Lehn dich zurück

Laufen ist alles und nichts: Ein Plädoyer für mehr Spaß anstatt Leistung

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"Dein Geschenk ist, dass du dich frei bewegen kannst", findet Anna Hughes.

Laufkolumnistin Anna Hughes hat einen Freund getroffen, der eine Herztransplantation hatte - und weiterläuft. Warum wir uns beim Laufen locker machen sollten. 

Beim Schreiben dieses Artikels blicke ich einerseits von Freude erfüllt und andererseits etwas wehmütig auf dieses Jahr zurück, denn leider ist dies der vorerst vorletzte Artikel, den du hier von mir zu lesen bekommst.

Ich wollte diesmal keinen klassischen Artikel mit Tipps und über spezielle Methodiken schreiben, sondern über das Laufen sinnieren – in der Absicht, dich zu inspirieren. Denn mittlerweile solltest du gut ausgestattet sein mit einem großen Fundus an Artikeln rund ums Thema Trainingslehre, Kniffe aus dem Mentaltraining und natürlich viel Wissenswertem rund um die Ernährung. Vielleicht konntest du das ein oder andere bereits in deinen Läufer-Alltag integrieren und sogar ein paar kleine und große Erfolge feiern.

Gestern kontaktierte mich spontan ein Bekannter, der vor einigen Jahren eine Herztransplantation hatte und nicht nur Langstrecken-Triahtlons macht, sondern auch Ultradistanzen läuft. Er war auf Skitour hier in den Bergen und so trafen wir uns auf einen Kaffee. Das ursprünglich kürzer geplante Gespräch dauerte dann fast zwei Stunden. Er erzählte fast ohne Punkt und Komma von seinem langen Weg zurück in ein einigermaßen normales Leben. Darüber, wie er immer wieder neue Herausforderungen und versucht, Maß zu halten und auf sich zu achten. Nicht ständig dem gesellschaftlichen Optimierungswahn zu erliegen, sondern mehr in den Körper zu horchen, ist für die meisten von uns eine knifflige Angelegenheit.

Anfang Dezember war besagter Bekannte auf Lanzarote, um dort einen Marathon zu laufen, was ihm auch richtig gut gelang. Im Hotel traf er einige Freunde aus dem Triathlon und einer sagte zu ihm: „Du, ich muss gleich noch eine lange Radausfahrt machen und danach fünf Kilometer laufen.“ Müssen?

Kennst du selbst auch dieses Gefühl, zu denken, dass du laufen musst, weil dir entweder ein Trainer, ein Trainingsplan oder du dir selbst sagst, dass du musst? Zugegeben, ich war mal eine Weile ähnlich unterwegs. Was auf dem Plan stand, versuchte ich gnadenlos und kompromisslos einzuhalten. Und oft lief ich, wenn die Uhr 9,76 Kilometer anzeigte, noch die restlichen 240 Meter, um die zehn Kilometer voll zu haben. Im Nachhinein weiß ich: Das kann wie ein Zwang sein. Erst wenn alles zu 100 Prozent eingehalten wurde, bist du zufrieden. Irgendwann sitzt du in einer Spirale fest, die nur den Weg nach unten kennt, bis schleichend Frust, Ärger und sogar Burn-Out die Folge sein können.

Lehne dich also etwas zurück und sei nett zu dir

Erfolg ist weniger möglich, wenn du ständig das Gefühl hast, etwas tun zu müssen. Davon gibt’s meist im Job schon genug. Laufen ist für die meisten von uns Freizeitspaß. Mein Bekannter sagte seinem Freund dann: „Mach dich locker. Du verdienst damit nicht dein Geld.“ Das klingt wie eine Ohrfeige, aber bringt uns genau dahin zurück. Unsere Brötchen verdienen wir auf anderen Wegen, nur nicht mit Laufen. Auf meine Frage nach Verletzungen antwortete mein Bekannter, dass er nach längeren Belastungen entweder pausiert oder auf Alternativtraining setzt. Nach seinem Ultramarathon über 80 Kilometer im Juni diesen Jahres lief er bis September gar nicht, sondern radelte mehr.

Dein Geschenk ist, dass du dich frei bewegen kannst

Hetze weniger deinen Zielen hinterher, sondern frage dich nach dem Aufstehen: Was tut mir heute gut? Ist es die schnelle, intensive Einheit auf dem Plan oder tausche ich lieber mit einem lockeren Lauf? Was bringt mich heute weiter? Deine Intuition weist dir langfristig mehr den Weg als jeder noch so ausgeklügelte Plan.

Nutze also verschiedene Sportarten, um fit zu bleiben. Laufen kann absolut Hauptbestandteil deiner Routine sein, aber noch mehr Gutes tust du dir mit Abwechslung. Variiere zwischen Belastung und Entlastung, Intensität und lockeren Einheiten. Erst in den Erholungsphasen wirst du fit. Und nur ein Duracell-Häschen hält lange durch, du bist keine Maschine.

Mehr Sein statt Schein

Laufen wird zu einer runden Sache, wenn du dir klar darüber wirst, welcher Läufertyp du bist. Anstatt zu schauen, was jeder auf Social Media postet, und anderen nachzueifern, kannst du dir folgende Fragen stellen:

Siehst du dich als Genuss-Läufer? Mit oder ohne Wettkampfambitionen? Bist du happy, zehn Kilometer zu laufen, oder reizt dich ein Halbmarathon? Hast du Lust, deine Komfortzone weiter zu verschieben und deinen ersten beziehungsweise nächsten Marathon zu laufen? Oder bist du der High Performer, der voll auf Leistung geht und darin seine Selbstverwirklichung sieht? Alles ist gut und berechtigt. Es gibt kein Richtig oder Falsch, nicht die eine Formel. Wichtig ist, dass du dir selbst treu bleibst und das tust, womit du dich am wohlsten fühlst. Je mehr du in Übereinstimmung mit deiner Haltung gegenüber dem Laufen bist, umso bessere Ergebnisse, sprich mehr Erfolg, ist für dich möglich.

Zum Ende des Kaffeegesprächs sagte mein Freund: „Tu am Ende das, was dir am meisten Spaß macht. Achte auf deine Tagesform, denn auch die ist entscheidend – ob du Fortschritte machst oder nicht. Und vor allem ist es wichtig, gesund zu bleiben“.

Er, der mit einem Spenderherz lebt, muss es wissen. Dass es nicht immer um höher, schneller, weiter gehen muss, sondern darum, sich bewusst zu machen, jeden Tag von Neuem wählen zu können. Geh raus und sei frei!

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