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Drei Michaels im Interview: Ein Jahr des Seitenwechsels

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Von: Frank Ziemke, Björn Mahr

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Nicht mehr aktiv, aber auch nicht nur Zuschauer: Eishockeyspieler Michael Christ, Handballer Michael Allendorf und Fußballer Michael Voss.
Nicht mehr aktiv, aber auch nicht nur Zuschauer: Eishockeyspieler Michael Christ, Handballer Michael Allendorf und Fußballer Michael Voss. © Dieter Schachtschneider

Drei Männer, drei Sportarten, eine Gemeinsamkeit: 2022 beendeten Michael Allendorf, Michael Christ und Michael Voss allesamt ihre aktive Karriere.

Kassel – Sie sind ein unterschiedliches Trio aus unterschiedlichen Sportarten, doch das Jahr 2022 hält für den Handballer Michael Allendorf, den Eishockeyspieler Michael Christ und den Fußballer Michael Voss eine Gemeinsamkeit bereit: Aus unterschiedlichen Gründen beendeten sie ihre aktive Karriere, nahmen bei ihren Klubs andere Positionen ein. Allendorf (36) wechselte beim Bundesligisten MT Melsungen ins Management, ist nun Sportdirektor. Christ flitzt nicht mehr über das Eis, sondern ist bei den Huskies Leiter der Eissporthalle. Voss ist nicht mehr Teil der Mannschaft, sondern Teammanager des KSV Hessen.

Das Rückblick-Gespräch über ein Jahr des Seitenwechsels:

Beginnen wir mit etwas Wehmut: Erzählen Sie noch einmal, warum Schluss sein musste mit der aktiven Karriere.

Allendorf: Wenn ich es darauf angelegt hätte, hätte nicht unbedingt Schluss sein müssen. Ich hätte vielleicht nicht in Melsungen, aber woanders noch ein, zwei Jahre weiterspielen können. Ich wollte aber immer helfen, den Verein weiterzuentwickeln. Dass es Richtung Sportdirektor gehen würde, hat sich erst im letzten Jahr ergeben.

Christ: Im Grunde habe ich mein Karriereende nur etwas vorgezogen. Einfach weil ich die Chance bekommen habe, auf anderen Art hier zu bleiben. Eine kaufmännische Ausbildung hatte ich schon gemacht. Der Einstieg von Paul Sinizin als Investor hat mir die Chance gebracht, in dieser Halle zu arbeiten. Da musste ich nicht lange überlegen.

Voss: Es war ein längerer Prozess. Zwei Kreuzbandrisse, eine Verletzung der Achillessehne – nach der dritten Reha hatte ich genug. Man soll aber nie „nie“ sagen. Vielleicht versuche ich es ja irgendwann doch noch mal mit Fußball.

Wie schwer war dieser Abschied?

Allendorf: Es war bei mir kein extremer Cut. Ich bin nicht aus dem Profisport in die freie Wirtschaft gewechselt. Das wäre mir schwer gefallen. Da ich tagtäglich mit meiner Mannschaft zu tun habe und Dinge beeinflussen kann, wurde der Absprung abgefedert. Da ich seit zwölf Jahren im Verein bin und schon länger klar war, dass ich eine Aufgabe übernehmen kann, fiel es mir nicht schwer loszulassen.

Christ: Mir fiel es nicht wirklich schwer. Das Profigeschäft ist schön, hat aber seine Härten. Manchmal bist du halt nur eine Nummer. Auf meinem Oberarm steht nicht umsonst Love and Hate. Ich trainiere jetzt einmal die Woche mit den 89ers. Ab und an geht es zum Krafttraining. Aber da stehe ich halt vor der Frage: Fitnessstudio oder ab zu meiner Freundin.

Voss: Es ist nicht so, dass ich es jetzt ständig vermisse, gegen den Ball zu treten. Das Risiko ist mir einfach zu groß. Wenn es passt, gehe ich abends ins Fitnessstudio. Aber ich mache jetzt kein gezieltes Aufbautraining mehr.

Und wie sehr hat den Abschied das Wissen erleichtert: Mein Weg im Verein ist nicht beendet?

Allendorf: Ich wollte den Verein nicht mehr wechseln. Wir haben hier ein Zuhause gefunden. Und ich war auch nicht mehr auf dem Niveau, um der MT sportlich helfen zu können. In der neuen Funktion bin ich besser aufgehoben. Ich habe ganz bewusst zwei Monate nullkommanull Sport gemacht. Genauso wie bei Michi Christ war mein Leben als Profi immer fremdbestimmt. Immer hat dir einer gesagt, wann du trainieren, wann du spielen musst. Jetzt muss ich mich schon in den Hintern treten, um Sport zu treiben.

Christ: Für mich war es auch eine große Erleichterung. Ich kann dem Sport, den ich liebe, treu bleiben. Und habe dabei noch einen großen Pluspunkt: Ich muss nicht mehr so viele Stunden im Bus verbringen. Das ist eine Wohltat.

Voss: Es ist ein schöner Übergang, das hat alles einfacher gemacht. Ich bin nicht weg vom Verein. Ich bin weiter bei der Mannschaft. Es ist einfach schön mit den Jungs.

Wie war das, plötzlich nicht mehr ins Training zu gehen?

Allendorf: (schmunzelt) Total entspannt. Direkt nach dem Karriereende war erst mal gar nichts anders, weil es in die Sommerpause ging. Ich habe mich erholt. Als die Jungs dann aber in die Vorbereitung eingestiegen sind, da hast du gemerkt: Ich muss jetzt gar nicht. Ich habe keinen 9-to-5-Job. Ich bin oft beim Training, bin bei den Auswärtsspielen, tausche mich viel mit unserem Trainer aus. Es gibt Spielerberater, die sich abends mit einem treffen wollen. Es ist eine positive Umstellung. Ich habe mehr Freiheit, mir Termine einzuteilen.

Christ: Ich hatte gar keine Zeit, da groß drüber nachzudenken. Wir haben in diesem Jahr so viel angestoßen in der Halle. Das Team ist permanent gewachsen. Meist habe ich eine Sechs-Tage-Woche, 50 bis 60 Stunden kommen oft zusammen. An Spieltagen geht es morgens los und nach Mitternacht schließe ich die Halle ab. Ich könnte sicher auch etwas weniger machen. Aber da bin ich dann doch, wie ich auch auf dem Eis war: Immer voller Einsatz.

Voss: Bei mir liegt die Sache ja anders. Ich habe im Job bei B.Braun schon immer im Büro gesessen. Jetzt wechsle ich halt von einem Büro in das andere. Vieles geht aber auch von zuhause aus über die Bühne. Dafür haben wir ja ein Handy und Whatsapp.

Und macht Ihnen Spaß, was Sie jetzt tun?

Christ: Es macht zu 100 Prozent Spaß. Hier entsteht etwas. Und ich bin extrem dankbar, dass ich dabei sein darf. Hier entsteht etwas Exklusives für die Region. Wir machen diese Halle zu einer Multifunktionsarena, wir beschäftigen immer mehr Personal. Die Resonanz auf das, was wir tun, ist sehr positiv. Mit den Huskies selbst habe ich gar nicht so viel zu tun. Ich bin froh, wenn ich während der Spiele ein paar Minuten zusehen kann.

Voss: Ich habe es zu keiner Sekunde bereut. Ich kann der Mannschaft helfen.

Allendorf: Wir drei haben das Glück, in unserem Sport weiterarbeiten zu dürfen.

Fernab von der eigenen Position: Wie beurteilen Sie die Entwicklung Ihres Klubs am Ende des Jahres?

Christ: Alles ist auf einem guten Weg. Alles passt, so wie es auch mit den Huskies passt. Die DEL-Rückkehr ist das Ziel. Und das ist auf einem guten Weg. Die Last in der Mannschaft ist auf viele Schultern verteilt. Und der Trainer hat erkannt, dass unsere Stärke im Spiel mit vier Reihen liegt.

Allendorf: (lacht) Vielleicht sollten wir auch mal auf vier Reihen gehen. Im Ernst: Die ganze Entwicklung hat angefangen mit der Verpflichtung von Trainer Parrondo. Seitdem ist nicht nur vieles im Team, sondern auch im Umfeld passiert. Ein Beispiel ist die Installierung des Torwarttrainers Carsten Lichtlein. Meine Position gab es vorher gar nicht. Wir sind breiter aufgestellt. Die ersten positiven Ergebnisse sieht man. Die Mentalität in der Mannschaft hat sich gewandelt. Es gab Spiele, die schlecht gelaufen sind, wir haben aber trotzdem die Kurve gekriegt.

Voss: In der vergangenen Serie hat wirklich alles gepasst. Wir hatten wenig bis gar keine Verletzte. Plötzlich stehst du als Siebter da. So wie die aktuelle Runde bisher gelaufen ist, das haben wir uns natürlich anders vorgestellt. Vielleicht war das Ziel auch zu hoch gegriffen. Wichtige Spieler sind ausgefallen. Nur ein Beispiel: Oli Schmitt haben wir aus der 3. Liga geholt, aber der verletzt sich nach seinem ersten Spiel. Und dann haben wir auch nicht gut gespielt. Jetzt heißt es: Voller Fokus auf die Restrunde.

2022 war in vielerlei Hinsicht ein Jahr der Veränderung. Corona, der Krieg in der Ukraine – wie haben Sie das Jahr fernab des Sports erlebt?

Allendorf: Ich war froh, dass wieder Zuschauer in die Hallen durften. Ich hatte immer die Befürchtung, dass ich mein letztes Profispiel vor leeren Rängen absolvieren muss. Einen Krieg in Europa konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass er so viele Auswirkungen auf den Sport haben wird – auf Energieversorgung etwa.

Christ: Corona und die leeren Ränge, das war schwer. Das wirkt nach. Ohne den neuen Investor wäre es auch für die Huskies schwer. Es kommen weniger Fans. Es kann sich einfach nicht mehr jeder so ein Spiel leisten. Und dann kommt auch noch dieser Krieg, bei dem ich fürchte: Das ist erst der Anfang. Wir haben so viele Probleme. Den Klimawandel. Wir schädigen das Klima und produzieren schädliche Nahrungsmittel. Der Umgang mit Tieren in der Massentierhaltung. Eigentlich muss dieser Planet zusammenhalten. Sonst bekommen wir das nicht in den Griff.

Voss: Es war ein Wechselbad der Gefühle, ein Auf und Ab. Natürlich freut man sich, dass die Zuschauer trotz Corona wieder zum Sport gehen können. Es gab eine Zeit, in der war alles ausgesetzt. Ich denke, dass es der Gesellschaft nicht gutgetan hat, dass Kinder und Erwachsene keinen Sport ausüben durften. Dann kam der Krieg in der Ukraine. Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, dass der Krieg solche Auswirkungen haben würde.

Wie ist denn nun das Fazit am Jahresende? 2022 eher ein Jahr des Abschieds oder des Neubeginns?

Allendorf: Sowohl als auch. Ich bin absolut zufrieden, wie das Jahr gelaufen ist. Einen besseren Abschied als mit dem letzten Heimspiel gegen Wetzlar hätte ich gar nicht haben können. Auch der Einstieg in den neuen Job hätte nicht besser klappen können. Und ich bin auch noch das zweite Mal Vater geworden.

Christ: Der Abschied, das Legendenspiel, das war schon ein besonderes Ereignis. Das hat einem noch einmal gezeigt, was man in seiner Laufbahn geschafft hat. Es war toll, wer da alles gekommen ist. Die Fans, frühere Mitspieler. Ich habe zwei Tage im Hotel geschlafen. Das wollte meine Freundin so (lacht). Der Abschied war also gelungen. Aber: Ich habe da schon im neuen Job gestanden. Das Neue hatte begonnen. Und es ist alles gut so, wie es ist. Heute bin ich froh, dass ich die Klarheit hatte, einen Schlussstrich zu ziehen.

Voss: Bei mir steht der Neubeginn vorn. Das Jahr begann zwar schlecht mit der Verletzung. Da wusstest du nicht, was jetzt kommt. Jetzt blicke ich aber lächelnd zurück und bin froh, dass ich den Schritt gemacht habe. Ich freue mich auf die Zukunft. Ich habe beim KSV in der Jugend, in zweiter und erster Mannschaft gespielt. Diese Erfahrungen möchte ich einbringen. (Frank Ziemke und Björn Mahr)

Zu den Personen

Michael „Michi“ Christ (33) ging im Nachwuchs zu den Jungadlern Mannheim, wurde wie Dinger und Klinge Jugend-Nationalspieler. 2007 kehrte er nach Kassel zurück, hat mit 614 nach Manuel Klinge die zweitmeisten Einsätze für die Kassel Huskies. Jetzt ist er Leiter der Eissporthalle. Er ist liiert.

Michael Allendorf (36) spielte bis 2022 für den Handball-Bundesligisten MT Melsungen. Der Linksaußen spielte zuvor bei der SG Wallau-Massenheim und der HSG Wetzlar. 17 Spiele absolvierte der gebürtige Heppenheimer für die deutsche Nationalmannschaft. Seit Sommer fungiert er bei der MT als Sportdirektor. Allendorf ist verheiratet und zweifacher Vater.

Michael Voss (24) stammt aus Lohfelden-Vollmarshausen. Bevor er in der B-Jugend zum KSV Hessen Kassel kam, war er für seinen Heimatklub Vollmarshausen, den VfL Kassel sowie den KSV Baunatal im Einsatz. Er ist Teammanager bei den Löwen. Voss ist in festen Händen.

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