Melsunger beklagt Scheinheiligkeit im Westen und fordert reinen Tisch

Diskuswerfer Alwin Wagner: Doping? Na klar!

Während seiner aktiven Zeit: Alwin Wagner auf einer nicht datierten Aufnahme.

Kassel. Doping? Bei uns im Westen? „Klar“, sagt Alwin Wagner, „wer damals vor allem bei uns Werfern, aber sicher auch in anderen Bereichen, konkurrenzfähig sein wollte mit den Athleten aus dem Ostblock und den USA, der konnte Dopingmittel nicht ablehnen.“

62 ist der Melsunger inzwischen, war von 1972 bis ’88 einer der besten Diskuswerfer der Nation mit einer Bestweite von 67,80 m, die heute bei fast allen Wettkämpfen zum Sieg reichen würde. Fünfmal hintereinander war Hüne Wagner Deutscher Meister, der sechste Platz bei Olympia 1984 in Los Angeles sein international größter Erfolg. 1988 aber zu den Spielen in Seoul wurde der Nordhesse nicht mitgenommen - trotz der mit 66,92 m geknackten Norm.

„Das war die Strafe für mich, weil ich als einziger Athlet - bis heute - noch während meiner aktiven Zeit die Einnahme von Anabolika bzw. Testosteron, das damals noch nicht auf der Liste stand, zugegeben habe“, erklärt Wagner. Aussagen, dass damals fast jedem Sportler zumindest im Bereich von Kugel, Diskus, Hammer und Speer leistungsfördernde Mittel angeboten wurden und die Nennung von Namen brachten dem Melsunger einige Prozesse und Repressalien ein.

„Mein Problem war, dass ich meine Behauptungen nicht beweisen konnte“, sagt Wagner heute, da er für die Medien urplötzlich wieder zum gefragten Zeugen wird und sogar von der britischen BBC bereits befragt wurde.

Was den Diskuswerfer seit Jahren am meisten aufregt ist „die Scheinheiligkeit, mit der wir im Westen nach dem Fall der Mauer wie verrückt in Ostdeutschland nach Gründen, Hintergründen und Namen gewühlt und zugleich für uns hier alles abgestritten haben“. Denn: „Schon 1982 habe ich als Kapitän der Werfer-Nationalmannschaft NOK-Chef Willi Daume, den DLV-Präsidenten August Kirsch und Josef Neckermann als Vorsitzenden der Sporthilfe schriftlich darüber informiert, dass unsere Athleten verärgert darüber sind, dass sie immer mehr Mittelchen einnehmen müssten, um die immer höher geschraubten Normen schaffen zu können“, erklärt Wagner.

Damals, so der einstige Rebell, sei ihm der Mund verboten worden. „Umso mehr ist es recht und billig, dass jetzt endlich alles auf den Tisch kommt.“ Aber, und das erzürnt Alwin Wagner: „Auch jetzt noch werden in der Studie Ross und Reiter nicht genannt.“ Dabei wäre das Ganze doch längst verjährt, niemand brauche mehr eine Bestrafung zu befürchten. „Warum“, fragt Wagner, „schaffen wir es auch jetzt noch immer nicht, endlich reinen Tisch zu machen?“

Für die Zukunft indes sieht der 62-Jährige keine Patentlösung. Eine Löschung von Rekorden zum Beispiel mache keinen Sinn. „Denn niemand weiß doch, wie stark die Leute auf den Plätzen zwei, drei und dahinter auch gedopt waren.“

Fragen an regionale Sportler:

1. Was bringt es, nach so vielen Jahren jetzt noch die westdeutschen Dopingpraktiken offenzulegen?

2. Was haben Sie persönlich erlebt?

3. Welche Konsequenzen erwarten, fordern Sie?

Petra Behle (44), Biebertal, früher Willingen, 1988 - 98 Biathletin, Olympiasiegerin, neunfache Weltmeisterin

1. Mein erster Gedanke war: Wem liegt daran, dass dieses Thema jetzt hochkommt? Ein Zufall ist das sicher nicht.

2. Wenn systematisch gedopt wurde, warum bin ich nie mit diesem Thema und diesen Leuten in Berührung gekommen? Warum wurde ich nie gefragt, ob ich Interesse hätte?

3. Doping zu bekämpfen muss wichtige Aufgabe der Gesellschaft bleiben. Auch wenn es ist wie mit dem Hamster im Laufrad. Aber wir müssen über unsere Grenzen hinausblicken, sonst lacht man sich im Ausland kaputt über uns.

Jochen Behle (53), Willingen, 1986 - 98 Skilangläufer, 2002 - 12 Bundestrainer:

1. Mich verwundert, dass dieses Thema so lange unter Verschluss blieb. Aber es scheint doch logisch, dass man auf unserer Seite mithalten wollte und probiert hat, was wie gehen könnte.

2. Ich war ab 1987 mein eigenes Team, hatte mit dem DSV und den Ärzten wenig Kontakt. Bei uns Läufern habe ich nichts von Studien gehört, es gab ja auch schon Kontrollen. Im Biathlon soll was gewesen sein und bei den Italienern angesichts der Nähe zum Radsport.

3. Ein Knackpunkt ist, wenn Athleten - heute wie damals - nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Das geht gar nicht. Die alten Sachen sind verjährt, wir müssen nun verhindern, dass es wieder geschehen kann.

Horst Appel (58), Niestetal, 1976 - 87 Gewichtheber, EM-2. 1980, WM-3. 1982

1. Es war doch bekannt, dass auch hier im Westen etwas gelaufen ist. Vielleicht ist es jetzt eine Kampagne zur Rechtfertigung derer, die jetzt noch etwas nehmen.

2. Ich war damals Patient bei Keul und Klümper, erhielt Spritzen wegen Knie- und Hüftproblemen. Von Doping habe ich nichts mitbekommen. Für mich ist jetzt neu, dass es sogar von staatlicher Seite gekommen ist. Ich wurde oft kontrolliert und war sicher, dass Doping auffallen würde.

3. Den Sport bekommt man nie sauber, so lange es ein Rennen um Chancengleichheit ist.

Von Gerald Schaumburg

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