Sporttreiben bei Knieverletzungen

Orthopäde rät: „Immer in Bewegung bleiben“

Kassel. Meniskusriss, Kreuzbandriss, Knorpelschaden, – die Liste der Knieverletzungen ist lang. Sportler sind naturgemäß häufig betroffen.

Nach der Verletzung stellt sich vielen die Frage: Kann ich nun überhaupt noch Sport treiben? Auch unserer Autor hat ein geschädigtes Knie. Was damit geht – und was besser nicht, darüber sprach er mit dem Orthopäden und Kniespezialisten Dr. Gerd Rauch.

Herr Dr. Rauch, wenn ich Ihnen jetzt erzähle, dass ich im Fitnesstraining zuletzt jede Menge Kniebeugen gemacht habe, schlagen Sie die Hände über dem Kopf zusammen? 

Rauch: Das ist schwierig. Wenn Ihre Muskeln gut trainiert sind – von mir aus. Aber bei größeren Problemen nicht zu tief hinunter gehen. Und bei den Übungen keine Gewichte auf die Schultern packen.

Als mein Knorpelschaden vor rund 30 Jahren erstmals diagnostiziert wurde, hieß der Rat der Ärzte noch: Kein Sport. Höchstens Radfahren. Hat sich das überholt? 

Gerd Rauch

Rauch: Das ist überholt, die sportliche Möglichkeiten hängen immer auch vom Grad der Schädigung im Gelenk ab. Individuelle Beratung ist da wichtig. Es gibt natürlich Sportarten, die gelenkschonender sind. Schwimmen und Radfahren gehören dazu. Wenn Sie laufen, dann tun Sie das besser auf Waldboden. Entscheidend ist aber immer: Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Wenn Schmerz einsetzt, sollte die Belastung reduziert werden.

Würden Sie generell sagen: Besser mehr und dann halt manchmal auch falsche Belastungen als gar kein Sport? 

Rauch: Sport treiben ist immer besser. So werden Muskeln und Kreislauf gestärkt. Das Knie ist muskel- und bandgeführt. Da ist Bewegung wichtig und auch gut für den Knorpel. Das A und O ist aber auch: Gewichtsreduzierung. Knieschäden und Übergewicht, das passt nicht zusammen.

Was ist noch Gift für das Knie? 

Rauch: Sitzen. Langes Sitzen mit gebeugten Kniegelenken ist schlecht. Wenn Sie an der Arbeit viel sitzen: Stehen Sie auf. Bleiben Sie immer in Bewegung. Strecken Sie die Beine, bewegen Sie die Gelenke.

Wie wichtig ist ein gezielter Muskelaufbau? 

Rauch: Enorm. Leider schwinden die Muskeln nach Operationen sehr schnell, werden auch im Alter weniger. Da muss dann gegengearbeitet werden.

Was halten sie beispielsweise von Yoga, bei dem viel gedehnt und bewegt wird? 

Rauch: Das ist durchaus zu empfehlen. Dehnen ist immer gut für das Knie. Nur ein gedehnter Muskel kann gut trainiert werden.

Welche unterstützenden Maßnahmen empfehlen Sie Knierpatienten, die trotzdem Sport reiben wollen? 

Rauch: Einlagen in den Schuhen können sehr gut unterstützend helfen. Viele Patienten kommen auch gut mit Kniebandagen oder funktionellen Tapes zurecht. Bei leichten bis mittelschweren Arthrosen kann das Spritzen von Hyaluronsäure helfen, weil sie das Gelenk quasi schmiert.

Gibt es Sportarten, bei denen Sie sagen: Auf gar keinen Fall? 

Rauch: Auch hier gilt wieder: Das muss individuell beurteilt werden. Viel hängt ja auch davon ab, auf welchem Niveau Sport getrieben werden soll. Generell gilt aber: Stop-and-go-Sportarten auf Hallenboden sind eher nicht zu empfehlen. Schnelle Richtungswechsel, hartes Abstoppen, das mag ein geschädigtes Knie nicht.

Nicht nur auf das Knie geschaut: Bei welchen Verletzungen sagt der Orthopäde heute tatsächlich noch: Auf keinen Fall Sport? 

Rauch: Da kann ich nur Beispiele nennen. Trümmerbrüche im Gelenk, wenn das Gelenk nicht komplett wiederhergestellt werden kann. Dann verbietet sich jede Form von Kontaktsport. Und bei Rückenproblemen nach Brüchen oder Bandscheibenoperationen kommt es je nach Schädigung auch häufig vor, dass Sportarten nicht mehr möglich sind.

Was kann ich im Alltag tun, um das Knie zu stärken? 

Drei Übungen zur Stabilisierung des Knies und eine Liste der häufigsten Knieverletzungen finden Sie in der gedruckten Ausgabe.

Rauch: Das Wichtigste: tägliche Bewegung. Gehen Sie spazieren. Joggen Sie, wenn das Knie es noch zulässt. Legen Sie immer wieder kurze Bewegungseinheiten ein. Und auch bei der Ernährung können Sie unterstützend tätig werden. Menschen mit Gelenkproblemen sollten nicht so viel Fleisch essen. Die Harnsäure begünstigt Gelenkreizungen.

Wenn es die Kniebeuge nicht ist, empfehlen Sie unseren Lesern doch D I E Knieübungen Ihres Vertrauens. 

Rauch: Spannen Sie die Oberschenkelmuskulatur an, strecken im Sitzen die Beine nach vorn und halten die Position. Das ist einfach und trotzdem effektiv. Oder Sie lehnen sich an die Wand und beugen die Knie. Das muss nicht tief runtergehen, stärkt aber die Oberschenkel.

Am Ende: Kniebeugen waren für Sie kein Grund, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Wie sieht es aus, wenn ich sage: Ich spiele auch noch Tischtennis? 

Rauch: Das geht schon in Ordnung. Sie werden schon aufpassen. Aber: Immer gut aufwärmen vorher!

Unser Experte Gerd Rauch (56), lebt in Melsungen, arbeitet als Orthopäde und Sportmediziner in Kassel. Rauch ist Mannschaftsarzt des Handball-Bundesligisten MT Melsungen und der Frauen der SG Kirchhof. Verheiratet, zwei Kinder. Hobbys: Segeln und Bergsteigen. Über seine Knie sagt er: „Die sehen gut aus. Nur bergab merke ich sie manchmal.“

Unser Autor Frank Ziemke (52), Sportredakteur. Verheiratet, zwei Kinder. Im Rahmen von „Bewegung für Nordhessen“ versucht er sich derzeit in Personal-und EMS-Training. Seit vielen Jahren ist sein Knie durch einen Knorpelschaden beeinträchtigt. Von Dr. Rauch wurde er an Meniskus und Knorpel operiert. Mit dem Tischtennis kann er trotzdem nicht ganz aufhören.

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