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Teamärzte von MT, Huskies und KSV: „Die Arbeit ist deutlich intensiver geworden“

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Von: Frank Ziemke, Björn Mahr, Pascal Spindler

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Die Teamärzte: (von links) Dr. Sven Dallmann, Dr. Karl-Friedrich Appel und Dr. Thomas Krause.
Die Teamärzte: (von links) Dr. Sven Dallmann, Dr. Karl-Friedrich Appel und Dr. Thomas Krause. © Dieter Schachtschneider

Die Pandemie stellt auch die Klubs MT Melsungen, Kassel Huskies und KSV Hessen vor Herausforderungen. Wir haben mit Ärzten aus ihren medizinischen Abteilungen über das Jahr 2021 gesprochen.

Kassel – Ob Coronavirus oder Impf-Situation – für die Teamärzte der Profisport-Vereine war das Jahr 2021 nicht leicht. Vor besonderen Herausforderungen standen auch die Mediziner der heimischen Topklubs. Wir haben darüber mit Dr. Karl-Friedrich Appel vom Handball-Bundesligisten MT Melsungen, Dr. Sven Dallmann vom Eishockey-Zweitligisten Kassel Huskies und Dr. Thomas Krause vom Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel gesprochen.

Haben Sie es im vergangenen Jahr mal bereut, die Aufgabe als Teamarzt übernommen zu haben?

Thomas Krause: Nein. Niemals! (lacht). Ernsthaft: Es gab viel zu tun. Aber ich habe das nicht bereut. Ich bin jemand, der gerne organisiert. Und das war durch Corona gefragt. Es war also eher eine Herausforderung als eine Belastung. Zusammen mit Teammanager Steffen Friedrich und dem Sportlichen Leiter Jörg Müller hat das super geklappt. Auch die Physios haben toll mitgemacht.

Karl-Friedrich Appel: Keinesfalls. Die Aufgabe macht mir nach wie vor viel Spaß. Jetzt bin ich als Teamarzt sogar deutlich mehr gefordert.

Sven Dallmann: Ich habe das nie bereut. Es gab vor allem in diesem Jahr viel Arbeit, aber so war ich natürlich auch immer nah an der Mannschaft. Gerade auch in der Phase, in der keine Zuschauer in die Halle durften. So konnte ich die Spiele wenigstens vor Ort verfolgen.

Wie sehr hat die Pandemie Ihre Arbeit verändert?

Appel: Sonst haben wir für das Team zu Beginn einer Saison den Routine-Check gemacht. Dann kam ein Spieler nur noch einmal zu mir nach einer Grippe oder einem Infekt in die Praxis und hat sich untersuchen lassen. Das ist jetzt anders. Die Arbeit ist deutlich intensiver geworden.

Dallmann: Es war vor allem ein ganz erheblicher Aufwand, all diese ganzen Testverfahren durchzuführen. Allerdings hat es sich während des Jahres verändert. Anfangs waren nur anlassbezogene Schnelltests sowie ein Fieberprotokoll erforderlich, in den Playoffs mussten wir jeden zweiten Tag PCR-Tests machen. Das war natürlich eine andere Arbeit als sonst.

Krause: Alles ist anders geworden. Der logistische Aufwand war enorm. Das galt natürlich mehr noch für die erste Jahreshälfte, als vor allem das Testen organisiert werden musste. Später ging es eher um das Impfen.

Können Sie noch zählen, wie viele Test durchgeführt wurden?

Krause: Es waren 1500 für Mannschaft und Umfeld. Dazu kommt, dass wir auch die Schiedsrichter der Region vor ihren Einsätzen testen.

Dallmann: Ich bekomme das nicht mehr hin. (lacht) Während der Playoffs mussten wir alle zwei Tage PCR-Tests bei rund 30 Personen durchführen. Die Playoffs gingen von März bis Mai, da kann man hochrechnen, wie viele PCR-Tests das gewesen sein müssen. Und das war’s ja noch nicht. Schnelltests waren auch viele dabei, noch deutlich mehr als PCR-Tests.

Wie sah der Alltag im Trainings- und Spielbetrieb aus?

Krause: Vor allem die Spieltagslogistik war eine Herausforderung. Wir haben an jedem Spieltag ungefähr 35 Tests durchgeführt. In der zweiten Jahreshälfte ist das nicht mehr nötig gewesen, die war entspannter. Denn ich kann mit Stolz sagen: Die Impfquote des KSV ist 100 Prozent.

Dallmann: Wir haben Fieberprotokolle geführt, die Jungs mussten sich zu Beginn schon vor dem Betreten der Halle testen lassen. Und dann haben wir versucht, die Mannschaft so schnell wie möglich zu impfen. Aber das ging natürlich auch nicht so einfach, weil es am Anfang noch Priorisierungsstufen gab.

Der KSV und die Huskies sind sehr gut durch die Pandemie gekommen. Gute Vorsorge? Oder auch Glück?

Krause: Glück gehörte dazu, zum Beispiel, wenn im Umfeld eines Spielers ein positiver Fall aufgetreten ist. Aber wir haben eben auch sehr eindringlich aufgeklärt. Es gab ein gutes Treffen mit dem Gesundheitsamt. Die Mannschaft wurde auf mehrere Kabinen verteilt. Und wir haben streng auf die Umsetzung aller Vorgaben geachtet. Da war ich für die Spieler sicher manchmal sehr nervig.

Dallmann: Glück gehört immer dazu. Aber wir haben natürlich auch unser Möglichstes getan, damit die Mannschaft immer einsatzbereit und spielfähig war. Sonst wäre die Saison für uns – gerade in den Playoffs – möglicherweise früh zu Ende gewesen. Deshalb haben wir unsere Mannschaft in dieser Zeit in zwei Blöcke aufgeteilt.

Die MT hatte in der vergangenen Saison mehrere Coronafälle. Welche Auswirkungen hatten die Fälle auf ihre Tätigkeit?

Appel: Wir haben die Betroffenen mehrmals untersucht, einmal vor der Wiederaufnahme des Sports – der Fachmann spricht dabei von Return-to-sport. Und dann noch einmal vor dem Wettkampf, das nennt sich Return-to-play. In erster Linie wurden Herz- und Lungenfunktion überprüft. Das ging teilweise über EKG und Ultraschall hinaus. Das heißt, dass wir per Kernspintomographie das Herz untersucht haben. Aus dem Grund, dass es in seltenen Fällen zu Herzmuskelentzündungen kommen kann – und das wäre der Super-Gau. Da hat sich erfreulicherweise nichts bestätigt.

Sie haben es angesprochen: Als Kardiologe müssen Sie alle Spieler vor jeder Saison einmal auf Herz und Nieren prüfen. Braucht es durch Corona noch mehr Herzchecks?

Appel: Nein. Wir müssen nicht routinemäßig jedes Vierteljahr etwas unternehmen. Zusätzliche Checks sind nur erforderlich, wenn ein Spieler an Corona erkrankt war oder vermeintliche Impf-Reaktionen gezeigt hat. Bei den Untersuchungen nach vermuteten Impf-Reaktionen konnten wir keine bleibenden Schäden, zum Beispiel eine Herzmuskel-Entzündung, feststellen.

Haben die zusätzlichen Spiel- und Trainingspausen die Anzahl anderer Verletzungen und Erkrankungen beeinflusst?

Appel: Für meinen Bereich nicht. Das geht dann mehr um den Bewegungsapparat.

Dallmann: Mein Eindruck ist, dass wir nicht so viele gravierende Verletzungen hatten, weil fairer gespielt wurde. Das hing wohl auch damit zusammen, weil lange Zeit keine Zuschauer zugelassen waren, die Emotionen nicht so hochkochten. Darüber hinaus gab es durch Spielabsagen längere Regenerationsphasen, die den Spielern zugute gekommen sind.

Krause: Verletzungen sind natürlich eher ein Thema der Orthopäden. Aber natürlich wurde die Belastungssteuerung an die Gegebenheiten angepasst. Da ist der KSV professionell. Ein positiver Effekt war lange, dass es deutlich weniger Infektionen gab. Seit Anfang November ist das wieder angestiegen.

Wie ist das Thema Impfen gelaufen?

Krause: Wie Sie an den 100 Prozent sehen: richtig gut. Beim KSV haben sie die Wichtigkeit verstanden.

Dallmann: Bei den Huskies gibt es ebenfalls eine Impfquote von 100 Prozent. Wir haben versucht, alle Spieler in möglichst kurzen Abständen gemeinsam zu impfen.

Für die heimischen Top-Klubs im Einsatz: (von links) Dr. Thomas Krause, Dr. Karl-Friedrich Appel und Dr. Sven Dallmann.
Für die heimischen Top-Klubs im Einsatz: (von links) Dr. Thomas Krause, Dr. Karl-Friedrich Appel und Dr. Sven Dallmann. © Dieter Schachtschneider

Führte das nicht zu einem Problem? Schließlich ist wenige Tage nach der Impfung erstmal nicht an Sport zu denken.

Dallmann: Das stimmt. Deshalb haben die meisten Spieler ihre Erst- und Zweitimpfung in der Sommerpause bekommen. Die Booster-Impfung haben wir erst vor ein paar Tagen durchgezogen. Da haben wir darauf geachtet, dass direkt danach kein Spiel angesetzt war.

Inwieweit beschäftigen Sie sich als Kardiologe bei der MT mit dem Thema Impfen?

Appel: Zusammen mit meinen Kollegen bei der MT, Bernd Sostmann und Gerd Rauch, haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt.

Mussten Sie Vorbehalte ausräumen, Überzeugungsarbeit leisten?

Appel: Wir haben alle unsere Spieler davon überzeugen können. Die meisten Spieler wollten sogar so schnell wie möglich geimpft werden. Nur in Einzelfällen war etwas mehr Überzeugungsarbeit notwendig.

Dallmann: Dass jemand skeptisch ist, kann man niemand verübeln. Die Politik hat in der Bevölkerung so viel Unsicherheit geschürt. Natürlich auch bei Sportlern. Wenn sich Skeptiker dann aber doch impfen lassen, ist alles in Ordnung.

Krause: Mit dem einen oder anderen musste ich etwas länger sprechen. Es gab auch Sorgen und Bedenken. Aber da steht eine Mannschaft. Das Thema Verantwortung ist bei allen angekommen.

Der Sport steht wie im Fall Joshua Kimmich oft in der Kritik. Stichwort Vorbildfunktion. Dabei ist die Impfquote gerade im Sport sehr hoch. Verstehen Sie die Diskussionen?

Appel: Ja, schon. Kimmich war leider kein gutes Vorbild. Er hat sich ja dann auch infiziert und einen nicht unkomplizierten Verlauf bei seiner Covid-19-Erkrankung gehabt. Ein besseres Beispiel ist der Dortmunder Jude Bellingham, der jetzt einen Aufruf an seine Profi-Kollegen gesendet hat, sich impfen und boostern zu lassen.

Krause: Die Bundesliga stellt sich sehr kommerziell auf. Dass da stets weitergespielt wurde, das kann man sicher diskutieren. Beim KSV, finde ich, ist auch das gut gelaufen. Es gab viele offene Gespräche. Der Verein hat seinen Fans Angebote wie Liveticker und Livevideo gemacht. Seit die Zuschauer zurück sind, läuft auch das in meinen Augen sehr gut. Natürlich hat der Sport eine Vorbildfunktion. Für den KSV kann ich da mit Blick auf ausbleibende Ansteckungen und die Impfquote sagen: Er erfüllt seine Vorbildfunktion!

Dallmann: Dass Verunsicherung herrscht, kann ich nachvollziehen. Es darf aber nicht dazu führen, dass man die Fakten ignoriert. Es gibt genug Studien, die belegt haben, dass die Angst vor der Impfung unbegründet ist.

Hat Corona Ihre Beziehung zur Mannschaft und zum Trainerteam verändert?

Dallmann: Auf jeden Fall. Im Eishockey geht’s ja meist um orthopädische Verletzungen, da sind dann die Kollegen gefordert. Die hatten natürlich nicht so viel zu tun, weil die Hauptarbeit diesmal bei mir gelegen hat (lacht). Insofern war auch der Kontakt zum Team intensiver als sonst.

Appel: Ja, sie ist noch intensiver geworden, weil die Spieler viel öfter zu mir kommen und Fragen stellen. Die Jungs sagen von sich aus: Können wir noch mal auf dies und das gucken? Sie wissen, dass ihr Körper ihr Kapital ist – und achten schon sehr darauf.

Krause: Corona hat alle enger zusammenrücken lassen. Wir haben auf Augenhöhe zusammengearbeitet. Das gilt sowohl für die Mannschaft als auch für das Trainerteam. Ich bin nicht der, der das bewerten kann, aber ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Zusammenstehen gegen Corona auch Teil des sportlichen Erfolges ist.

Von Frank Ziemke, Björn Mahr und Pascal Spindler

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