Mit der Weltmeisterschaft will das Land der Pharaonen ein Zeichen setzen

Handball-WM in Ägypten: Das sportliche Herz schlägt in den Kaffeehäusern

Der Star der Ägypter, Yahia Omar (beim Wurf), spielt in Ungarn bei Telekom Veszprem.
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Der Star der Ägypter: Yahia Omar (beim Wurf) spielt in Ungarn bei Veszprem.

Die Handball-WM in Ägypten läuft. Doch Fußball ist in dem nordafrikanischen Land die Nummer eins. Ein Situationsbericht.

Kassel - Anruf bei einem guten Freund in Ägypten. Eigentlich soll es um die Handball-WM gehen, aber ziemlich schnell dreht sich das Gespräch um die derzeitige Situation in dem nordafrikanischen Land und die Kaffeehäuser, als Sinnbild für die Veränderungen, die auch vor Ägypten nicht halt machen.

Wären wir jetzt beide in Kairo, würden wir uns vermutlich in einem der vielen Kaffeehäuser der Millionen-Metropole treffen, um über all das zu sprechen – und dabei nebenbei vielleicht ein Handball-Spiel verfolgen. Aber das geht derzeit nicht.

„Ahwas“ sind diese typischen kleinen Kaffeehäuser, die es an jeder Straßenecke in Kairo gibt und in denen sich normalerweise ein Großteil des öffentlichen Lebens abspielt. Der berühmte ägyptische Literat und Nobelpreisträger Naguib Mahfouz kam jeden Tag in das El-Fishawy Café im Bazar von Kairo, trank Tee und schrieb an seinen Büchern. Ein Leben ohne Kaffeehäuser ist für einen Ägypter möglich, aber sinnlos.

Denn egal ob reich oder arm, das Kaffeehaus kann sich jeder leisten. Ein starker Tee oder türkischer Kaffee gehören ebenso zu einem gelungenen Tag dazu wie eine Wasserpfeife. Hier wird der letzte Tratsch ausgetauscht, Verträge besiegelt – und eben auch leidenschaftlich in der Gemeinschaft Sport geschaut. In jedem Café hängt in einer Ecke ein Fernsehgerät. Und egal, wie klein das Gerät auch sein mag, wenn ein wichtiges Sportereignis ansteht, drängen sich die Ägypter in Trauben darum.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Denn, so erzählt es der Freund, seit Corona müssen die Ahwas bereits vor Mitternacht schließen. Was sich für einen Mitteleuropäer wie ein vor-pandemischer Traum anhört, ist für einen eingefleischten ägyptischen Kaffeehausgänger eine mittelschwere Katastrophe. Denn der geht normalerweise erst ab 22 Uhr in sein Ahwa, meist noch später, und sitzt da gern bis 2 Uhr am Morgen. In Downtown Kairo, dem Herz der Stadt und einem Zentrum der Kaffeehauskultur, dürfen die Cafés sogar teilweise gar nicht öffnen, sagt der Freund. „Es ist düster und traurig.”

Doch eine Ausnahme gäbe es: wenn ein wichtiges Fußballspiel ansteht. Als die Kairoer Erzrivalen Al-Ahly und Zamalek im Derby aufeinandertrafen, hätten die Kaffeehäuser ihre Stühle mit genügend Abstand nebeneinander aufgestellt, sodass doch Platz für alle war. Fußball ist eben die große Leidenschaft der Ägypter, da drückt auch die Staatsmacht ein Auge zu.

Es ist eigentlich ein Paradox. Während die Ägypter im Squash, Volleyball, Handball und Ringen zu den Besten der Welt zählen, gehört ihr Herz allein dem Fußball. Was auch mit Liverpools Superstar Mo Salah zu tun hat.

Doch nun veranstaltet Ägypten mitten in einer Pandemie eine Handball-WM im XXL-Format und das Regime will damit vor allem ein Zeichen setzen. „Es ist überall in den Medien”, sagt der Freund. „Das Regime will damit beweisen, dass Ägypten sicher ist.” Das Interesse sei zwar weniger groß als bei einem wichtigen Fußball-Ereignis, sagt der Freund, „aber wenn Ägypten gewinnt, kompensiert dieser Gewinn, dass es nicht Fußball ist.” Die Spiele ihrer Mannschaft werden sich die Ägypter also ansehen, zu Hause und in den Kaffeehäusern der Stadt. Denn, so glaubt der Freund: „Wir kämpfen um den Titel.” (Amira El Ahl)

Die Autorin: Amira El Ahl

Amira El Ahl (44) hat zehn Jahre als Korrespondentin in Kairo gearbeitet. Eine WM im eigenen Land hat sie in der Zeit nicht erlebt, dafür aber viele Kaffeehäuser besucht. Seit 2016 ist sie Redakteurin in der Redaktion Kreis Kassel. 

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