Start in die 3. Bundesliga verschoben

Ein ganz neues Wir-Gefühl bei den Turnerinnen der TG Kassel

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Da war die Welt in Ordnung: Im November 2019 freuen sich die Turnerinnen der TG Kassel über den Aufstieg in die 3. Bundesliga. Das sind (von links) Trainerin Maren Lieblein, Julia Kremer, Mimi Eiser, Rica Leinwather, Lara-Nele Angelstein, Laurana Schachtschneider, Tabea Preuß, Laura Köhler, Leonie Kurz und Traine rin Michaela Mendra. 

In gut zwei Wochen wäre sie losgegangen. Die Saison in der 3. Bundesliga. Der Traum, für den die Turnerinnen der TG Kassel so hart geschuftet haben. Stattdessen sagt Michaela Mendra: „Mir fehlen die Mädels. Ich bin ja mehr als ihre Trainerin.“ Nur Kontakt über soziale Medien sei eben nicht das Gleiche. Wie so viele andere in diesen Tagen merkt die 30-Jährige, wie sich Vermissen anfühlt.

Die Coronakrise hat auch Nordhessens Turnleistungszentrum lahmgelegt. Die Halle auf der Jugendburg Sensenstein, das Wohnzimmer und der Treffpunkt der Turntalente, ist seit Wochen verwaist. Paradoxerweise spricht die Stützpunkttrainerin davon, dass der Abstand den Zusammenhalt im Team gestärkt habe. Ein ganz neues Wir-Gefühl sei entstanden: „Alle ziehen an einem Strang und registrieren, dass sie am besten gemeinsam durch diese Zeit kommen“, sagt Mendra. Ihre Schützlinge merkten jetzt richtig, was sie aneinander haben.

Die räumliche Trennung lässt die Zahl der Beiträge in der WhatsApp-Gruppe in die Höhe schießen. Fotos, Videos. Damit würden sich die Mädels gegenseitig motivieren. Ein Beitrag sorgte für einen Kloß in Mendras Hals. Eine Athletin postete ein älteres Bild von der leeren Turnhalle und schrieb dazu: „Könnt ihr das auch riechen?“ Die Sehnsucht nach Normalität wächst, und die kleinen Details des Alltags werden plötzlich unglaublich bedeutsam.

Zumal es nicht viele Strohhalme zum Festhalten gibt. Wann und ob die Saison startet, lässt sich nicht beantworten. Bei den Turnerinnen überwiege die Enttäuschung, sagt Mendra. Wer will es der jungen Riege verübeln? „Sie waren fit, die Ergebnisse bei den ersten Wettkämpfen waren vielversprechend, die Mädels wollten in der dritten Liga durchstarten“, erklärt die Trainerin, deren größte Aufgabe nun darin besteht, ihr Team bei Laune zu halten.

Denn natürlich fragen sich die Turnerinnen: Warum sollen wir uns fit halten. Wofür sollen wir uns quälen? Unabhängig davon, wie lange sich die Coronasperre noch hinzieht, sei anhand des Wettkampfplans absehbar, dass die Wettbewerbe frühestens nach den Sommerferien gestartet werden. Von daher sei es äußerst schwierig, „die Mädels zu motivieren. Da musst du dir was einfallen lassen“, sagt Mendra. Und dass die Mädchen dabei nicht an die Geräte dürfen, mache die Sache nicht wirklich einfacher.

Heißt: Genau wie Fuß- und Handballer lieber mit Ball trainieren, wollen die Turnerinnen an die Geräte – an den Schwebebalken, Boden, Stufenbarren und den Sprung. Und weil das nicht geht, müssen turnspezifische Einheiten durch athletische ersetzt werden. „Und das macht den Mädels keinen Spaß“, sagt Mendra. Normalerweise wird beim Turnen eines Elements die Athletik automatisch mittrainiert, „ohne dass sie es merken“.

Zum Glück gibt es die sozialen Medien. Um das Ganze aufzupeppen, werden Challenges gestartet. Die Mädchen fotografieren sich beim Schwitzen oder drehen Videos, es werden Preise ausgelotet. Außerdem versucht das Trainerteam, die Aufgaben so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten.

Allerdings sind die Trainerinnen keine Experten in Sachen Schnellkraft oder Kraftausdauer. Florian Sölter schon. Der Athletik-Coach von Handball-Bundesligist MT Melsungen ist zufälligerweise mit Jana Iskandar, einer Trainerin im Leistungszentrum, liiert. „Florian hat uns ein paar Tipps gegeben“, sagt Mendra, die hofft, dass die ansonsten positive Stimmung nicht kippt. Auch für die Turnerinnen gilt in der Coronazeit: Geduld haben und abwarten.

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