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„Gutes Bier gibt es überall“ - Fußballtrainer Sven Roglin im Abschiedsinterview

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Von: Marvin Heinz

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Traf sich zum Gespräch mit unserer Zeitung: Sven Roglin, der 30 Jahre Fußballtrainer im Amateurbereich war, hier am Kickertisch in Schemmern im Clubhaus seines ehemaligen Vereins SG Pfaffenbachtal/Schemmergrund.
Traf sich zum Gespräch mit unserer Zeitung: Sven Roglin, der 30 Jahre Fußballtrainer im Amateurbereich war, hier am Kickertisch in Schemmern im Clubhaus seines ehemaligen Vereins SG Pfaffenbachtal/Schemmergrund. © Marvin Heinz

Trainerunikat Sven Roglin macht nach 30 Jahren Schluss mit dem Fußball. Im großen Abschiedsinterview sprachen mit ihm über kuriose Absagen seiner Spieler und gutes Bier.

Heyerode – „Es reicht. Ich bin jetzt richtig befreit“, sagte Sven Roglin und übergab im vergangenen November das Traineramt beim Fußball-A-Ligist SG Pfaffenbachtal/Schemmergrund an den 35-jährigen Oliver Heeg. Die 0:3-Auswärtsniederlage bei der Zweitvertretung des SV Reichensachsen war seine letzte Partie als Coach.

Hinter Sven Roglin liegen 30 Jahre auf der Trainerbank und etliche Charaktere, mit denen er umgehen musste und wollte. Wir haben mit dem 56-Jährigen im großen Abschiedsinterview über seine lange Zeit an der Seitenlinie gesprochen.

Sven, deine Spieler nennen dich bis heute noch „Rocky“. Wie bist du eigentlich zu diesem Spitznamen gekommen?

Das ist ganz einfach. Aus Roglin wurde Rocky. Diesen Spitznamen habe ich bereits seit der Jugend. Damals lief der Film Rocky mit Sylvester Stallone groß in den Kinos.

Auf welchem Sportplatz schmecken das Bier und die Bratwurst am besten?

Da sind wir gesegnet. Eigentlich gibt es überall gutes Bier und eine anständige Bratwurst. Nur einmal hat mir auf einem Sportplatz die Wurst nicht geschmeckt. Aber das behalte ich besser für mich.

Du hast unzählige Fußball-Mannschaften trainiert. Wo hast du dich am wohlsten gefühlt?

Die schönste Zeit hatte ich in Hasselbach. Dort waren die Kameradschaft, das Miteinander und die Identifikation zum Verein so, wie es überall sein muss. Anfang 2019 habe ich das Team bei den letzten Spielen betreut. Schade, dass der Verein nicht mehr am Spielbetrieb teilnimmt. Er hat die Fußball-Landschaft in unserem Kreis bereichert.

Du hast davon gesprochen, dass die Verbindlichkeit der Spieler von Jahr zu Jahr im Fußball weiter abnimmt. Welche Absage eines Spielers wirst du nie vergessen?

Ein angehender Lehrer hat mir in den Ferien erzählt, dass er unbedingt ein Referat schreiben muss. Das konnte ich gar nicht glauben. Über 100 Sprachnachrichten per WhatsApp habe ich bekommen. Teilweise waren wilde Sachen dabei. Der Hund ist gestorben, die Oma hat einen Zahn gezogen bekommen und ein anderer musste mal kurzfristig zum Angeln fahren. Da konnte ich nur Petri Heil wünschen. Als Spielertrainer wollte ich einen Spieler mal einwechseln. Er hat sich warmgelaufen und dann stand er auf einmal mit Bratwurst und Bier am Spielfeldrand. Da konnte ich nur laut schreien.

Welche Absagen kamen am häufigsten vor?

Probleme mit der Freundin waren ein Klassiker. Oftmals war ich mehr Psychologe als Trainer.

Und wie hilft der Psychologe Rocky?

Zuhören. Ich habe meinen Spielern immer geraten, die Sache ruhig angehen zu lassen. Manchmal konnte der Rat zu einem Strauß Blumen oder einem gemeinsamen Abendessen Wunder bewirken, sodass der Spieler am Sonntag doch auf dem Platz stand. Auf die Provision der Restaurants und Floristen warte ich bis heute noch. (lacht).

Eine persönliche Frage: Wie lief das in deiner Beziehung?

Meine Frau hat immer hinter mir gestanden. Das war ganz, ganz wichtig, sonst hätte das über Jahre nicht funktioniert – mit dem Fußball und mit ihr.

Welcher deiner über 500 Spieler hatte deiner Meinung nach von allen das meiste Talent?

Jan Schneider aus Nentershausen hatte eine unfassbar starke Dynamik. Dominik Stöhr, der unter anderem bei der SG Sontra und dem TSV Wichmannshausen spielte, war ein Dribbler vor dem Herrn. Mit Sontra hat er mal in der letzten Sekunde per Freistoß gegen mein Team getroffen.

Wer war deine wohl größte Entdeckung?

Quick Bick. Ja, der Thilo Bick, meine Entdeckung, mittlerweile Trainer beim SC Niederhone. Ihn habe ich bei der SG Nentershausen/Weißenhasel gefördert und gefordert. Er war Leichtathlet, konnte schnell auf der Tartanbahn laufen und hatte rein gar nichts mit Fußball am Hut. Ein paar Jahre später war er Gruppenliga-Kicker. Allerdings der Einzige, der keinen Trick kann. Es reicht ja auch, wenn er an den Leuten vorbeirennt.

Wie hat sich der Fußball im Laufe der Jahre verändert?

Wir spielen mit Dreier- oder Viererkette statt mit Libero und die Breite ist stetig und mit Blick auf die Jahrzehnte massiv gesunken. Kaum ein Team, ob in der Kreisoberliga oder A-Liga, kann einen Spieler gleichwertig ersetzen. Die zweiten Mannschaften sind zudem eher ein Sammelsurium von Gute-Laune-Kickern. Die Kameradschaft wird immer weniger, auch weil der Druck der Frauen größer geworden ist. Früher waren Vereine und Mannschaft viel familiärer. Es war selbstverständlich, dass die Frauen nach den Spielen noch lange mit dabei waren.

Was ist bei den heutigen Teams wichtig. Motivation oder Taktik?

Taktik hin oder her. Wenn die Spieler eine ruhige Kugel schieben, dann verlierst du jedes Spiel. Die Kameradschaft, ein Betreuer-Team und das Miteinander im Verein waren große Faktoren für den Erfolg eines Teams. Aber einen Matchplan hatte ich auch. In den 90er-Jahren hatte ich die Aufstellung und Taktik immer schon am Mittwoch im Kopf, während ich in den letzten Jahren erst kurzfristig geplant habe. Denn mit einer Absage im letzten Moment musste man immer rechnen.

(Marvin Heinz)

Zur Person

Sven Roglin (56) wurde in Berlin geboren. Als Einjähriger zog er mit seinen Eltern nach Bebra-Asmushausen, weil seine Eltern einen Gasthof übernahmen. Später ging es für die Familie weiter nach Sontra, dort betrieben seine Eltern ein Fahrgeschäft für Busse. Im Jahr 1971 folgte schließlich der Umzug nach Sontra-Heyerode, wo Roglin schließlich heimisch wurde. Er spielte bei den folgenden Vereinen Fußball: FV Bebra, SG Pfaffenbachtal, ESV Ronshausen, SG Heinebach, FV Melsungen 08 und SV Rotenburg. Dabei agierte er in den meisten Spielen als Flügelstürmer.

Seine Trainerkarriere startete er als Spielertrainer im Jahr 1989 bei der SG Pfaffenbachtal/Schemmergrund. Stationen in Pfieffe, Nentershausen/Weißenhasel, Gudegrund, Kleinsee, Waldkappel, Cornberg/Rockensüß, Hasselbach und zuletzt erneut Pfaffenbachtal/Schemmergrund folgten. Unterdessen trainierte er stets die A-Jugend-Fußballmannschaften der JSG Pfaffenbachtal/Schemmergrund/Cornberg/Waldkappel. Von 2001 bis 2021 war Roglin Schiedsrichter. Der gelernte Kfz-Mechaniker arbeitet mittlerweile bei einem Unternehmen in Bebra, dass sich auf Werkzeugmaschinen spezialisiert hat. Verheiratet ist er seit neun Jahren, er hat keine Kinder.

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