Was gäben wir dafür, wenn ein Ball rollen würde

Fußball, du fehlst!

Freier Rasen, leere Ränge – hier im Kasseler Auestadion. Dass der heimische Fußball wie derzeit fast alles im Lockdown ist, wiegt schwerer als alles, worüber wir vor Jahresfrist nörgelten.
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Das Kasseler Auestadion, derzeit im Lockdown

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, da haben wir an dieser Stelle vier Wünsche formuliert. Vier Wünsche an den Fußball, den Profi- wie auch Volkssport Nummer eins in Deutschland. Was ist draus geworden? Wir nehmen’s mal vorweg: nichts. Es ist nämlich alles viel schlimmer.

Erstens: „Labert uns nicht dumm und dusselig“ – das haben wir dem Ball entgegengerufen. Oder besser denen, die seine Laufwege verfolgen und alles besser wissen. Den Kommentatoren, Analysten, Experten. Ist das anders geworden? Besser? Nein. Haben wir auch nicht erwartet, ehrlich gesagt. Noch immer wird ein Spiel auseinandergenommen in alle Einzelteile, jede Bewegung bewertet. Manches ist aufschlussreich – welches Team mehr läuft als das andere etwa. Vieles kommt aber womöglich aus der Trainerakademie oder aus dem Laptop des Taktikfuchses auf der Bank. Dort ist es nützlich. Und dort darf es gerne bleiben.

Zweitens: der VAR. Was aus dem Keller in Köln kommt, hat das Spiel nicht schöner gemacht. Fehlentscheidungen treffen Schiedsrichter, aber auch die, die sie kontrollieren. Dem Schiedsrichter allerdings wird die Autorität genommen, letzte Instanz zu sein, wenn es um strittige Szenen geht. Das macht ihn angreifbar. Und das Spiel zerfahren.

Drittens: „die Mannschaft“. Ich sitze mit offenem Mund vorm Fernseher. Kann nicht glauben, was ich da sehe. Sechsmal klingelt es im Kasten von Manuel Neuer. SECHSMAL! Spanien zerlegt die deutsche Nationalelf nach allen Regeln der Kunst. Und ich? Ärgere mich nicht. Zucke höchstens mit den Schultern. Das wankelmütige Starensemble, das sich „die Mannschaft“ nennt, packt mich schon lange nicht mehr.

Dieses Jahr soll Europameisterschaft sein. Dass sie wie geplant in zwölf Ländern des Kontinents stattfindet, glaubt mit Sicherheit niemand mehr.

Ob sie überhaupt stattfindet? Eine WM oder EM lebt von den Fans. Wer erinnert sich nicht gern an das „Huh-huh“ der Isländer? An Nordirlands „Will Grigg’s on fire“? Davon sind wir meilenweit entfernt in diesen Tagen. Dafür, Fußball, kannst Du nichts. Aber es zeigt uns eindeutig: Fußball ohne Zuschauer ist – nichts. Außer einer seelenlosen Geldmaschine.

Und der Fußball vor unserer Haustür? Viertens und traurigstens: Der Ball liegt im Schrank des Sporthauses. Wann er dort herausgeholt werden darf, weiß niemand. Kampf um Punkte, gemeinsamer Jubel? Die Bratwurst in und das Pils nach der Pause? Das Schulterklopfen der Fans für den Siegtorschützen? Das Fachsimpeln nach dem Spiel oder am nächsten Morgen im Kollegenkreis? Es fehlt. Wie lange – wir wissen es nicht. Die Probleme, die wir im Moment haben, wiegen schwerer. Was die Situation im heimischen Fußball nicht weniger traurig macht.

Fußball, was gäben wir für einen Anpfiff? Trainer und Experten dürften schwadronieren und Spielzüge zerlegen, den Videobeweis nähmen wir so kaltlächelnd hin wie Oliver Bierhoffs Beteuerungen, dass „die Mannschaft“ auf dem richtigen Weg sei.

Für einen Anpfiff. Fußball, du fehlst uns.

Von Rainer Henkel

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