10 Fragen an

MT-Manager Axel Geerken, Huskies-Chef Joe Gibbs und KSV-Vorstand Jens Rose über das Jahr 2020: „Das geht an die Belastungsgrenze“

Zuschauer im Auestadion.
+
Anfangs waren sogar Zuschauer da bei Spielen des KSV Hessen Kassel im Auestadion.

Die Corona-Pandemie hat großen Einfluss auf die Finanzen der Klubs. Wir haben über Auswirkungen dieses Jahres mit den „Machern“ der MT Melsungen, der Kassel Huskies und des KSV Hessen gesprochen. 

Die Fragen

Wir haben MT-Manager Axel Geerken, Huskies-Chef Joe Gibbs und KSV-Vorstand Jens Rose jeweils dieselben zehn Fragen gestellt.

1. Fangen wir beim Rückblick auf dieses schwierige Jahr einmal hinten an: Wo steht Ihr Klub, Ihre Sportart inmitten all der Corona-Probleme?

2. Als im Frühjahr irgendwann klar wurde: Es kann nicht weitergespielt werden, die Saison wird abgebrochen – was ging da in Ihnen vor?

3. Was hat Zuversicht gegeben, dass es trotzdem irgendwann weitergehen wird?

4. Dass der Sport weiterspielen darf, trifft nicht bei jedem auf Verständnis. Was sagen sie Kritikern?

5. Wie groß ist der finanzielle Verlust durch die Pandemie?

6. Wie sehr fehlen Ihnen die Fans in der Halle, im Stadion?

7. Wem sind Sie in diesem Jahr besonders dankbar?

8. Inmitten all der Probleme: Hat das Jahr 2020 sportlich auch einen Moment bereit gehalten, an den Sie gerne denken?

9. Wie bewerten Sie das Jahr Ihres Klubs rein sportlich?

10. Ihre Wünsche für 2021 sind?

Axel Geerken

1. Ein Großteil des Jahres war von Corona geprägt. Wir haben für ein Hygienekonzept viel Aufwand betrieben, sind für dessen konsequente Ausarbeitung und Umsetzung von den Behörden und der Ligaleitung gelobt worden. Das haben uns auch die Fans nach dem ersten Heimspiel bestätigt. Leider wurden unmittelbar danach Spiele vor Hallenpublikum verboten. An unserem Fall wird besonders deutlich, wie groß die Auswirkungen durch Corona sein können. Ich gehe nicht mehr davon aus, dass wir die Saison mit 38 Spieltagen zu Ende bringen werden.

2. Das war bis dahin kaum vorstellbar. Die Lage war sehr besonders. Keiner wusste, wie es weitergeht. Es gab viel zu klären. Es ging auch um Existenzängste.

3. Es herrschte in der Bundesliga sofort große Solidarität. Wir mussten uns mit Themen wie Kurzarbeit und staatlichen Förderungen beschäftigen. Das hat gut funktioniert. Auch allen Spielern war schnell klar, dass es eine besondere Situation ist und jeder seinen Beitrag leisten muss. Da haben alle Beteiligten sehr gute Zeichen gesetzt.

4. Wir haben gute Konzepte entwickelt, die Spieler werden mittlerweile gefühlt rund um die Uhr getestet. Und wir versuchen, den Handball am Leben zu erhalten. Denn für die Allermeisten geht es um ihren Beruf.

5. Er wird relativ groß sein – so viel kann ich zumindest sagen. Für das Hygienekonzept und Umstrukturierungen mussten wir viel Geld in die Hand nehmen. Und wir müssen davon ausgehen, dass es bei Zuschauer- und Sponsoren-Einnahmen zu Rückerstattungen kommen wird.

6. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, in eine leere Halle zu gehen. Da bekomme ich jedes Mal fast ein beklemmendes Gefühl. Wir wissen ja aus dem Spiel gegen Lemgo Anfang Oktober, wie toll die Stimmung mit Fans und Sponsoren war. Ich habe damals Gänsehaut bekommen.

7. Natürlich unserer Aufsichtsratsvorsitzenden Barbara Braun-Lüdicke und ihrem Mann Martin. Sie bringen immer einen Schuss Optimismus rein. Aber dankbar bin ich auch unseren Partnern, Fans und Ticketinhabern, die unseren Weg positiv begleiten.

8. Bei allem, was wir erlebt haben, verblasst die eine oder andere sportliche Leistung. Da es so viele Themen gab, gibt es für mich nicht den einen schönen Moment.

9. Das ist nicht so einfach möglich. Wir stecken auch unabhängig von Corona in einem Entwicklungsprozess. Den haben wir nach dem Trainerwechsel zu Gudmundur Gudmundsson neu gestartet. Wir hatten einige Höhen, aber auch einige Tiefen. Dennoch bin ich absolut davon überzeugt, dass Gudmi der richtige Mann für uns ist.

10. Die Belastungen werden groß sein. Deshalb hoffe ich, dass alle gesund bleiben. Es wäre schön, wenn sich unsere Lebens-Situation und die Lage im Handball wieder ein bisschen normalisieren.

Joe Gibbs

1. Das Wichtigste ist die Gesundheit der Mannschaft. Da haben wir abseits der Eisfläche mit unseren Ärzten, der Stadt Kassel und dem Gesundheitsamt gute Arbeit geleistet. Es war die richtige Entscheidung, im November in die Saison zu starten. Und sportlich sprechen unsere Ergebnisse ja derzeit für sich.

2. Ich weiß noch, dass wir einen Mannschaftsabend hatten. Da haben wir uns eingeschworen, dass wir um den Titel spielen wollen. Dann war plötzlich alles vorbei. Das war ein Schock. Wir haben dann aber schnell weitergemacht – mit den Planungen für die neue Saison.

3. Ich bin immer Optimist. Klar, zu Beginn war es schwer. Es gab wenig Informationen. An vielen Standorten der DEL2 war die Corona-Lage anders als bei uns. Natürlich habe ich mir da Sorgen gemacht. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass wir wieder spielen werden.

4. Dass wir keine Sonderrolle haben, sondern unseren Beruf ausüben. Und dass die Menschen Entertainment brauchen, gerade in schweren Zeiten. Es ist nicht negativ, dass wir wie die Handballer und die Fußballer spielen. Die Klubs gehen dafür ins Risiko und geben an die Gemeinschaft etwas zurück.

5. Natürlich ist das ein großer Verlust, so wie für viele Unternehmen. Aber wir haben immer sehr konservativ geplant, sind kein Risiko eingegangen. Das hilft uns nun. Trotzdem bleibt: Der Verlust ist enorm.

6. Das geht mir ans Herz. Ich vermisse die Fans sehr. Mir fehlen die Gesänge vom Heuboden in der Halle. Das ist alles so wichtig für unseren Sport, Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir diese Saison noch vor Fans spielen.

7. Noch mal den Fans. Ihnen und den Sponsoren, die uns die Treue halten. Ich danke unserer medizinischen Abteilung, die so viel für unsere Spieler tut. Auch das Land Hessen und die Stadt Kassel mit Oberbürgermeister Geselle haben viel für uns getan.

8. Ganz ehrlich: Der schönste Moment für mich war das erste Training der neuen Mannschaft. Das war dieses Jahr ein besonderer Moment. Die Derbysiege gegen Frankfurt und in Nauheim hatten aber auch was.

9. Ein exzellentes Jahr. Tim Kehler leistet mit Co-Trainer Casey Fratkin und Sportdirektor Manuel Klinge überragende Arbeit mit der Mannschaft. Das macht sich nun bezahlt, wie die Ergebnisse zeigen.

10. Vor allem Gesundheit. Was dieses Jahr passiert ist, nimmt die Menschen mit, auch mental. Ich wünsche uns allen, dass wir das durchstehen. Und sportlich: Na klar, dass wir den Aufstieg schaffen können. Dass wir die Chance dazu bekommen. Das wäre ein Traum.

Jens Rose

1. Es war für alle ein schwieriges Jahr. Immer, wenn man denkt, dass Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist, merkt man, dass es nur der Zug ist, der einem entgegenkommt. Wir mussten uns immer wieder auf neue Situationen einstellen. Wir haben so viele Konzepte erstellt. Das geht an die Belastungsgrenze. In der Regionalliga gibt es kein Gleichgewicht. Hilfen gibt es in dieser Klasse zwischen Profitum und Amateurfußball keine. Wir haben die vergangene Saison gut hinbekommen, weil wir auf viel verzichtet haben. Diese Saison ist es ungleich schwerer. Wir haben Reserven, aber die sind nicht unendlich.

2. Am Anfang war es gar nicht so schlimm. Ich habe mich viel mit meiner Familie beschäftigt. Habe Dinge gemacht, bei denen ich meiner Frau immer gesagt habe, ich mache sie, wenn ich mal Zeit habe. Dann ging es mit angezogenen Schrauben wieder zurück in den Alltag, dann wieder zurück. Es wird immer mehr zum Horrorfilm, je länger es dauert.

3. Es gab schon öfter Krankheiten, die weite Teile der Gesellschaft bedroht haben. Die dann aber irgendwann abgeklungen sind.

4. Ich kann diejenigen verstehen. Wir haben gehofft, dass sich die Lage verbessert. Sie hat sich aber nicht verbessert. Alle sind nun aber getestet worden und es hat keine Ansteckungen gegeben. Von daher ist es vertretbar. Auch wenn wir so auch im November hätten spielen können.

5. Wir haben es mal hochgerechnet. Den Einbruch der vergangenen Saison konnten wir kompensieren. In dieser Saison haben wir ein Risiko von 250 000 Euro. Wir können das verkraften. Aber für die kommende Saison fehlt uns dann jede Kraft.

6. Ohne Fans ist Fußball nichts. Es reicht nicht, wenn ich mich im Stadion aufrege – nur mittlerweile hört man das. Für Traditionsvereine ist das ein Nachteil. Die werden getragen von ihren Fans. Jetzt findet der Fußball in einem Vakuum auf einem Reißbrett ohne Emotionen statt.

7. Ich habe Angela Merkel immer gern kritisiert. Damit habe ich jetzt aufgehört. Ich ziehe meinen Hut davor, mit welcher Ruhe sie das alles gemanagt hat.

8. Als die Nachricht kam, dass wir aufgestiegen sind. Die Mannschaft hat sich das verdient und erspielt.

9. Wir sind aufgestiegen und können uns in der Klasse halten. Das sind die wichtigsten Kernaussagen.

10. Ich wünsche mir, dass wir ein Stück Freiheit zurückbekommen. Dass der Fluch, dieses böse Omen so schnell wie möglich verschwindet. Vielleicht müssen wir alle auch ein wenig umdenken. Ich sehe dieses Virus auch als Strafe, weil wir unserer Natur und den Gegebenheiten, die wir haben, zu viel rauben. (Frank Ziemke, Björn Mahr und Maximilian Bülau)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.