Fußballtrainer wird am Samstag 70

Wie Hans-Ulrich Thomale die Tsunami-Katastrophe überlebte

Vor 23 Jahren: Hans-Ulrich Thomale 1991 als Trainer des KSV Hessen.

Kassel. Er war ein weltberühmter Fußballtrainer und lebt seit 24 Jahren in Kassel. Das sind schon genug Gründe, um Hans-Ulrich Thomale zu würdigen, der heute 70 wird.

Aber beim Rückblick auf ein bewegtes und bewegendes Leben darf die Erinnerung an einen Tag nicht fehlen, an dem große Teile Südostasiens von einer Natur-Katastrophe betroffen waren, die Tsunami genannt wurde und weltweit für Entsetzen sorgte. „Ich hatte scheinbar die Wahl zwischen Ertrinken und Ersticken“, sagt Hans-Ulrich Thomale. Der Kasseler aus Sachsen erinnert sich an den 26. Dezember 2004 und schildert, wie es ihm ergangen ist, als die für mehr als 230.000 Menschen tödliche Welle kam.

Der Fußball-Trainer und seine Frau Regine machen Urlaub in Khao Lak (Thailand) am Indischen Ozean. An diesem Vormittag wundern sich die Thomales, dass das Meer viel weiter vom Strand entfernt ist als normalerweise. Regine Thomale hat Angst und geht Richtung Hotel zurück, während ihr Mann noch einige in den Sand gespülte Fische in kleine Wasserlachen wirft. Dann geht alles furchtbar schnell.

Thomale spürt einen stechenden Schmerz in der Kniekehle und wird von der Welle erwischt. Als er auftaucht, ist er noch lange nicht gerettet, denn rotierendes Geröll hat begonnen, ihm die Luft abzudrücken. Aber Todesangst setzt Kräfte frei, und irgendwie gelingt es dem auch mit 60 noch sportlichen Mann, sich zu befreien und aufs Trockene zu robben. Irgendwann wird er irgendwie an einer Straße abgelegt und landet bald in einem Krankenhaus. Am 26. Dezember 2004 beginnt für die Thomales ein mehr als neunwöchiges Martyrium mit Operationen (mit und ohne Narkose), kaum zu ertragenden Schmerzen und quälender Ungewissheit um das Schicksal des jeweiligen Ehepartners, dessen Tod in diesen letzten Dezembertagen wahrscheinlicher erscheint als die Möglichkeit, die Katastrophe überlebt zu haben.

Regine Thomale hat es noch schlimmer erwischt als ihren Mann, ist von einer zweiten Welle erfasst worden, war lange unter Wasser und erleidet einen bleibenden Lungenschaden. Ein nicht unmittelbar von der Katastrophe betroffener dänischer Tourist, dessen Frau neben Hans-Ulrich Thomale im Krankenhaus liegt, macht sich auf die Suche nach Regine Thomale, findet sie drei Tage später und überbringt ihrem Mann die erfreuliche, aber noch nicht beruhigende Nachricht. Regine Thomale ist so schwer verletzt, dass sie ausgeflogen wird, um in Köln in ein künstliches Koma versetzt zu werden. Zwei Tage später landet auch Hans-Ulrich Thomale in Köln, wo das Bangen um seine Frau erst nach mehreren Wochen beendet sein wird. Während Hans-Ulrich Thomale im Februar in seine Kasseler Wohnung zurückkehrt, beginnt für seine Frau erst einmal eine mehrwöchige Reha.

Jetzt - zehn Jahre nach dem furchtbaren Unglück - sagt Hans-Ulrich Thomale: „Wir hatten viele Schutzengel, und es ist wohl so, dass im Himmel Fußballtrainer, wie ich damals einer war, zum Jahreswechsel 2004/2005 noch nicht benötigt wurden.“

Mit dem großen Cruyff auf Augenhöhe

Hans-Ulrich Thomale soll an dieser Stelle aber nicht hauptsächlich wegen der Tsunami-Katastrophe gewürdigt werden. Als Fußballspieler und -Trainer feierte Thomale seine größten Erfolge in der DDR.

DER FUSSBALLSPIELER 

Von den großen Erfolgen, die Hans-Ulrich Thomale als Trainer feierte, wird noch zu lesen sein, aber auch der Fußballspieler Thomale landete in der DDR-Oberliga. Allerdings war die Karriere des Abwehrspielers von Stahl Riesa schon mit 26 Jahren beendet, weil eine bei der Nationalen Volksarmee unbehandelte Gelbsucht Training und Wettkampf auf hohem Niveau verhinderte. Aber Hans-Ulrich Thomale hatte Glück im Unglück. Er war damals schon Diplom-Sportlehrer, und der Übergang vom Oberligaspieler zum Nachwuchstrainer verlief reibungslos. Thomales erste Trainerstation war beim FC Chemie Halle in der Saison 1971/72.

DER FUSSBALLTRAINER 

Neun lange Jahre (1972 - 1981) war Hans-Ulrich Thomale Nachwuchstrainer beim FC Carl Zeiss Jena. Auf diesem Posten wäre er wohl bis zur Wende geblieben, wenn es der Zufall nicht gewollt hätte, dass einem hohen Parteifunktionär die BSG Wismut Aue sehr am Herzen lag. Jedenfalls war Thomale schon 1981 - mit 36 Jahren - Trainer eines DDR-Oberligisten. Dass die Mannschaft aus dem Erzgebirge in der Saison 1984/85 so gut platziert war, dass sie sich für den Uefa-Cup qualifizierte, war eine Sensation. Und dass in Aue ein guter Trainer arbeitete, war auch den Politikern nicht entgangen, also wurde Thomale kurzerhand zum 1. FC Lok Leipzig abgeordnet. Was ihm damals - 1985 - gar nicht recht war - sollte sich jedoch als Glücksfall erweisen, denn in Leipzig erlebte Thomale den Höhepunkt seiner Trainer-Karriere. Dass Ajax Amsterdam mit Johan Cruyff als Trainer sowie den Weltstars Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard 1987 in das Endspiel im Europapokal der Pokalsieger eingezogen war, war keine Überraschung, aber mit dem Kontrahenten der Holländer hatte niemand gerechnet. Der 1. FC Lok Leipzig verlor zwar 0:1, war aber ebenbürtig und Hans-Ulrich Thomale plötzlich ein in ganz Europa geschätzter Trainer. Umso erstaunlicher ist, dass es der Sachse nach der Wende nicht in die Bundesliga geschafft hat. Die erste Station im Westen war der KSV Hessen, den Thomale in der Oberliga zwar zur Meisterschaft führte, aber in der anschließenden Aufstiegsrunde reichte der zweite Gruppenplatz nicht zum Aufstieg in die 2. Bundesliga. Die größten Erfolge in der Zeit nach der Wende feierte Thomale in Österreich. Casino Graz belegte 1996 in der ersten Liga den vierten Platz und qualifizierte sich für den Uefa-Cup. Für kurze Zeit kehrte Hans-Ulrich Thomale 2004 noch mal zum KSV Hessen zurück, ehe die Tsunami-Katastrophe seiner Trainer-Karriere ein Ende setzte.

DER PRIVATMANN 

Jung gefreit, nie gereut. Auf die Thomales trifft das Sprichwort zu. Der 70-Jährige und seine Regine (67) sind schon seit 45 Jahren ein Ehe- und noch sechs Jahre länger ein Liebespaar. „Meine Frau ist eine Heldin“, sagt Thomale nicht nur wegen Regines erfolgreichem Überlebenskampf nach der Tsunami-Katastrophe. Das Paar hat zwei Söhne und lebt seit 24 Jahren in Kassel.

Von Gerd Brehm

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.