperlich und psychisch guttut, ist uns genetisch einprogrammiert. Wir haben mit dem aus Herleshausen kommenden Arzt Hans-Peter Marsch (78) über dieses Phänomen gesprochen.

Sie sind 78 Jahre alt und bewegen sich täglich. Ist der Körper darauf ausgelegt sich zu bewegen?
Natürlich, weil der Körper vom Gehirn aus gesteuert wird und der Körper die Voraussetzungen mitbringt, sodass sich der Mensch je nach Veranlagung mehr oder wenig aktiv bewegt. Es ist unbestritten, Bewegung ist wichtig für das seelische und körperlichen Wohlbefinden.
Wie lässt sich die positive Wirkung von Sport auf den menschlichen Organismus erklären?
Durch Sport und körperliche Aktivität wird das Gehirn angeregt, Bewegungsabläufe zu steuern und zu koordinieren. Der Kreislauf kommt in Schwung, der Bewegungsapparat mit Muskeln und Gelenken wird gefordert. Und selbst die Organe mit ihrer Hormonausschüttung sind wichtig. Zum Beispiel das Stresshormon Cortisol stellt energiereiche Verbindungen zur Verfügung und trägt so zum Wohlbefinden bei.
Sie sind ein Anhänger der chinesischen Medizin, speziell der Akupunktur. Welches Organ ist in der chinesischen Medizin das Organ der Depression?
Das ist die Lunge. Sie wird durch Sport und Bewegung zur vermehrten Aktivität angeregt. Dadurch wird der Kopf freier. Das grüblerische Verhalten wird reduziert und man wird sich wohler und besser fühlen. Zwanghafte Zustände werden gebessert oder gar gelöst. Sie erscheinen in einem anderen Licht. Aktivitäten bringen die Menschen auf positive Gedanken und geben den Menschen Selbstbewusstsein sowie Lebensfreude zurück.
Kann Sport bei psychischen Erkrankungen wie Drogensucht oder Depressionen helfen?
Ja, der Patienten wird aus seiner körperlichen Inaktivität herausgerissen und denkt nicht nach und grübelt immer weniger. Vor allem seine Entschlussunfähigkeit wird gebessert, man traut sich mehr zu. Manche sind oft in ihrer Seelenwelt blockiert und gefangen. Hierzu möchte ich gerne zwei Menschen zitieren.
Da sind wir mal gespannt.
Der römischen Satiriker Juvenal (etwa 60 bis 127 nach Christus) hat bereits stets betont „In einem gesunden Körper, wohnt auch ein gesunder Geist“. Und Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (1778 bis 1852) pflegte zu sagen: „Frisch, fromm, fröhlich, frei‘.“
Hat diese Einstellung den Sport revolutioniert?
Ja. Absolut. Nach Vorbild von Turnvater Jahn haben sich im 19. Jahrhundert vielerorts Sportvereine gegründet, mit dem Fokus auf die Geselligkeit, Kameradschaft und Gesundheit. Bei allen stand weniger das Schneller, Höher, Weiter im Vordergrund. Und das war auch gut so – weil Sport eine gesellschaftliche Aufgabe innehat, die viele in den letzten Jahren eher ins Abseits geschoben haben.
Insgesamt sind laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Laufe eines Jahres 8,2 Prozent der deutschen Bevölkerung erkrankt. Das entspricht 5,3 Millionen Bundesbürgern. Müsste man nicht jedem Patienten Sport verordnen?
Im Prinzip ja. Auch für Diabetiker oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist unter Hinzunahme eines Trainers oder Arztes der Einstieg nur zu empfehlen. Aber viele Menschen sind oftmals unmotiviert und lustlos. Sie lassen sich von den modernen Medien zur Inaktivität und gesteigertem Essen- und Trinkverhalten verleiten.
Welche Sportarten und welches Pensum empfehlen Sie zum Einstieg?
Man fängt mit Spazieren gehen an. Steigert dabei Kilometer und Tempo peu à peu. Anschließend kann man das Spazieren gehen mit dem Lauftraining kombinieren. Zum Beispiel spaziert man einen Kilometer und läuft zwischendurch flotte 200 Meter. Radfahren ist hervorragend geeignet, weil es die Beweglichkeit fördert und die Atemfrequenz wird gesteigert. Auf dem Rad raucht man auch nicht. Auch Schwimmen, Fußball und alle Mannschaftssportarten sind empfehlenswert. Und Folgendes betone ich ausdrücklich: Das Sozialverhalten wird durch den Sport in der Gruppe nur gestärkt, sodass von Depressionen betroffene Menschen nicht so sehr zum Nachdenken kommen und ihre negative Gedanken hinten anstellen.
Kann auch zu viel Sport krank machen?
Durch falschen Ehrgeiz und durch seelische Störungen kann Sport ins Negative umgewandelt werden. Sport ist in unseren Alltag zu integrieren, aber nicht zu exzessiv. (Marvin Heinz)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.