Ganze 36 Kilometer Klassenfahrt

Mit dem Bus zum Heimspiel: Vellmars Oberliga-Handballer haben ihren Plan verwirklicht – und doch Pech

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Zwischenstopp am Herkules: Vellmars Lance-Phil Stumbaum (von links), Andreas Paul, Heidi Hamdad (Kasseler Verkehrs-Gesellschaft), Maskottchen Holgi, Petr Petrovszki, Trainer Iljo Duketis und TSV-Marketingleiter Jan Meyer.

Kassel/Vellmar. Als der Linienbus der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft mit den Oberliga-Handballern des TSV Vellmar auf den Parkplatz vor der heimischen Großsporthalle einbiegt, sind die Gegner aus Kleenheim schon da.

Sie gehen gerade in Richtung Eingang und schauen sehr verdutzt. So etwas haben sie wohl auch noch nicht erlebt: dass die Heimmannschaft nach ihnen am Spielort eintrifft – geschlossen und mit dem Linienbus. Einer der Vellmarer sagt: „Die halten uns bestimmt für Vollpfosten.“ Und alle Vellmarer zusammen skandieren: „Auswärtssieg, Auswärtssieg.“

36 Kilometer sind sie gefahren, um aus einem Heimspiel ein Auswärtsspiel zu machen, weil sie in dieser Saison nur auswärts gewonnen haben. 36 Kilometer Ablenkung. 36 Kilometer für einen kleinen Selbstbetrug, der am Ende erfolglos bleibt. 36 Kilometer Spaß.

Zwei Maskottchen

Das Ganze hat etwas von einer Klassenfahrt. Nur dass sie nicht nach Frankfurt führt, sondern in die Stadt nebenan. Einmal zum Herkules und zurück. Abfahrt drei Stunden vor Spielbeginn. Vellmar, Großsporthalle. Die Spieler sitzen hinten, die Fans vorn.

In der ersten Reihe hat Bernhard Schulz Platz genommen. Er, im Hauptberuf Busfahrer, hat die Vellmarer zu vier von fünf Auswärtsspielen kutschiert, alle vier haben sie gewonnen. Das fünfte, als Schulz nicht der Fahrer war, haben sie vergeigt. „Ich bin der Glücksbringer, auch wenn ich nie mit in die Halle gehe, sondern im Bus bleibe, weil ich von Handball keine Ahnung habe.“ Heute muss er noch nicht mal Bus fahren. Heute ist er nur eins von zwei Maskottchen. Das andere steigt beim Deltha Fitness Club in Ahnatal zu: Holgi, der Fan-Bär.

Musik wie am Ballermann

Der Fan-Bär macht die Party-Stimmung perfekt. Wenn der Bus jetzt durchstarten würde nach Lloret de Mar, hielte sich die Verwunderung wohl in Grenzen: Hinten würfeln sie aus, wer die erste Runde für die Rückfahrt nach dem Spiel ausgibt und fragen sich, wie es ist, wenn es eigentlich gar keine Rückfahrt nach dem Spiel gibt. Es dröhnt Musik aus einem übergroßen Kassettenrekorder, die sie ganz gern auch am Ballermann spielen. Im Gang stehen Bierkisten, und in einem Einkaufskorb liegen Sektflaschen. Für die Fans. Aber hier ist keine Partygemeinde auf dem Weg zum Strand, sondern eine Handball-Mannschaft auf dem Weg zur Lockerheit.

Kaffeepause am Herkules. Trainer Iljo Duketis hat tatsächlich selbst einen Kuchen gebacken – „irgendwas mit Schoko“. Er ist immer noch ganz begeistert von seiner Idee: „Sie trägt zur tollen Gemeinschaft bei.“

Schneebälle vor dem Spiel

Seine Spieler beschmeißen sich mit Schneebällen, trinken Kaffee, essen Muffins und Schmandkuchen und Kuchen mit etwas Schoko. Linksaußen Lance-Phil Stumbaum sagt: „Wir sind lockerer als vor einem normalen Heimspiel.“

Als der Bus wieder einbiegt auf den Parkplatz vor der Großsporthalle, sagt Petra Weber, eine der treuesten TSV-Unterstützerinnen: „Wir sind jetzt angekommen in Kleenheim.“ Und die Kleenheimer fragen sich wohl, wo sie hier gelandet sind.

Das Problem ist: Die Vellmarer sind nachher nur 20 Minuten locker, führen 12:8 – und verlieren dann doch 29:31. Die nächste Klassenfahrt vor einem Heimspiel muss wohl ein bisschen länger dauern.

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