Nerven narzisstische Fitness-Darsteller tatsächlich so?

Pro und Kontra: Sollten Hobbysportler ihre Trainingseinheiten bei Facebook und Co. posten?

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Sportler wollen immer perfekt sein: Wer ständig Trainingsergebnisse bei Facebook und hübsche Bilder von sich bei Instagram postet, kann andere damit motivieren, aber auch zur Weißglut treiben.

Wer auf seine Facebook-Timeline schaut, bekommt schnell ein schlechtes Gewissen. Ständig posten Läufer ihre Trainingsdaten und Fitness-Freaks Selfies aus dem Gym. Muss das sein? Ein Pro und Kontra.

Pro: Social Media kann motivieren

Vom Muskel-Look eines durchtrainiertes Fitness-Models bin ich weit entfernt. Als Läufer gehöre ich eher zur Schicht der dürren Heringe mit etwas eingefallenen Wangen und diesem leicht gehetzten Gesichtsausdruck bei Selfies mitten im Training.

Jens Nähler

Trotzdem gibt es jede Menge Trainingsddetails und auch Bilder von mir - für die ich mitunter sehr uneitel sein musste, um sie zu posten. Sogar Livevideos auf Facebook inmitten von Wettkämpfen, die ihre Betrachter finden. Weil ich unter Läufern bin. Und Läufer unter sich eine ganz besondere Klientel sind. Wir können damit umgehen, dass da einer stärker und ein anderer schwächer ist, einer besser, einer schlechter aussieht. Wir wollen uns nur trainieren sehen. Uns gegenseitig motivieren, im Blick nach oben wie nach unten. Bei uns schaut niemand auf den Sixpack, den eh auch keiner hat.

Dafür hat jeder mal klein angefangen. Und es gibt viel zu viele Fragen in diesem Sport, als dass ich sie mir nicht von anderen Läufern beantworten lassen wollte. Sei es auch nur, indem ich Trainingseinheiten studiere, ihnen Likes gebe oder verrate, dass das ein besonders schönes Foto einer Einheit sei. Ich kann nicht genug davon bekommen. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern mit Respekt. Wen das nervt, der sollte selbst Läufer werden und es verstehen lernen. Oder mich entfreunden. Denn mich gibt es als Freund auch neben Facebook und Instagram - und das nicht nur auf der Strecke.

Letztens hatte ich ein kleines Tief. Und wer fragte besorgt als erster nach, was mit mir los sei? Die, denen aufgefallen war, dass da einer nicht mehr läuft. Der das aber immer tun wollte und sollte, sein eigener Anspruch. Nicht zuletzt deswegen, liebe Kritiker, heißt es ja auch soziales Netzwerk. Danke, Freunde!

Und wer sich gegenseitig seinen trainierten Bauchnabel zeigen will und dabei eingeölt in die Kamera lächelt, wird bestimmt seine eigene, kleine Welt Gleichgesinnter finden. Nur da bin ich dann, zugegebenermaßen, auch endgültig raus.

Kontra: Netz-Sportler nerven total

Matthias Lohr

Vor einigen Monaten erzählte Dirk Nowitzki bei Twitter eine sehr lustige Pointe. Die Basketball-Legende schrieb: "Jeder postet seine Bilder vom Workout. Darum kommt hier meine Sommer-Plackerei auf meinem neuen Rad." Dazu postete Nowitzki ein Bild, das ihn auf einem viel zu kleinen und ziemlich alten Alltagsrad mit Kindersitz auf dem Gepäckträger zeigte. Im Hintergrund ein See und strahlend blauer Himmel. Nowitzki sah nicht aus wie ein Jahrhundertsportler, sondern wie jemand, der in kurzen Hosen mal eben zum Baggersee radelt.

Sein Tweet war eine ziemlich gelungene Parodie auf all die Fitness-Selbstdarsteller, die jede Trainingszwischenzeit mit Maximalpuls und durchschnittlicher Herzfrequenzrate bei Facebook posten und die bei Instagram selbst durchgeschwitzt noch wie perfekte Models aussehen. Es ist toll, wenn Menschen Sport treiben, dabei Spaß haben, fit werden und gesund bleiben. Aber Menschen, die all das ständig der Welt mitteilen müssen, nerven.

Komisch: Niemand, der noch halbwegs bei Trost ist, käme auf die Idee, seinen monatlichen Kontoauszug bei Facebook zu posten. Beim sportlichen Körper indes, der so etwas wie die Währung unserer narzisstischen Selbstoptimierungsgesellschaft ist, finden das sehr viele Menschen sehr normal.

Irgendwann während einer längeren Verletzungspause musste ich einigen Facebook-Kumpels die Freundschaft kündigen. Ich konnte es nicht mehr ertragen, tatenlos mitansehen zu müssen, wie sie Spaß an der Bewegung hatten. Mittlerweile laufe ich wieder und habe Strava entdeckt, eine aus Schweden stammende App, mit der man seine Läufe und Radtouren per GPS vermessen und sein Trainingstagebuch verwalten kann. Das Beste sind sogenannte Segmente, Streckenabschnitte, die jeder festlegen kann und die jeder andere dann ebenfalls bewältigen kann. Aus allen Zeiten stellt Strava Bestenlisten zusammen. Jeder Nutzer kann also überall und immer an einem virtuellen Rennen teilnehmen.

Schon nach wenigen Trainingseinheiten mit der App war ich süchtig. Man schaut, wie lang die anderen für den Anstieg zum Hohen Meißner gebraucht haben, ob man es diese Woche in die Top Ten geschafft hat und man klopft den anderen auf die Schulter, indem man Kudos verteilt, wie die Likes bei Strava heißen. Ich bin so begeistert, dass ich kurz davor bin, meine Strava-Ergebnisse auf Facebook zu teilen. Dirk Nowitzki wird mich dafür zu recht verachten.

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