„Haltet die Spielregeln ein“

Interview: Gerhard Biehl vom TSV Herleshausen über Vereinsarbeit in der Pandemie

Gerhard Biehl ist Vorsitzender des TSV Herleshausen und hat eine klare Meinung zum Thema Sport in der Coronapandemie.
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Gerhard Biehl ist Vorsitzender des TSV Herleshausen und hat eine klare Meinung zum Thema Sport in der Coronapandemie.

Dem Freizeitsport wurden jüngst mehr Möglichkeiten zur Ausübung eingeräumt wurden. Wir haben diesbezüglich ein Interview mit Gerhard Biehl aus Herleshausen geführt.

Herleshausen – Die Coronapandemie ist allgegenwärtig, natürlich auch beim Freizeitsport, dem nach jüngsten Kursänderungen mehr Möglichkeiten zur Ausübung eingeräumt wurden.

Wir haben diesbezüglich ein Interview mit Gerhard Biehl aus Herleshausen geführt. Das Verantwortungsbewusstsein ist bei ihm sehr groß. Der Vorsitzende des Turn- und Sportvereins 1869 Herleshausen hat sich mit diesen neuen Richtlinien intensiv auseinandergesetzt.

Gerhard, du hast kein Verständnis für die Lockerungen im Freizeitsport?

Die Pandemie hat schon viel von uns abverlangt und wird dies auch weiter tun. Wegen der Mutanten steigen die Inzidenzwerte und der dritte Lockdown steht bevor. Mir ist bewusst, dass viele Existenzen gefährdet sind, ich bin auch der Meinung, dass dem Einzelhandel und der Gastronomie Chancen eingeräumt werden müssen. Aber dem Freizeitsport? Fünf Personen aus zwei Haushalten können sich treffen, also drei Geschwister und der Trainer mit Kind. Was soll dieser Blödsinn? Weshalb wird auf der Zielgeraden alles wieder infrage gestellt? Ist es so lebenswichtig? Können wir nicht in jeder Sportart noch einmal zwei Monate warten, um dann erst Übungs- und Spielbetrieb anzubieten?

Wie stufst du den Fortschritt der Impfkampagne in Deutschland ein?

Im Herbst werden 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, dann könnte auch in den Hallen der Sportbetrieb wieder laufen. Soll ich als Vorsitzender jetzt jedes Training überwachen, ob sich auch alle an die Vorschriften halten? Utopie, denn auch unter den Sportlern gibt es viele, die diese Vorschriften ignorieren. Blauäugig melden Verbände sowie Vereinsvorstände, dass unser Hygienekonzept steht. Wirklich? Selbst das beste System kann nicht funktionieren.

Wieso das?

Das scheitert schon an den Örtlichkeiten und an den Beteiligten. Welche Möglichkeiten habe ich als Hausherr am Sportplatz oder in der Turnhalle, um Verfehlungen zu ahnden? Im Herbst war ich auf sieben verschiedenen Sportplätzen, die Hygienevorschriften wurden nur ansatzweise eingehalten. Im Profisport werden alle Beteiligten mehrmals in der Woche getestet und trotzdem kommt es immer wieder zu Ausbrüchen.

Kannst du konkrete Beispiele nennen, wo es zu Verfehlungen gekommen ist, die dich dann auch erbost haben?

Ich war beim Fußball-Kreispokalendspiel verwundert, weil es hieß, dass das Hygienekonzept vom Veranstalter hervorragend umgesetzt wurde, war dann aber über ein Bild schockiert, auf dem Zuschauer zu sehen sind, die in Zweierreihen dicht gedrängt das Spielfeld umsäumten. Am Tag darauf musste ich mir einiges von unseren Zuschauern anhören, die ich bei einem Freundschaftsspiel unserer ersten Mannschaft an die bestehenden Abstandsregeln erinnerte. „Du mit deinem Scheiß“, war dabei noch der mildeste Spruch. Ich war stinksauer.

Du machst dir erkennbar große Sorgen, hast du als Vereinsvorsitzender auch Angst vor Konsequenzen?

Ich gehe davon aus, dass sich die Vereinsvorstände mit dem Hygienegesetz auseinandergesetzt haben. Kennen sie aber auch die Verkehrssicherungspflicht, die für alle öffentlichen Veranstaltungen gilt?

Was besagt die?

Derjenige, der eine Gefahrenquelle schafft, hat die Pflicht, die notwendigen und zumutbaren Sicherungsmaßnahmen zu treffen, um Schäden anderer zu verhindern. Die Verkehrssicherungspflicht ist in Deutschland eine rechtliche Maßgabe zur Abwehr von Gefahrenquellen. Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben und die Gesundheit eines anderen widerrechtlich verletzt, muss für entstehenden Schaden aufkommen.

Wie ich weiß, hast du in Herleshausen den Spielbetrieb komplett gestoppt. Was waren deine Gründe?

Ja, ich habe als Vorsitzender vorigen Herbst aufgrund dieser soeben genannten Tatsachen in Herleshausen keinen Spielbetrieb mehr zugelassen, des Weiteren haben wir monatelang die vereinseigene Turnhalle gesperrt.

Das hat sicherlich nicht allen gefallen.

Ich sah mich nach dieser Entscheidung herber Kritik ausgesetzt und bin darüber sehr enttäuscht. Für mich steht unter einem Doppelspieltag unserer Männermannschaften bei Austragung in Herleshausen ein Acht-Stunden-Tag. Beginnend um elf, endend um 19 Uhr. Und dazwischen liegen regelmäßig unqualifizierte Beschimpfungen, egal, um welche Thematik es sich handelt. Da fragst du dich schon, warum tust du dir das eigentlich an? Einfache Antwort: Es wurde mir offensichtlich in die Wiege gelegt. Seit 55 Jahren bin ich im Fußball als Spieler, Trainer, Jugendbetreuer oder Funktionsträger aktiv, war immer für den Verein, für den Fußball zur Stelle. Ich bin Fußballer durch und durch, doch unter diesen Voraussetzungen habe ich salopp gesagt keinen Bock mehr.

Möchtest du zum Abschluss zum Thema Coronapandemie noch etwas sagen?

Ja, mein Appell an alle Freizeitsportler, und da zähle ich auch unsere Fußballer dazu, der lautet: Habt noch ein wenig Geduld und haltet die Spielregeln ein. (Harald Triller)

Zur Person

Gerhard Biehl ist ein echtes Herleshäuser Kind, wurde dort am 6. April 1956 geboren und hat, wie er auch heute noch voller Stolz erzählt, nach acht Jahren in der sogenannten Volksschule den Beruf des Werkzeugmachers erlernt. Mit 25 Jahren wechselte er zum Zoll, wo er am Jahresende nach dann 41 Jahren im Staatsdienst den Ruhestand antritt. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Sein liebstes Hobby war zu allen Zeiten der Fußball, dem er 55 Jahre als Spieler, Trainer, Betreuer und Funktionär die Treue hält. Insgesamt führte er 30 Jahre die Fußballabteilung im TSV Herleshausen und zwölf Jahre stand und steht er in zwei Perioden als Vorsitzender an der Spitze des Vereins. 

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