„Betreiben keinen Nischensport“

Ehemalige paralympische Schwimmerin Kirsten Bruhn über ihren Sport

Kirsten Bruhn
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Kirsten Bruhn

Fast 13 Jahre liegt der erste Besuch von Deutschlands bekanntester paralympischer Schwimmerin Kirsten Bruhn im Werra-Meißner-Kreis zurück und immer wieder zieht es die 51-Jährige in die nordhessische Region.

Wanfried – Wir haben Sie zum Interview getroffen und mit ihr über die aktuelle Situation im paralympischen Sport, die anstehenden Olympischen Sommerspiele in Tokio und ihre aktuellen Aktivitäten gesprochen.

Frau Bruns, was fällt Ihnen zum Thema Wanfried 2008 noch ein?
Lang, lang ist es her. Ich war damals in der Vorbereitung auf die Paralympischen Spiele in Peking. Dank der Unterstützung von Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhardt konnte ich damals im Wanfrieder Schwimmbad nach den offiziellen Öffnungszeiten noch mein Training absolvieren. Und das in Bronze gegossene Wappen der Stadt Wanfried, was ich vom Bürgermeister erhalten habe, war genauso im Gepäck für Peking wie der Eschweger Dietemann. Letztendlich hat es sich auch gelohnt. (Bruhm sammelte in fünf Wettbewerben fünf Medaillen, Anm. d. Redaktion.)
Was haben Sie nach Ihrem Karriereende gemacht?
Seit 2012 bin ich im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) beschäftigt. Zu meinen Tätigkeiten für das UKB und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zählt unter anderem auch die Vermarktung der Themen Integration und Inklusion in unserer Gesellschaft. Diese beiden Themen anhand meiner eigenen Erfahrungen, meinen Erlebnissen und bestehenden Möglichkeiten der Gesellschaft näher zu bringen und umzusetzen, ist für mich auch ein Stück Berufung. Zudem bin ich Botschafterin für das DRK Schleswig-Holstein und den Weißen Ring. Daneben habe ich noch Ehrenämter im Sport, in denen ich mich engagiere. Und das Thema Barrierefreiheit liegt mir am Herzen.
Kommen wir zum Thema Corona. Wie stark hat es Sie betroffen?
Ich bin soweit gesund, das ist das Wichtigste. Aber natürlich habe ich die Folgen sowohl beruflich als auch für den paralympischen Sport gespürt. Ein Teil meiner Tätigkeit besteht aus Präsenzvorträgen in Schulen und Universitäten. Zwar kann das ein oder andere über virtuelle Kontaktkanäle sichergestellt werden, aber insgesamt ist das natürlich nicht annähernd ein Ersatz. Ich hoffe, dass durch die Impfungen bald wieder erlebbare soziale Präsenz und sportliche Begegnungen möglich sind. Und auch mein geliebtes Schwimmen fehlt mir sehr. Denn Schwimmen ist auch heute noch viel mehr für mich, als nur Bewegung. Es ist nach wie vor auch eine Art Therapie und psychologische Hilfe für mich, denn im Wasser spüre ich meine Einschränkungen nicht.
Was bedeutet Corona für den paralympischen Sport?
Nach wie vor ist der paralympische Sport nicht durchgängig medial präsent. Durch die jetzige Zwangspause ist er insgesamt wieder ein Stück aus dem Blickfeld der Bevölkerung verschwunden. Es haben fast keine Events stattgefunden, was viele Sportler in ein großes Loch hat fallen lassen. Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, dass die Olympischen Sommerspiele in Tokio jetzt stattfinden. Ich bin überzeugt davon, dass in Japan optimale Bedingungen herrschen werden, um die Wettkämpfe unter größtmöglicher Sicherheit aller Beteiligten stattfinden zu lassen. Es ist auch wichtig für die Motivation der Athleten. Und man sollte bedenken, dass bei den paralympischen Sportlern auch insgesamt mehr Betreuer und ehrenamtlich Tätige notwendig sind, um die Wettkämpfe durchzuführen. Deren Motivation gilt es ebenfalls aufrechtzuerhalten.
Wie werden Sie die Paralympischen Spiele in diesem Jahr erleben?
Ich werde in Tokio vor Ort sein und für die ARD die Schwimmwettkämpfe kommentieren. Von der Stadt werde ich aber wohl nichts sehen, das lassen die Corona-regeln nicht zu. Selbst mein Essen werde ich auf dem Hotelzimmer einnehmen müssen, tägliche Tests sind ebenfalls Pflicht. Geplant ist, dass ich vom 21. August bis 7. September vor Ort sein werde.
Welche Lehren ziehen Sie noch aus Corona, welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Ich denke, dass wir seit Ausbruch der Pandemie noch deutlicher gesehen und gespürt haben, wie wichtig Bewegung für den Menschen ist. Dabei geht es nicht nur um Bewegung im Allgemeinen, sondern auch um deren Auswirkung für das psychische Wohlbefinden. Ich würde mir wünschen, dass der Wert der Bewegung gesellschaftlich viel stärker in den Fokus gestellt wird, das sollte schon im Kindergarten beginnen. Für den paralympischen Sport hoffe ich, dass zukünftig noch mehr Veranstaltungen parallel zu den Events der „anderen“ Sportler stattfinden, um zu zeigen, dass wir keinen Nischensport betreiben. (Stefan Konklowsky)

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