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Bundestrainer Otto Becker: „Das Niveau wird zunächst sinken“

Der Bundestrainer mit einem Topreiter: Otto Becker und Marcus Ehning bei der Europameisterschaft 2019 in Rotterdam.
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Der Bundestrainer mit einem Topreiter: Otto Becker und Marcus Ehning bei der Europameisterschaft 2019 in Rotterdam. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa/picture alliance/dpa

Knapp vier Millionen Deutsche reiten. Wie ist ihre Situation, wie die Perspektive in Corona-Zeiten. Wir sprachen mit Otto Becker, dem Bundestrainer der Springreiter.

„Sie scharren alle mit den Hufen, wollen endlich wieder los“, zeichnet Otto Becker in Worten ein treffendes Bild über Ross und Reiter. Für den Bundestrainer der deutschen Springreiter und seine Schützlinge ist die Zeit vorbei, „in der die Reiter gar nicht so böse darüber waren, einmal nicht so viel unterwegs zu sein von Turnier zu Turnier“.

Tatsächlich aber läuft es auch für diese Sportler auf zwei und vier Beinen nur langsam wieder an. „Gerade im Spitzensport konnten wir in den zumeist privaten Ställen und Reitanlagen weitgehend normal mit den Pferden arbeiten“, sagt Becker. Was auch nötig war, sind doch die Pferde an viel Bewegung gewöhnt und mussten somit ebenso fit gehalten werden wie die Reitenden. „Die gute Form ist daher bei allen da. Aber die letzten Prozente der Leistungsfähigkeit gibt es nur im Wettkampf. Und der fehlt doch sehr.“

Den Pferden auch? „Klar“, erklärt Becker, „den guten Pferden – die, die wir wollen – ist der Ehrgeiz anzumerken. Die sind unruhig und wollen mitfahren, wenn ein Lkw beladen wird.“ Die Lastwagen aber fahren derzeit nur selten los, bislang gebe es solche Arbeitsturniere in erster Linie in Belgien und den Niederlanden. Ohne Zuschauer natürlich, und Becker ist skeptisch, dass sich da in diesem Jahr noch etwas mit Publikum entwickeln könne. „Wir haben auch unsere Geisterspiele“, sagt der 61-Jährige aus Sendenhorst im Münsterland. Ein Ersatz für große Prüfungen indes sind sie nicht. Was den Bundestrainer, der bereits seit 2009 im Amt ist, bangen lässt: „Erst die Zeit wird erweisen, welche Folgen dieser weltweite Stillstand haben wird. Aber das sportliche Niveau wird zunächst sicher sinken. Das betrifft zum Glück alle Nationen und ist wieder aufzuholen, klar. Aber es wird einige Zeit dauern.“

Bis zu den Olympischen Spielen, sofern sie nun 2021 ausgetragen werden können? „Derzeit ist die Belastung für alle reduziert, Wenn es hoffentlich bald wieder losgeht, dann wird die größte Kunst sein, die perfekte Balance zu finden zwischen genügend Bewegung für die Pferde, ihrer Förderung und einer möglichen Überforderung.“ Dass er für 2021 eine starke deutsche Equipe mit Medaillenperspektive haben wird, sei „auch ein wenig Glückssache“. Es müsse nun mal viel improvisiert werden und niemand wisse, wie sich die Möglichkeiten für Turnierausrichter und Sponsoren entwickeln werden, ob Reiter und Pferde gesund bleiben.

„In diesem Jahr“, ist Bundestrainer Becker sicher, „hätten wir in Tokio ein Topteam gehabt“ um Christian Ahlmann, Simone Blum, Daniel Deußer, Marcus Ehning und Maurice Tebbel im Olympiakader sowie Janne-Friederike Meyer-Zimmermann, Sven Schlüsselburg, Patrick Stühlmeyer und Philipp Weishaupt im Perspektivteam. „Aber natürlich sind wir keine geschlossene Gesellschaft, sondern offen auch für andere.“ Doch bei aller Zuversicht hänge nahezu alles davon ab, „wie und wann wir in den normalen Sportbetrieb zurückkehren können“.

Während Otto Becker als Bundestrainer die Perspektiven der Springreiter im Blick hat, steht Soenke Lauterbach in Warendorf als Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) für fast vier Millionen Pferdesport-Treibende im Land. Er spricht bei der HNA über die Zukunft des Reitsports und der Pferdehaltung nach der Corona-Krise. ZUR PERSON

Otto Becker (*3. Dezember 1953 in Großostheim bei Aschaffenburg) ist seit 2009 Bundestrainer der Springreiter mit Vertrag bis nach den Olympischen Spielen. Der gelernte Winzer wurde als Reiter in Warendorf u. a. ausgebildet von Lutz Merkel. Er holte Olympia-Gold (2000) und Bronze (2004) im Team, gewann 2002 das Weltcup-Finale. Becker war verheiratet mit Dressur-Olympiasiegerin Nicole Uphoff (1993 - 98), ist seit 2000 verheiratet mit Julia Wilcke. Das Paar lebt mit drei Kindern bei Münster.

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