Sportmediziner Hottenrott im Interview 

HNA-Yogasommer: „Yoga hilft nicht nur gegen Stress“

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So schön war das Yogasommer-Finale 2018: Die Yogis gingen unter Anleitung von Lars Tabert (vorn) in die Streckung.

Gerade in Zeiten von Corona ist Yoga besonders sinnvoll. Warum? Darüber haben wir mit dem Kasseler Sportmediziner Prof. Kuno Hottenrott gesprochen. 

Ist Sport ein Gewinner der Pandemie?

Zunächst einmal nicht. Denn es gibt ja enorm viele Einschränkungen. Viele können ihren Sport nicht betreiben. Daher ist Sport zunächst ein Verlierer der Pandemie.

Auch wenn gerade jetzt viele Menschen Sport im Rahmen der Möglichkeiten für sich entdeckt haben?

Ja, es ist richtig, dass viele erfahren haben, dass man durch Sport und Bewegung an der frischen Luft das Immunsystem stärken kann. Das betrifft die Gesundheits- und Fitnesssportler. Die Leistungssportler allerdings sind gewissermaßen Verlierer, weil sie keinen Wettkampfsport betreiben können.

Wie groß sind die Lücken, die die Zwangspause gerissen hat?

Bei Leistungssportlern ist es schon enorm. Viele versuchen sich durch alternative Trainingsmaßnahmen fit zu halten. Die Motivation aber leidet stark, wenn es keine Wettkämpfe gibt. Da macht es keinen Sinn, sich gezielt vorzubereiten. Viele erleiden sicherlich einen Leistungsknick. Im Freizeit- und Gesundheitsbereich aber haben viele Menschen erkannt, dass körperliche Aktivität ihnen gut tut. Wenn man in Kassel unterwegs ist, sieht man viele, die wandern, walken und mit dem Rad unterwegs sind.

Wie wichtig ist sportliche Betätigung auch jetzt, da viele Einschränkungen gelockert werden?

Enorm wichtig. Homeoffice bedeutet ja viel Sitzen vor dem Schreibtisch. Gerade da ist es wichtig, dies durch körperliche Aktivität zu unterbrechen. Es fehlen der Weg zur Arbeit, zu Fuß, mit dem Rad, die Fortbewegung überhaupt. Auch Alltagsaktivitäten fallen weg.

Was geschieht bei Sport im Körper?

Insbesondere wenn Sport draußen an der frischen Luft ausgeübt wird, führt das immer zum Stressabbau. Man ist geistig viel frischer, entspannter, konzentrierter. Deshalb ist diese Unterbrechung – zwei- dreimal am Tag – notwendig, um fit und leistungsfähig zu bleiben.

Auch beim Yogasommer geht’s um körperliche Aktivität an der frischen Luft. Warum sollten Menschen Yoga machen?

Yoga ist eine tolle Bewegung, die hilft, kompensatorisch dem stundenlangen Sitzen entgegenzuwirken. Die Muskeln werden gekräftigt, Sehnen und Bänder bei den einzelnen Übungen gut gedehnt. Zusätzlich trägt Yoga durch die bewusste Atemtechnik zur Entspannung bei. Aus meiner Sicht gibt es gerade für Menschen, die beruflich zuhause sind, nichts Besseres, als Yoga.

Welche Rolle spielt Yoga für die mentale Entspannung?

Die Corona-Pandemie hat zu großen Stressreaktionen geführt. Yoga wiederum führt zur Entschleunigung und Entspannung. Nicht nur muskulär, sondern auch mental, weil man sich in den Übungen stark auf die Bewegungsausführung konzentriert. Man ist abgelenkt. Die Gedanken, die sonst im Kopf herumschwirren, sind erst einmal weg. Dieser Schnitt ist notwendig für die mentale Entspannung. Und da hilft Yoga auf jeden Fall.

Wie wirken die Stressmomente der vergangenen Monate heute noch nach?

Am Anfang waren es Ängste, sich anzustecken, krank zu werden. Jetzt sind die Ängste vielleicht etwas geringer. Aber nun haben viele fortwährend Stress. Stress mit der Organisation der Kinder, Kita, Schule und anderer Dinge, Stress aber auch mit älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen, Stress, zuhause den Alltag mit dem Beruf zu verbinden. Das sind Dinge, die ungewohnt sind und deshalb Stresssituationen auslösen.

Welche Tipps haben Sie für Menschen, die Yoga jetzt für sich entdecken?

Yoga ist ein Ganzkörpertraining. Der Vorteil ist, dass man nur wenig und sein eigenes Equipment benötigt, es also nicht mit anderen teilen muss. Das würde Infektionsgefahr bedeuten wie beispielsweise bei Ballsportarten. Dann hilft es, Yoga mehrmals in der Woche durchzuführen, langsam zu starten mit den Grundübungen, die Muskulatur zu entspannen. Es geht dabei ja vor allem um die hintere Oberschenkelkette, den Schultergürtel, den Nacken – das sind Bereiche, die sehr stark durch sitzende Tätigkeiten verspannen. Auf diese Muskelgruppen würde ich erst einmal Wert legen. Die Yogabasics kennenlernen und sich dann langsam an anspruchsvollere Übungen herantasten. Der Yogasommer ist da eine gute Möglichkeit.

Auch wenn der Sport in der Gruppe für manche vielleicht noch eine Hemmschwelle ist?

Es gibt immer Menschen, die verängstigt sind. Aber es gibt keinen Grund, nicht am Yogasommer teilzunehmen. Der Abstand wird sichergestellt, jeder hat seine eigene Matte, man ist hinreichend entfernt vom Nebenmann. Jeder atmet ruhig, sodass durch intensive Atmung keine Gefahr ausgeht. Der Yogasommer bietet eine Chance für Menschen, die bislang noch keinen Zugang zur Bewegung hatten. Der Einstieg in die Yogaübungen ist unter Anleitung einfacher.

Infos zum HNA-Yogasommer: hna.de/yoga Facebook: HNA Yogasommer

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