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Ski-Club-Präsident Hensel: „Willingen lebt vom Miteinander“

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Von: Gerhard Menkel, Dirk Schäfer

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Eine der schönsten Amtshandlungen: Jürgen Hensel gratuliert Stephan Leyhe zum Gewinn von „Willingen5“. Das Springen, das mit Leyhes Sieg endete, war Anfang 2020 das letzte in Willingen mit Publikum.
Mehr Stimmung, mehr Kosten: Nach zwei leeren Corona-Jahren wird es wieder voll an der Mühlenkopfschanze. Wie oft dort beim Weltcup das Flutlicht brennt, ist eine der neuen Fragen, mit denen sich der Ski-Club angesichts steigender Energiepreise auseinandersetzen muss. © Artur Worobiow/Archiv

Bald wird´s wieder spannend am Mühlenkopf. Und auch laut. Für Jürgen Hensel als Kopf der „Free Willis“ wird es freilich schon viel früher spannend, wie üblich, wenn ein Weltcup auf die Beine zu stellen ist.

Der Präsident und Orga-Chef des Ski-Clubs Willingen ist aber im Gespräch mit der WLZ entspannt – was den Stand der Vorbereitung betrifft und auch den Umgang mit neuen Anforderungen: Energiekrise und höhere Kosten zum Beispiel. Auch wenn manches erst nach dem Weltcup beurteilt werden könne, mache er sich wenig Sorgen, so Hensel im Interview.

Darin spricht der 61-Jährige Steuerberater, der seit 2008 Präsident des Ski-Clubs ist und früher aktiver Biathlet und Langläufer war,, auch über Zuschauerboom, den Druck eines prallvollen Zeitplans und das Skispringen der Zukunft spricht.

Die Zuschauer kehren an die Schanze zurück – und wie. Der Ski-Club peilt die Marke von 50 000 Fans – der Vorverkauf läuft also zufriedenstellend?

Der Kartenverkauf läuft sehr gut, vor allem für den Samstag, aber auch für die beiden anderen Tage. Die Zahlen bewegen sich auf dem Niveau von vor der Coronazeit.

Hat sich die bisher eher schwache Saison der deutschen Springer auf den Ticketverkauf ausgewirkt?

Eigentlich hat sich das immer bemerkbar gemacht, vor allem wenn sie gut sind. Ich denke, es fehlen auch nur kleine Nuancen, damit wieder die Post abgeht und ein Deutscher wie Karl Geiger wieder um den Sieg mitspringt.

Haben Sie Kontakt zu Stephan Leyhe?

Regelmäßig. Wenn es mal nicht klappt, versuche ich ihn aufzubauen, weil bei Erfolgen das Leben immer leicht ist. Stephan hat sich ein bisschen anstecken lassen von den anderen Springern, er war eigentlich auf einem guten Weg. Aber es geht jetzt wieder aufwärts. Nur: Er fährt im Moment so langsam an, ich weiß nicht, woran das liegt. Eigentlich gehört er in Sachen Geschwindigkeit zu den besten Drei. Ich muss da vielleicht mal mit dem Skiausrüster sprechen (schmunzelt).

Ist in Zeiten von Inflation und knapper Familienkassen ein verändertes Kaufverhalten zu beobachten – zum Beispiel hin zum Einzelticket, weg von Dauerkarte und Übernachtung?

Wir haben sogar mehr Dauerkarten verkauft als früher; insofern spüren wir die höhere Inflation in diesem Punkt nicht.

Man kann nicht alles auf den Zuschauer umlegen, das wollen wir als Ski-Club auch nicht.

Jürgen Hensel über den Umgang mit gestiegenen Kosten

Spürt der Ski-Club mehr Zuschauerinteresse am Freitag? Der erste Tag hat ja durch die Aufnahme der Frauenwettkämpfe ins Programm weit mehr als Qualifikation zu bieten.

Das kann ich detailliert erst nach dem Weltcup sagen. Mit 10 0000 Zuschauern, die wir erwarten, hat der Freitag eine Größenordnung wie auch bei den Weltcups früherer Jahre. Wobei man klar sagen muss, dass der Freitag ein Highlight bietet. Mit zweimal Qualifikation, Mixed-Weltcup, Eröffnungsfeier und musikalischem Feuerwerk gibt es viel zu erleben – und das für relativ kleines Geld.

Die aktuelle Inflation treibt die Kosten nach oben, was auch Ihr Verein zu spüren bekommt. Schafft es der Ski-Club Willingen dennoch, seinen Anspruch beizubehalten, die Preise beispielsweise für Essen und Trinken familienfreundlich zu gestalten?

Wir haben, wie ich finde, immer noch humane Preise. Wie sich alles für uns darstellt, kann ich erst nach der Endabrechnung sagen. Wir müssen aber mit Mehrkosten leben; gerade für Zelte, Zäune und andere Dinge, die wir anmieten müssen, oder auch beim Transport von Hilfsmitteln. Man kann aber nicht alles auf den Zuschauer umlegen, das wollen wir als Ski-Club auch nicht. Lieber ist uns, dass der Zuschauer zufrieden wieder nach Hause fährt.

SKi-Club Präsident Hensel gratuliert Springer Stephan Leyhe am Fuß der Mühlenkopfschanze
Eine der schönsten Amtshandlungen: Jürgen Hensel gratuliert Stephan Leyhe zum Gewinn von „Willingen5“. Das Springen, das mit Leyhes Sieg endete, war Anfang 2020 das letzte in Willingen mit Publikum. © imago/Eibner

Wie hoch ist die Kostensteigerung, mit der der Ski-Club fertig werden muss?

In manchen Bereichen mehr als 30 Prozent, in anderen gibt es nur eine minimale Steigerung.

Im Blick hat man als Veranstalter nicht nur die Preise, sondern auch das Wetter. Hat es Ihnen im Laufe des Januars Sorge bereitet, weil es bis zum Wochenbeginn keinen Schnee gab?

Wir liegen voll im Zeitplan, zumal wir im Vorfeld ausreichend Schnee produzieren konnten. Das lief gut und wir haben Reserven. Irgendwann muss man halt sagen: Wir machen jetzt Schluss. Deutlich mehr zu produzieren, kostet einerseits viel Geld, andererseits fragen sich die Leute, wenn wir den Schnee nicht brauchen: Warum fahrt ihr den jetzt einfach weg.

Laut Horst Hüttel, Skisprung-Sportdirektor im Deutschen Skiverband, kostet es 150 000 Euro, wenn man eine Schanze komplett beschneit.

Bei uns ist das viel günstiger.

Aber – Stichwort Energiekrise – es wird auch für den Ski-Club nicht billiger.

Wir haben einen guten Vertrag mit der Energie Waldeck-Frankenberg, die auch Namensgeber der EWF-Biathlon-Arena ist.

Es gibt ja die Möglichkeit, kostenlos mit dem Zug anzureisen, wenn man ein Ticket hat. Ich kann nur appellieren, dass möglichst viele dieses Angebot nutzen.

Jürgen Hensel zum Energiespar-Potenzial der Zuschauer

Die Kosten wachsen also dem Ski-Club nicht über den Kopf, wenn zum Beispiel den ganzen Tag das Flutlicht eingeschaltet ist an der Schanze?

Na ja, gemeinsam mit Bernd Müller, unserem Technik-Chef, besprechen wir schon, wann das Arbeitslicht gebraucht wird und wann das Flutlicht mit voller Stärke angeht. Zu überlegen ist dann beispielsweise, ob es hell genug ist, um beim Training der Frauen am Vormittag auf Licht verzichten zu können. Vorgaben der FIS an die Veranstalter gibt es nicht, aber das Fernsehen hat es gern etwas heller.

Was kann der Zuschauer tun, um beim Energiesparen mitzuhelfen?

Es gibt ja die Möglichkeit, kostenlos mit dem Zug anzureisen, wenn man ein Ticket hat. Dieses gilt als Fahrschein für den ÖPNV, etwa im Gebiet des Nordhessischen Verkehrsverbundes. Man kann nur appellieren, dass möglichst viele Zuschauer dieses Angebot nutzen; also zum Beispiel in Korbach in den Zug steigen, nach Willingen fahren und nach der Veranstaltung wieder zurück. Mit solchen vermeintlichen Kleinigkeiten kann jeder einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.

Kann dieses ÖPNV-Angebot aufrecht erhalten werden, wenn der NVV wieder Engpässe bekommen sollte? Zuletzt fielen immer wieder Züge aus, weil Personal fehlte.

Der NVV hat uns noch einmal gesagt, dass alles laufen wird. Ich sehe bei den Zügen deshalb keine Probleme.

Werden die Arbeitstage für die Free Willis, die freiwilligen Helfer durch die Aufnahme der Frauen ins Programm länger?

Grundsätzlich sei gesagt, dass an einem normalen Weltcup-Samstag bisher der Einlass auch bereits um 11 Uhr war. Für die Helfer an den Ständen und im Festzelt ändert sich also kaum etwas. Mehrbelastungen haben das Tretkommando und das Schanzenteam, weil die Schanze nach dem ersten Wettkampf des Tages noch einmal präpariert werden muss. Gleiches gilt für den Freitag. Bei viel Schneefall käme zusätzlich die Pistenwalze erneut zum Einsatz. Aber ansonsten haben die Helfer eigentlich nicht mehr zu tun oder sind länger im Einsatz als sonst.

Die Motivation der Free Willis ist davon unberührt?

Jeder ist froh, dass es wieder losgeht – vor allem ohne Maske und andere Einschränkungen. Das war das schwierige bei den Weltcups 2021 und 2022 – immer mit Maske unterwegs, du konntest nicht mal ein Getränk zu dir nehmen oder dich mal mit den anderen Helfern unterhalten. Dabei ist diese Gesellige das, wovon unsere Free Willis eigentlich leben, die sich oft nur einmal im Jahr sehen. Das Miteinander kam einfach zu kurz. Davon lebt Willingen, deswegen ist die Vorfreude groß.

Skispringen ist Wintersport. Es gehört dazu, dass der Zuschauer einen Glühwein trinkt und auch mal kalte Füße hat.

Jürgen Hensel zu den Gedankenspielen, Skispringen ganzjährig und auf Matten zu betreiben

Norwegens Trainer Alex Stöckl findet, dass die Zeit des klassischen Wintersports in Zeiten des Klimawandels zu Ende geht. Er will das Skispringen zum Extremsport umbenennen und ganzjährig auf Matten betreiben. Was halten Sie davon?

Meine persönliche Meinung ist: Skispringen ist Wintersport. Es gehört dazu, dass es kalt ist, dass der Zuschauer einen Glühwein trinkt und auch, dass er mal kalte Füße hat. Die Sommer-Wettkämpfe sind teilweise sportlich auch Hochkaräter, aber nicht mit den Wintersportveranstaltungen zu vergleichen.
Natürlich wird es wegen der Erwärmung Veränderungen geben, aber ich halte es für zu früh und nicht passend, dass man Wettkämpfe im Skisprungsport cancelt oder in den Sommer verlegt. Vor zwei Jahren im Lockdown gab es einen schneereichen Winter, da hat niemand über dieses Thema gesprochen.

Es gibt dann also im Ski-Club Willingen keine Überlegungen, irgendwann mal auf Mattenspringen umzurüsten?

(lacht) Dann hätten wir die größte Mattenschanze der Welt. Ernsthaft: Die Ausstattung der Schanze mit Matten kostet rund eine Million Euro. Und es kann dir passieren, dass du im Winter keinen Weltcup bekommst, weil du im Sommer einen Grand-Prix ausgerichtet hast. Dann würde uns das Geld fehlen, das wir für den Sport brauchen. Das Geld wird hier im Winter verdient.

Aber man könnte ja auch im Winter auf Matten springen, wenn die Schneeproduktion nicht mehr ausreichend möglich sein wird.

Ich denke, die nächsten 20 Jahre wird nicht mitten im Winter auf Matten gesprungen. Zumal gar nichts stattfinden kann, wenn du Matten hast und es dann obendrauf schneit. Das ginge nur im Oktober oder November, wenn du absehen kannst, dass es nicht schneit. (schä/mn)

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