Keine Funktionäre mehr

Ernst-Reiner Claus übergibt Studio des Kasseler Kraftsportclubs in private Hände

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Das Ende einer Ära: Ernst-Reiner Claus, Vorsitzender und letzter verbliebener Funktionär des Kraft-Sport-Clubs Kassel, löst den von ihm vor 47 Jahren gegründeten Verein auf . 

Die Zeit scheint stehen geblieben. Nicht nur alte Trainingsmaschinen, Bilder und sonstige Zeugen der Vergangenheit springen ins Auge. Beim Kraftsportclub Kassel (KSC) stehen die Zeichen auf Abschied: Ernst-Reiner Claus, Gründer und seither Vorsitzender, löst den gemeinnützigen Verein auf und gibt das älteste Kasseler Sportstudio in die Hände eines privaten Betreibers. Und bei genauem Hinsehen wird klar: Die Zeit ist nicht stehen geblieben, aber die Uhren an den Wänden zeigen noch Winterzeit an. Für wen hätte man sie umstellen sollen, zumal derzeit ohnehin niemand trainieren kann?

„Nachfolger habe ich nicht gefunden. Inzwischen bin ich sogar der einzige Funktionär“, sagt Claus. Offiziell endet seine Ära am 31. Mai, aber mit Aus- und Aufräumen ist er bereits jetzt beschäftigt. Wobei viele Erinnerungen heraufbeschworen werden, nicht selten wehmütiger Art.

Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre entstanden in Deutschland die ersten Sportstudios. Nach zwei Jahren der Vorbereitung eröffnete Claus 1973 im Magazinhof an der Leuschnerstraße den Kraftsportclub Kassel. Der Leistungsgedanke stand nicht im Vordergrund. „Wir wollten was machen für alle, die nicht unbedingt Weltmeister werden wollten“, sagt der 77-Jährige. Viele der Geräte hatte er selbst entwickelt. Manche wurden aus altem Schrott in den Werkstätten der Bundeswehr, wo er als Maschinenbau-Ingenieur tätig war, hergestellt. Schon damals kooperierte Claus mit Josef Schnell, in den 50er-Jahren mehrfacher Deutscher Gewichthebermeister. Dessen 1957 gegründetes Unternehmen produziert auch heute noch Sport- und Fitnessgeräte.

Viele der alten Trainingsgeräte sind noch in Gebrauch. Sie wurden erneuert, moderne kamen hinzu. „Aber gerade unsere älteren Mitglieder schätzen alte Geräte wie die Langhantel“, sagt Claus.

Bald nach der Eröffnung hatte der Verein großen Zulauf. „Es kamen alle, die ein bisschen schöner und stärker werden wollten. Es kamen auch jene aus den Athletikklubs AC Adler und Phoenix, die nicht unbedingt Deutscher Meister werden wollten“, betont Claus.

Nachdem einige Mitglieder ihren Sport leistungsorientiert betreiben wollten, bauten sie eine Mannschaft auf und feierten Erfolge (siehe „Hintergrund“). „Das ist gescheitert, weil viele von ihnen der Chemie mehr vertrauten als dem Training. Ich war immer Gegner der Spritzerei, deshalb wurde das Team 1995 aufgelöst“, blickt Claus, selbst mehrfacher Deutscher Meister, zurück.

1997 zog der KSC von Niederzwehren in die Brandenburgerstraße. Allerdings von da an unter dem Namen „Sporttreff Marbachshöhe im KSC“. Warum das? „Das geschah auf Drängen unserer Damen. Viele meinten ,Was soll mein Mann bloß sagen, wenn ich Kraftsport mache?’“, berichtet Claus.

In Hochzeiten trainierten über 200 Mitglieder im Club. „Wir hatten immer auch eine Menge Jugendliche, ganze Schulklassen tauchten auf. Viele Mitglieder heute sind über 70.“ Jetzt gingen viele zu den modernen Studios: Die versprechen ewige Jugend und sind die ganze Nacht geöffnet.“

Beim KSC reicht es indes nicht mehr, um die Miete zusammen zu bekommen. „Daher muss ich den Club abwickeln und gehen, obwohl er mein Kind ist“, sagt Claus.

Weiter betrieben wird das Studio von einem Nachfolger. Die Mitglieder-Verträge sollen übernommen werden. Auch Claus und seine Frau wollen weiterhin dort trainieren. „Zumindest, wenn wir uns hier auch dann noch gut aufgehoben fühlen“, sagt er. Aber nicht nur auf den Sport kommt es an: „Wir wollen die alten Mitglieder weiterhin treffen. Das ist wie ein kleines Klübchen mit Kaffeetrinken.“ Bis das hoffentlich bald möglich ist, werden wohl auch die Uhren wieder die richtige Zeit anzeigen.

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