Vor Ort: Deutsche Meisterschaft in früherer Gewichtheber-Hochburg – Köster einzige heimische Starterin

Drei Titel bleiben in Nordhessen

+
Konzentriert: Anke Köster vom OSC Vellmar hat im zweiten Versuch im Reißen 44 Kilogramm in der Auesporthalle auflegen lassen. Dieses gehobene Gewicht bedeutet am Ende Platz vier für die 44-Jährige in ihrem erst zweiten Wettkampf.

Kassel. Bevor Anke Köster zum ersten Versuch im Stoßen die vier mal vier Meter große Plattform betritt, klatscht sie sich – von einer Tafel von den Blicken der 150 Zuschauer geschützt – mit beiden Händen motivierend auf die Wangen. Die 44-Jährige greift nach der Langhantel. Gesteckt sind 38 Kilogramm.

Die Frisörmeisterin stößt einen Seufzer aus, dann das Gewicht auf ihre Schultern. Die Athletin des OSC Vellmar war eine von 185 Teilnehmern bei den viertägigen Deutschen Meisterschaften der Masters-Gewichtheber (über 35 Jahre), die mit dem AC Adler, SAV Kassel, Eintracht Baunatal und dem OSC Vellmar vier nordhessische Gewichthebervereine in der Auesporthalle veranstalteten. Am Ende erkämpften die hiesigen zwölf Heber zehn Plätze auf dem Podium – darunter drei erste und drei zweite Plätze.

Für Anke Köster ist es nach der Hessenmeisterschaft im Oktober erst der zweite Wettkampf. Entsprechend aufgeregt ist die Ehefrau des Sportstudio-Inhabers Hans-Joachim Köster. „Im Wettkampf ist die Nervosität aber verflogen“, sagt Anke Köster vor ihren Versuchen, die sich um 90 Minuten verzögern. „Für das Gewichtheben braucht man Schnellkraft und Dynamik“, erklärt die Mutter von zwei Kindern (19, 20), was ihr an der Sportart gefällt, zu der sie vor einem Jahr vom Kraftdreikampf gekommen ist. Über den im November 2012 verstorbenen Kasseler Rekord-Gewichtheber Rudolf Küster, der auch ihr erster Trainer war.

Mit der Vergabe der Deutschen Meisterschaft nach Nordhessen hat der Bundesverband deutscher Gewichtheber (BVDG) indes auch langfristige Ziele im Sinn. „Kassel war einmal eine Gewichtheber-Hochburg“, erklärt Heinz Kuhn. Der BVDG-Mastersreferent amtiert in der Auesporthalle als Wettkampfleiter. „Wir hoffen, dass nach Jahren der Flaute unsere Sportart in Kassel wieder einen Aufschwung erlebt.“

Die Meisterschaft war nach Ansicht der Offiziellen dazu ein gelungener Schritt – da tat es auch keinen Abbruch, dass eine Wettkampfbühne aus Aluminium noch am Mittwochabend wieder abgebaut werden musste, weil sie statisch nicht stabil genug aufgestellt werden konnte. „Die Wettkampfbedingungen sind wunderbar“, lobt Christian Baumgartner, der als BVDG-Präsident auf Claus Umbach folgte. Der Baunataler wiederum hatte die Idee gehabt, die DM im Kasseler Jubiläumsjahr in die Fulda-Stadt zu holen.

Starke Nordhessen: Lars Schönewald (von hinten links, Eintracht Baunatal), Salih Suvar (SAV Kassel), Jörg Griesel (AC Adler Kassel), Marco Herrmann (SAV) und Claudius Klose (Eintracht Baunatal).

Einen neuen Deutschen Rekord in seiner Altersklasse im Reißen stellte unterdessen Salih Suvar (AK6/-77) mit 91 Kilogramm auf. Der 64-Jährige vom SAV Kassel trainiert derzeit fünfmal in der Woche für seinen Weltrekord-Versuch bei der EM in vier Wochen in seiner türkischen Heimat. Wie Suvar freute sich auch Manfred Heide (AK8/-62) über seinen ersten Platz. Der 73-jährige Heber von Eintracht Baunatal gewann angeschlagen trotz Erkältung. Auch Claudius Klose (AK1/-94) von Eintracht Baunatal landete ganz vorn.

Helmut Braun (AK8/-105) vom OSC Vellmar wurde in seinem zweiten Wettkampf Zweiter – genau wie Lars Schönewald (Eintracht Baunatal, AK1/-62) und Erich Figge (OSC Vellmar, AK8/+105). Dritte Ränge gab es für Marco Herrmann (SAV Kassel, AK1/-85), Michael Branke (Eintracht Baunatal, AK3/-85), Torsten Richter (AK2/+105) und Dieter Untiedt (beide OSC Vellmar, AK8/-77). Von Erkältungen geschwächt, musste dagegen Rudolf Pflugfeldner (AC Adler Kassel) passen. Der Olympiasieger von 1964 wäre mit 86 Jahren der älteste Heber gewesen.

„Ganz locker“, stimmt Trainer Klose Anke Köster ein. 22 Sekunden hat die 44-Jährige noch für ihren letzten Versuch im Reißen. Der Trainer hält seiner Heberin ein Riechfläschchen unter die Nase. Die Frisörmeisterin tritt nach einer Verbeugung vor dem dreiköpfigen Kampfgericht kräftig auf die hölzerne Plattform auf. „Beine nach vorn“, fordert Klose von der Seite. Doch trotz Trainer-Anweisungen bleibt es bei zuvor gehobenen 44 Kilogramm. Köster hatte das Gewicht im dritten Versuch um 18.47 Uhr zwar zur Hochstrecke gebracht, dabei aber nachgedrückt. Ungültig. „Ich bin glücklich, wenn ich etwa meine Bestleistung schaffe“, hatte Anke Köster zuvor gesagt. Sie verabschiedet sich mit Platz vier und einem Lächeln von Kampfgericht und Publikum. 45 Kilogramm im Reißen werden auf Dauer nicht ihre Bestleistung bleiben.

Von Sebastian A. Reichert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.