Marathon des Sables ist eines der härtesten Etappenrennen der Welt

Für Läufer liegt die Freiheit darin, in die Wüste geschickt zu werden

+
Ohne Wasser kommt man nicht weit in der Wüste - viel mehr braucht man aber auch nicht: Ein Teilnehmer des Marathon des Sables 2007 in der marokkanischen Sahara.

Jahr für Jahr starten Hunderte Läufer beim Marathon des Sables, einem der härtesten Etappenrennen der Welt. Für unsere Lauf-Trainerin Anna Hughes war die Teilnahme ein Schlüsselerlebnis.

Er will mal so richtig ran, sagt mir der erfolgreiche Inhaber einer Werbeagentur. So richtig zeigen, was geht. Wir sitzen nebeneinander im Bus auf dem Weg in die Wüste. Unterwegs zum Start bei der „Mutter aller Wüstenläufe“. Auf rund 250 Kilometern, verteilt auf sechs Etappen, wollen wir einen Teil der südmarokkanischen Sahara durchqueren.

Im Bus auf der Fahrt ins ungewisse Abenteuer. 

Auf dem Schoß haben wir schwere Rucksäcke. Sie sind bepackt mit dem Nötigsten für eine Woche, Essen inklusive. Überschwänglich berichtet mein Mitfahrer von langen Trainingseinheiten mit Steinen im Rucksack und wie viele Kilometer er trainiert hatte. Ich beginne zu zweifeln, ob ich selbst genug getan habe und sage nicht viel. Am Tag der zweiten Etappe sehe ich ihn wieder. Er übergibt sich, torkelt ins Camp – und muss aufgeben. Die Hitze hatte ihm zu sehr zugesetzt.

Was bewegt so viele Menschen, sich ausgerechnet derart widrigen Bedingungen zu stellen?

Das sehnsüchtige Warten auf einen Startplatz

Patrick Bauer, der Begründer und Chef dieses legendären Rennens, lief in den frühen 80er-Jahren 350 Kilometer durch den Sand, über ausgetrocknete Salzseen und Felsen. Die Strecke legte er in nur zwölf Tagen zurück, ganz allein übrigens.

Vor elf Jahren beim Marathon des Sables: Anna C. Hughes

Zwei Jahre später war die Idee eines eigenen Rennens geboren, das mittlerweile einen kometenhaften Aufstieg erlebt hat. Oft warten Anwärter jahrelang sehnsüchtig auf einen Startplatz. Weil es in unserer hochtechnisierten Welt diese Sehnsucht nach etwas Purem, Essenziellem gibt. Das Streben nach Freiheit, das in uns allen ist und nur noch entdeckt und freigesetzt werden will. Für manche geschieht das ausgerechnet in der Wüste, dem vermeintlich lebensfeindlichsten Raum.

Sie üben eine besondere Faszination auf viele Menschen aus, die Wüsten der Erde. Magische Landschaften, warmes Licht, der Mix aus Schroffheit und Sanftheit. Es verwundert, dass dort überhaupt Leben möglich ist. Doch es gibt Pflanzen, Tiere, Menschen, die in ihr existieren.

"In der Wüste durchläufst du eine Gehirnwäsche"

Anna C. Hughes

Ich erinnere mich mit ein wenig Wehmut an ein Paar sehr glücklich strahlender Kinderaugen in Marokko. Die eines Jungen, der um Essen bettelte. Bekleidet war er mit langer Hose und einem dunklen Pulli – der auch noch die Aufschrift „Anna“ auf dem Rücken trug. Es war ein berührender Moment, denn in der Wüste durchläufst du eine Hirnwäsche: Du hast das Gefühl, dass dein gesamtes System so richtig durchgeschüttelt wird. Dort ist eine andere Art von Freiheit erlebbar. Freiheit, die nicht an Bedingungen geknüpft ist, sondern nur ans Sein.

Du beugst dich der Natur, gibst angesichts der gnadenlosen Hitze klein bei. Mit jedem Schritt versandet das Ego. Gleichzeitig wächst der Fokus auf das Wesentliche. Sinnfragen kommen auf: Was mache ich hier? Wer bin ich?

In der Wüste wird man sich bewusst, wie klein man eigentlich ist. Aber auch, was man alles schaffen kann.

Vielleicht hat dich auch schon mal jemand in die Wüste schicken wollen – oder du wolltest selbst jemanden dorthin schicken. Doch was steckt eigentlich hinter dieser scheinbar lapidaren Aussage?

Geschichtlich betrachtet stammt sie aus dem Alten Testament: Ein mit Sünden beladener Bock, der uns bekannte Sündenbock, wird in die Wüste geschickt, er trägt die Schuld des jüdischen Volkes auf seinem Rücken. Wer in die Wüste geschickt wird, wird vom lebensfreundlichen in den lebensfeindlichsten Bereich gewiesen. Eine Flucht in die Superlative? Es ist nicht bekannt, ob Patrick Bauer damals in die Wüste geschickt wurde. Fakt ist, dass die Faszination seines Abenteuers bleibt.

Den Beweis, dass Leben, in der sengenden Hitze möglich sind, liefern jährlich die Teilnehmer des Marathon des Sables. Die Ausfallquote liegt im Schnitt bei nur zehn Prozent. Von lebensfeindlich keine Spur. Denn wir Menschen sind anpassungsfähiger als wir glauben. Wir haben die Fähigkeit, über unsere Grenzen hinauszuwachsen. Es ist ein Grenzgang der anderen Art.

Einige meiner Freunde fanden die Idee, in solche Gefilde zu reisen, viel zu extrem, viel zu gefährlich. „Du bist doch Mutter und hast Verantwortung.“ Trotzdem ging ich unbeirrt meinen Weg und stand 2008 am Start in ein neues Kapitel meines Lebens, irgendwo im Nirgendwo.

Die Wüste, sie hinterlässt Spuren. Sie ist eine wahre Gehirnwäsche, für jeden auf eine andere, ganz eigene Art. Dabei ist es besonders erstaunlich, dass gerade der mal als „härtester Etappenlauf der Welt“ deklarierte Marathon des Sables eben auch jene fasziniert, die sportlich eher wenig ambitioniert sind. Bei jeder Etappe trotten sie in langsamem Tempo vor dem letzten Kamel daher, dem „Besenkamel“. Ankommen heißt die Devise.

Weil es der Lauf in ein neues Leben ist. In dem nur man selbst die Richtung und das Tempo bestimmt.

Die Definition von Freiheit

Mit Freiheit verbinden wir oft Zeitfreiheit, finanzielle Freiheit oder einfach tun und lassen zu können, was wir wollen. Nach Lust und Laune handeln. Die Art von Freiheit, die an Bedingungen geknüpft ist: Erst, wenn etwas erfüllt wird, können wir vermeintlich Freiheit erleben.

In der Wüste dann erschlägt so manchen die Weite, wenn am Horizont die Gluthitze flimmert und da sonst nichts ist. Nichts. Einige, ich erlebte es aus nächster Nähe, konnten nicht zum Start antreten. Die Weite, die Schutzlosigkeit vor der unerbittlichen, heißen Sonne führte zu akuter Panik und Angstzuständen.

Nur man selbst und die Natur, die karge und doch anmutig schöne Landschaft um einen herum. Der Rücken muss kiloweise Gepäck auf dem Rücken aushalten. Für eine Woche wird nur das mitgeschleppt, was teuer und wichtig wird: viel Wasser, etwas Essen und warme Kleidung, wenn nachts die Temperatur drastisch sinkt.

Ein Rucksack mit allem, was man für eine Woche braucht: Anna C. Hughes beim Marathon des Sables 2006.

Man lernt, nur noch auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, schnell Entscheidungen zu treffen und zu improvisieren. Die Wüste ist eine einzigartige Möglichkeit, sich wieder mehr auf sich selbst einzulassen. Eine andere Art von Freiheit zu erfahren.

Man lernt, sich hinzugeben. Sich auf sich selbst festzulegen. Es geht dann nicht mehr darum – wie so oft im Alltag -, den inneren Schweinehund zu bekämpfen oder möglichst viel abzuarbeiten, zu schuften für ein bisschen Freiheit. Das ist in der Wüste ein Trugschluss. Dort geht es eben mal nicht um Dinge, die zwingend zu erledigen sind und um Verpflichtungen. Man lässt los, lebt nur den Moment und entscheidet in ihm.

Der kurzzeitige Ausstieg aus dem Alltag kann ein Leben langfristig verändern. Erlebnisse, wie man sie in der Wüste erfährt, mögen vielleicht flüchtig sein. Doch die Investition in sich selbst erfüllt auch mit großer Dankbarkeit – anders, als dies bei materiellen Dingen der Fall ist.

Die 4. Etappe beim Marathon des Sables 2006. Anstiege in den Dünen müssen gelernt sein.

Das Umfeld profitiert von diesen extremen Erfahrungen. Gelassener und mit einer großen Portion innerer Ruhe lassen sich Herausforderungen im Alltag einfacher meistern, Schwung in Freundschaften bringen, auf die man sich bewusster, intensiver konzentriert. Extremerfahrungen relativieren das Leben.

Was ist mit dir? Lass dich doch auch mal in die Wüste schicken. Oder wähle selbst, wie du für ein paar Tage oder Stunden aus dem Trott aussteigst, um deinen Rucksack des Lebens neu zu füllen, Altes hinter dir zu lassen und deinen Horizont zu erweitern. Es muss ja nicht gleich der Marathon des Sables sein.

Wenn es Nacht wird im Zeltlager zwischen den Etappen. 

FACEBOOK-GRUPPE: GEMEINSAM LAUFEN

Auf Facebook haben wir eine Gruppe gegründet für alle, die einfach Lust am Laufen haben - und sich mit anderen darüber austauschen wollen: Laufen - für Herz, Seele, Geist und Spaß. Neben Anna Hughes ist dort auch Rückwärtslaufen-Weltmeister Hassan Kurt Mitglied. Außerdem Jens Nerkamp vom PSV Grün-Weiß Kassel, einer der schnellsten Läufer Deutschlands. 

Wollt ihr dabei sein? Wir freuen uns auf euch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.