Der große Traum ging in Erfüllung

Der Handball in Eschwege wird 100: Wir blicken zurück

Gespielt wurde im tiefen Matsch: Die erste Jugend des TV 1861 Jahn nach einem 2:1-Sieg gegen die Handballer aus Großalmerode. Das
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Gespielt wurde im tiefen Matsch: Die erste Jugend des TV 1861 Jahn nach einem 2:1-Sieg gegen die Handballer aus Großalmerode. Das

Als vor genau 100 Jahren – am 20. März 1921 – erstmals in Eschwege Handballspiele stattfanden, war schwer vorherzusagen, wie und in welchem Umfang sich der Sport entwickeln würde. Wir blicken zurück.

Eschwege – Die drei 1921 beteiligten Turnvereine (Seminarturnverein 1911, Turnverein 1861 sowie TV Jahn 1899) ermittelten damals im Modus jeder gegen jeden den Gaumeistertitel, der an den Seminarturnverein ging. Aber die Sportart wurde nicht in einer Halle betrieben, sondern als Feldsportart auf einem 90 mal 60 Meter großen Spielfeld mit fünf Meter breiten Toren.

Der Torraum betrug acht Meter. Zehn Feldspieler und ein Torhüter spielten mit einer Abseitsregel über das gesamte Feld und der Ball durfte mit beiden Händen nach dem Prellen wieder aufgenommen werden. Als Spielgerät diente ein möglichst schwerer Faust- oder Fußball.

Das Winterspiel

Die Erfinder nannten es Winterspiel, weil es von den Vereinen der Deutschen Turnerschaft zwischen Herbst und Frühjahr betrieben wurde. Auch wenn sich die Regularien immer wieder etwas veränderten, so war doch der Platz im Freien fast 50 Jahre der Rahmen für die Ausübung des Handlballs – auch in Eschwege.

Der Handball auf der Torwiese zog die Massen an. Das Foto stammt aus dem Jahr 1948.

Aber das neue Spiel hatte auch mit Imageproblemen zu kämpfen: So wurde es insbesondere von Fußballspielern als „Rammelball“ bezeichnet. Dem Vorwurf des „rohen Spieles“ begegneten die Befürworter mit dem Hinweis, dass eine solche Einschätzung von „Muttersöhnchen“ käme, Beulen, blutige Nasen, blaue Augen und Abschürfungen völlig normal seien und das Spiel auch Opfer erfordere.

Einst Stadtrivalen

In Eschwege setzte sich der Handball relativ schnell durch. Zahlreiche Erfolge weit über die Stadtgrenzen hinaus machten die Stadt in der Weimarer Republik in den 1920er-Jahren schnell zu einer Hochburg. Dabei bestimmten die Stadtrivalen TV Jahn und TV 1861 die sportliche Szene.

Und auch die Zuschauerzahlen schnellten nach oben. So wurde berichtet, dass 1931 mehr als 1000 Zuschauer die Partie zwischen dem TV Jahn und Holzminden gesehen haben. Nach 1933 mussten die Eschweger Handballer zunehmend mit Misserfolgen kämpfen. Die Einführung der Wehrpflicht sowie des Reichsarbeitsdienstes führten zur personellen Schwächung der beiden Vereine.

Hinzu kam, dass als neuer Konkurrent vor Ort der Luftwaffen-Sportverein Eschwege auftrat. Darauf antworteten die alteingesessenen Vereine mit der Gründung einer Spielgemeinschaft. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schränkte dann aber die Aktivitäten ein.

Bei minus 18 Grad

In der Zeit nach 1945 hatten die Handballer neben Nöten der allgemeinen Art auch in Eschwege mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, um ihrem Sport wieder nachgehen zu können.

So mussten Antworten auf das Fehlen von Toren, Trikots und Bällen gefunden werden, auch galt es die Mobilität bei Auswärtsspielen zu garantieren, auch klimatische Rahmenbedingungen brachten Probleme in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit sich.

Zu Fuß ging es nach Jestädt, per Rad zu anderen Spielorten im Kreis oder als blinde Passagiere mit dem Milchwagen nach Weißenborn. Das war für die meisten der damals Handballverrückten Normalität. Aber auch von Fahrten zu weiter entfernten Orten in offenen Lastwagen mit Holzvergasern wurde berichtet.

Dabei mussten sich die Spieler und auch ihre Frauen, die des Öfteren mitfuhren, auf Temperaturen einstellen, die weit unter dem Gefrierpunkt lagen. Auch Spiele im Freien bei minus 18 Grad waren keine Seltenheit.

Großfeld-Verbandsliga

In Eschwege waren es der TSG Jahn Eintracht sowie TV 1861, die an die erfolgreiche Handballtradition anknüpfen konnten. Sportliche Angebote an Frauen, Männer und Jugendliche schafften die Basis dafür, dass Eschwege in Nordhessen wieder als Handballhochburg wahrgenommen wurde.

Dabei stand aber zunehmend die erste Männermannschaft von Eintracht im Fokus.

Sie schaffte es in den 50er-Jahren bis in die damalige Großfeld-Verbandsliga, während der TV 1861 über die Bezirksklasse nicht hinauskam. Darüber hinaus spielte insbesondere die Eintracht gegen national und international renommierte Gegner, so 1953 gegen den deutschen Meister Polizei Hamburg oder den schwedischen Meister Göteborg.

Die steigende Handballbegeisterung konnte man auch an den Zuschauerzahlen festmachen. Berichte in der Werra-Rundschau über 600 bis 800 Anhänger bei Serienspielen sowie 1000 und mehr bei Freundschaftsduellen waren die Regel. Am 27. Mai 1948 säumten bei einem Match der Eintracht gegen Dietzenbach gar rund 6000 Zuschauer den Spielfeldrand.

Ab 1970 in die Halle

Die Großfeldhandballtradition wurde von Jahn Eintracht und dann nach dem Zusammenschluss mit dem TV 1861 im Jahr 1968 zum ETSV noch bis 1970 aufrechterhalten. Dann übernahm der Hallenhandball das Zepter.

Fanden schon Anfang der 50er-Jahre Hallenkreismeisterschaften in der einzig dafür geeigneten Sporthalle „Auf der Rinne“ statt, kam es Ende der 50er-Jahre mit dem Bau einer Kleinfeldanlage auf dem Gelände hinter der Jahnturnhalle zu ersten räumlichen sowie regeltechnischen Erfahrungswerten des späteren Hallenhandballs.

Aber erst der Bau von weiteren Hallen wie der Struth- und der Heuberghalle schufen den adäquaten Rahmen für den Übergang vom Großfeld- zum Hallenhandball.

Im Jahr 1982: Andreas Habermann vom Eschweger TSV beim Wurf.

Zentrale Basis des ersten ETSV-Aufschwungs in der Halle war damals die gute Jugendarbeit verbunden mit der Bereitschaft, Spieler aus dem Kreis nach Eschwege zu holen. Diese personelle Kombination führte letztlich zum Aufstieg in die damalige Verbandsliga.

Die 1968 eingeweihte Heuberghalle war nun der handballerische Sporttempel, der auch immer mehr Zuschauer anzog. In der Saison 1974/75 sahen 600 Menschen das Spitzenspiel gegen Lohfelden.

Doch nach vielen Abgängen, vor allem wegen beruflicher Veränderungen, landete der Verein 1982 wieder in der Kreisklasse.

Von Faber bis Janeck

Wiederum konnte sich der ETSV auf seine exzellente Jugendarbeit stützen und begann 1986 unter dem damaligen Trainer Uli Faber einen lang anhaltenden Aufstieg.

Mit der Grenzöffnung verstärkte sich der ETSV mit den beiden erfahrenen DDR-Oberligaspielern Edmund Nositschka und Jürgen Beck und stieg schon 1992 in die Regionalliga auf. Fast 800 Zuschauer erlebten das entscheidende Spiel gegen Langgöns in der Heuberghalle.

1999: Der Eschweger TSV wird Meister der Regionalliga und steigt in die 2. Bundesliga auf.

Die Professionalisierung nahm zu: Verstärkungen mussten immer mehr von anderen Vereinen gekauft und unterhalten werden, um das Ziel 2. Bundesliga zu erreichen. 1999 ging dann mit dem Trainerduo Helge Janeck/Rolf Schröder der große Traum in Erfüllung: Eschwege hatte eine Bundesligamannschaft.

Die Heimspiele wurden jetzt von Zuschauern aus dem ganzen Kreis und darüber hinaus besucht. Eschwege als Handballstadt hatte bundesweite Bedeutung.

Doch der sportliche Höhepunkt hielt nicht lange an. Zu aufwendig und für eine strukturschwache Gegend auf Dauer nicht finanzierbar, könnte das zentrale Ergebnis dieser bislang einmaligen Erfahrung sein.

Ansprüche korrigiert

Wohl oder übel mussten die Ansprüche korrigiert werden. Doch große Anstrengungen der Verantwortlichen führten den ETSV in den folgenden 20 Jahren wieder zu beachtlichen Erfolgen im Frauen- wie im Männerhandball; unter Matthias Müller wurde sogar der Aufstieg in die Oberliga Hessen gefeiert.

Dennoch stellt sich dem Betrachter gerade im Jubiläumsjahr 2021 die Frage nach der Zukunft des Handballs in Eschwege – aber nicht nur in der Kreisstadt.

Konnte man früher hoffen, dass sich aus dem Jugendtraining ausreichend Nachwuchs rekrutierte, so kann mittlerweile mit solchen Ansätzen nicht mehr erfolgreich gearbeitet werden. Die Jugendarbeit ist im ETSV trotz großer Anstrengungen praktisch nicht mehr vorhanden.

100 Jahre Handball in Eschwege

Die erste Jugend des TV 1861 Jahn nach einem 2:1-Sieg gegen die Handballer aus Großalmerode in 1927.
Die erste Jugend des TV 1861 Jahn nach einem 2:1-Sieg gegen die Handballer aus Großalmerode in 1927.  © Privat
Der Handball auf der Torwiese zog die Massen an. Das Foto stammt aus dem Jahr 1948.
Der Handball auf der Torwiese zog die Massen an. Das Foto stammt aus dem Jahr 1948.  © Privat
1948: Endspiel um den Kreishandballpokal zwischen dem TV Eschwege und Eintracht Eschwege.
1948: Endspiel um den Kreishandballpokal zwischen dem TV Eschwege und Eintracht Eschwege. © Privat
1949: Torwart Werner Knabe bei einer herrlichen Abwehr im Spiel gegen Darmstadt.
1949: Torwart Werner Knabe bei einer herrlichen Abwehr im Spiel gegen Darmstadt. © Privat
Im Jahr 1982: Andreas Habermann vom Eschweger TSV beim Wurf.
Im Jahr 1982: Andreas Habermann vom Eschweger TSV beim Wurf. © Privat
Handball im Jahr 1992: ETSV-Spielertrainer Ulrich Faber in Aktion.
Handball im Jahr 1992: ETSV-Spielertrainer Ulrich Faber in Aktion. © Privat
Torabschluss: Matthias Müller vom Eschweger TSV im Jahr 1998.
Torabschluss: Matthias Müller vom Eschweger TSV im Jahr 1998. © Privat
1999: Der Eschweger TSV ist Meister der Regionalliga und steigt in die 2. Bundesliga auf.
1999: Der Eschweger TSV wird Meister der Regionalliga und steigt in die 2. Bundesliga auf. © Privat
Die Regionalliga-Meistermannschaft des künftigen Zweitligisten Eschweger TSV im Jahr 1999.
Die Regionalliga-Meistermannschaft des künftigen Zweitligisten Eschweger TSV im Jahr 1999.  © Privat

Das Fehlen von Nachwuchstrainern, die Gefahr des Abwerbens talentierter Jugendlicher durch größere Vereine, eine geringere Bindungsbereitschaft sowie die erforderliche Mobilität zwecks Ausbildung und Beruf machen es immer schwerer, weiterhin auf das jahrzehntelang erfolgreiche Modell setzen zu können.

Hinzu kommt, dass auch in der Landesliga auf Verstärkungen aus dem Ausland gesetzt wird, was bedeutet, dass finanzielle Ressourcen immer mehr über sportliche Erfolge entscheiden – und junge einheimische Spieler bleiben auf der Strecke.

Wie also ist der Zustand des Eschweger Handballs nach 100 Jahren zu bewerten? Man kann sicher stolz darauf sein, dass der ETSV heute wieder in der Landesliga spielt, aber perspektivisch bleibt die berechtigte Frage, wie viele Jubiläen der Handballsport in Eschwege noch begehen kann?

(Von Gerd Strauss und Harald Triller)

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