„Ich respektiere die Entscheidungen“

Handball-Bundestrainer Gislason spricht über die WM in Ägypten und Absagen

Seit Februar als Handball-Bundestrainer im Amt: Alfred Gislason.
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Seit Februar als Bundestrainer im Amt: Alfred Gislason.

Einen Monat vor dem ersten deutschen Auftritt bei der Handball-WM in Ägypten haben wir mit Bundestrainer Alfred Gislason über das Turnier und die Absagen in den vergangenen Tagen gesprochen.

Kassel – Heute in einem Monat beginnt für die deutsche Nationalmannschaft die Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten. Auftaktgegner ist Uruguay. Wegen der Corona-Pandemie gab es in den vergangenen Wochen viel Kritik an der Austragung der WM. Für Alfred Gislason ist sie das erste Turnier als Bundestrainer. Der 61 Jahre alte Isländer blickt im Interview auf die Vorbereitung für den Titelkampf im Land der Pyramiden.

Herr Gislason, sagen Ihnen die Namen Nicolas Fabra und Maximo Cancio etwas?
Ja, das sind wichtige Spieler aus der Nationalmannschaft Uruguays.
Inwieweit beschäftigen Sie sich denn jetzt schon mit Ihrem ersten WM-Vorrundengegner?
Ich habe viele Informationen zusammengetragen. Uruguay hat in der Qualifikation in Südamerika die Chilenen geschlagen. Deshalb müssen wir die Mannschaft sehr ernst nehmen.
Gestatten Sie die Frage: Wie kommen Sie an Material über die Mannschaft aus Uruguay?
Ich habe einige Freunde und Kollegen, die mir geholfen und mich mit Videos versorgt haben. Ich kann meine Mannschaft auf jeden einzelnen Gegenspieler vorbereiten.
Wie groß ist die Vorfreude auf Ihr erstes Turnier als Bundestrainer?
Sehr groß – und das trotz der allgemeinen Unsicherheit in Corona-Zeiten. Ich freue mich, dass ich mit meinem Team die WM spielen kann. Der Fokus liegt aber zuerst auf den beiden EM-Qualifikationsspielen am 6. und 10. Januar gegen Österreich.
Seit Februar sind Sie im Amt. Wegen der Pandemie hatten Sie noch nicht viel gemeinsame Zeit mit der Mannschaft. Wie viel setzt das Team schon von dem um, was Sie erwarten?
Die Situation ist besonders. Ob wir schon auf einem guten Weg sind, lässt sich nach den wenigen Trainingseinheiten, die wir zusammen hatten, noch nicht sagen. Man hat ja die Partie gegen Bosnien-Herzegowina gesehen, da sind wir schwer ins Spiel gekommen. Das war holprig.
Wie gehen Sie jetzt mit den WM-Absagen einiger Spieler um?
Es sind bislang zwei, und ich respektiere die Entscheidungen. Patrick Wiencek möchte aus familiären Gründen nicht an der WM teilnehmen, und Fabian Wiede verzichtet nach seinen Schulter-Operationen. Fabi wird noch sehr wichtig für uns, deswegen geben wir ihm die Zeit, seine Schulter im Januar zu schonen. Ich hoffe natürlich, dass bis zum 21. Dezember keine weiteren Absagen hinzukommen.
Inwiefern beeinflusst die Pandemie aktuell Ihre Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft?
Der DHB hat in seine Planung auch die Corona-Situation einbezogen. Wir werden deshalb auch schon zu den beiden EM-Qualifikationsspielen zusammen mit den Österreichern in eine Blase gehen. Ansonsten ist klar, dass wir am 3. Januar in die Vorbereitung starten und am 12. Januar nach Ägypten fliegen werden.
Am Mittwoch hätte normalerweise das Bundesliga-Spiel Kiel gegen Melsungen stattgefunden. Wie sehr erschwert es Ihre Arbeit, wenn Begegnungen mit einem hohen Anteil an Nationalspielern nun coronabedingt ausfallen?
Ich kann die für mich interessanten Spiele auch gut am Bildschirm analysieren. Kiel gegen Melsungen wäre natürlich ein Topspiel gewesen, als Bundestrainer hätte ich dafür vielleicht auch einen Platz in der Halle bekommen. Aber ich möchte mich in diesen Zeiten auch nicht hineindrängen.
Die MT hat mit Timo Kastening, Tobias Reichmann, Silvio Heinevetter, Julius Kühn, Kai Häfner und Finn Lemke sechs Akteure im vorläufigen Kader. Welche Rolle spielen die Melsunger in Ihrem Konzept?
Eine wichtige. Timo und Tobi waren schon bei der letzten EM zusammen auf Rechtsaußen dabei. Beide bekommen viel Einsatzzeit – da gibt es keinen Grund, etwas zu ändern. Heine ist neben Andi Wolff und Jogi Bitter einer von drei Torhütern. Julius und Kai haben eine extreme Erfahrung auf den Halbpositionen. Und dazu genommen habe ich wieder Finn, weil er in dieser Saison sehr gut ist. Er ist wieder der Alte und hat mich in den Länderspielen auch nicht enttäuscht. Seine Art und Weise, wie er Stimmung reinbringt, das gefällt mir.
Mit Gudmundur Gudmundsson ist ein isländischer Landsmann für das MT-Team verantwortlich. Wie regelmäßig tauschen Sie sich aus?
Wir telefonieren alle zwei Wochen miteinander. Wir kennen uns ja auch schon sehr lange – zu unserer aktiven Zeit waren wir acht Jahre Zimmerkollegen bei der Nationalmannschaft, er als Linksaußen, ich als Halblinker. Später war Gudmi auch mein Co-Trainer in Islands Auswahl. (schmunzelt) Es wird zwar auch Bilder geben, auf denen wir bei einem Spiel mal nicht einer Meinung waren, insgesamt pflegen wir aber schon einen guten Kontakt.
Im Viertelfinale könnten Sie auf Gudmundssons Isländer treffen. Welche Ziele verfolgen Sie mit der deutschen Mannschaft?
Der Fokus liegt erst einmal nur auf unserer Vorrundengruppe. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Ungarn, die ja schon bei der EM in diesem Jahr ihre Qualität unter Beweis gestellt haben. Praktisch seit der Auslosung habe ich mich aber auch schon auf alle möglichen Gegner bei diesem Turnier vorbereitet, auf Isländer genauso wie Spanier. (Björn Mahr)

Zur Person: Alfred Gislason

Alfred Gislason (61) ist seit Februar deutscher Handball-Bundestrainer. Zuvor führte er den THW Kiel zu unzähligen nationalen und internationalen Titeln. In der Bundesliga war Gislason auch für Gummersbach, Hameln und den SC Magdeburg tätig, mit dem der ausgewiesene Taktikfuchs 2002 die Champions League gewann. Als Spieler feierte der Mann aus Akureyri in den 80er-Jahren Erfolge unter anderen bei Tusem Essen. Gislason lebt mit seiner Frau in der Nähe von Magdeburg. Zur Familie gehören drei Kinder.

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