"Patrick ist in die Rolle des Champions hineingewachsen"

Patrick Langes Trainer Faris Al-Sultan: "Ein dritter Hawaii-Sieg ist eher unwahrscheinlich"

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Erfolgs-Duo: Seit 2015 trainiert Faris Al-Sultan (links) den Bad Wildunger Triathleten Patrick Lange. Hier machen sie 2018 vor dem Frankfurter Ironman eine Kaffee-Pause in der Main-Metropole.

Faris Al-Sultan hat aus dem Triathleten Patrick Lange einen zweifachen Ironman-Weltmeister gemacht. Im Interview verrät der Trainer, warum sein Schützling nicht von allen geliebt wird.

Kann man in Asics- oder Adidas-Schuhen genauso schnell laufen wie in welchen von New Balance?

Faris Al-Sultan (lacht): Es ist völlig unerheblich, welcher Markenname da drauf steht. Es zählt allein, dass der Schuh dem Athleten passt - nicht nur von der Größe, sondern auch von der Funktion.

Patrick Lange hat nicht nur seinen Schuhausrüster gewechselt. Er ist auch von Darmstadt in die Nähe von Salzburg gezogen. Wird in dieser Saison alles anders?

Al-Sultan: Diese Saison wird wirklich alles anders. Wobei: Er macht immer noch Triathlon. Er muss immer noch schwimmen, radfahren und laufen. Aber die Schwerpunkte im Training werden sich verschieben. Man kann nicht jedes Jahr mit demselben Trainingsprogramm an die Sache rangehen. Die Reize wirken dann nicht mehr, der Körper stumpft ab.

Was lassen Sie nun anders trainieren?

Al-Sultan: In den vergangenen beiden Jahren haben wir sehr viel Wert auf Krafttraining gelegt. Damit Patrick mehr Substanz bekommt, haben wir sogar mit einem Gewichtheber zusammengearbeitet. Das werden wir nun reduzieren. Dafür werden wir intensivere Einheiten machen - etwa mit harten 400-, 800- oder 1000-Meter-Läufen. Patrick hat das Problem, dass er auf den kürzeren Distanzen nicht schnell genug ist, vor allem beim Laufen. Um bei der 70.3-WM in Nizza über die halbe Ironman-Distanz zu bestehen, muss er hier besser werden.

Warum ist der Umzug nach Österreich, wo seine Freundin herkommt, die er bald heiraten wird, eine gute Entscheidung?

Al-Sultan: Wegen mir als Trainer hätte er da nicht hinziehen müssen, aber er wollte einen Tapetenwechsel. In Deutschland gibt es nicht den einen Ort, wo man als Triathlet sein muss. Das ist anders als in den USA, wo in den vergangenen Jahren alle nach Boulder in Colorado abgewandert sind. Also ist er dorthin gegangen, wo die Familie seiner Freundin herkommt. In Salzburg ist es schön. Es gibt ein großes Trainingszentrum. Da sind auch ein paar andere Triathleten. Und zu mir hat er es auch nicht mehr so weit.

Wie eng war der Kontakt bislang zwischen Ihnen im Alltag?

Al-Sultan: Hauptsächlich haben wir über Telefon und WhatsApp miteinander kommuniziert. Im letzten Jahr waren wir nur eine Woche zusammen im Trainingslager. Und die Woche vor Hawaii haben wir zusammen verbracht. Ansonsten haben wir uns relativ wenig gesehen. Ich hoffe, dass ich ihn jetzt mehr sehen kann.

Trainieren Sie hin und wieder auch noch gemeinsam?

Al-Sultan: Bei lockeren Einheiten auf dem Rad geht das und auch bei manchen ruhigen Dauerläufen, aber ich kann keine harten Sachen mehr mit ihm laufen. Dazu bin ich zu langsam. Das muss aber auch nicht sein. Beim Schwimmen ist es ohnehin besser, wenn ich am Beckenrand stehe und sagen kann, wie es mit der Technik aussieht.

Wie kann man einen Schützling, der im Vorjahr mit einer Fabel-Bestzeit auf Hawaii gewonnen hat, noch motivieren? Eigentlich kann es nun von nun ja nur noch bergab gehen.

Al-Sultan: Genau so ist es. Es ist schon schwierig, nach einem Hawaii-Sieg alles zusammenzukriegen, damit es noch mal gelingt. Ich weiß, wovon ich rede. Fairerweise muss man sagen, dass Patrick im letzten Jahr exzellente Bedingungen für sich und seinen Stil hatte. Bei den guten Windverhältnissen war klar, dass der beste Läufer gewinnen würde. Kein Radspezialist hätte sich weit genug absetzen können. Ich gehe nicht davon aus, dass es in diesem Jahr schon wieder so einfache Bedingungen für ihn geben wird. Aber er hat ja auch noch andere Ziele. Er will sicher sein Heimrennen in Frankfurt gewinnen, wo er bereits zweimal vor der einzigartigen Kulisse gestartet ist. Und beide Male lief es nicht hundertprozentig für ihn. Wir werden natürlich versuchen, dass er zum dritten Mal hintereinander auf Hawaii gewinnt, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass es klappt.

Als Sie 2015 Patrick Langes Trainer wurden, sollen Sie zu ihm gesagt haben: "Du wirst nie ein großes Rennen gewinnen." Warum haben Sie sich getäuscht?

Al-Sultan: Ich hatte eine relativ realistische Einschätzung von seiner Schwimm- und Radleistung. Ich habe allerdings unterschätzt, wie gut er auf dem Rad sitzen kann. Um eine extrem aerodynamische Position zu finden, hat er mit seinem Ausrüster Canyon viel Zeit investiert für Tests im Windkanal und auf der Bahn. Dadurch kann er auch mit etwas weniger Leistung sehr schnell Rad fahren. Zudem hat er eine wahnsinnig gute Laufökonomie. Vergleicht man das mit anderen Spitzenathleten, sieht das einfach viel leichter aus. Darum macht es nichts, dass seine Grundschnelligkeit nicht so hoch ist.

Manche sagen trotzdem, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen. Sie waren immer ein Vorreiter im Anti-Doping-Kampf. Auch Patrick bezieht diesbezüglich immer wieder Stellung. Sind Sie es leid, sich und Ihren Schützling vor argwöhnischen Kritikern rechtfertigen zu müssen?

Al-Sultan: Was die Leute oft vergessen: Patrick war in der öffentlichen Wahrnehmung lange nicht vorhanden. Er war lediglich einer von 35 deutschen Triathleten aus der zweiten und dritten Garde. Gegenüber einem Jan Frodeno, der wie ein Leuchtturm leuchtet, und all den anderen guten Ironman-Triathleten, fällt jemand, der ein paar Mal deutscher Duathlon-Meister war, aber noch nie eine Langdistanz bestritten hat, nicht auf. Trotzdem hatte Patrick bis dahin schon 15 Jahre trainiert wie ein Wilder. Er flog unter dem Radar, aber kam keineswegs aus dem Nichts. Mit ein paar Umstellungen und etwas Glück haben wir diese Leistung aus ihm rausgeholt.

Trotzdem fragt man sich, warum der Ironman-Weltmeister sauber sein soll. Mit Schwimmen, Radfahren und Laufen verbindet der Triathlon schließlich die dopingverseuchtesten Ausdauersportarten.

Al-Sultan: Eine der ersten Fragen, die mir Patrick stellte, war: "Kann man Hawaii ohne Doping gewinnen?" Meine Antwort war: "Ich hab jedenfalls nichts gebraucht." Und ich bin felsenfest überzeugt, dass andere Sieger wie Thomas Hellriegel und Sebastian Kienle auch nie etwas genommen haben. Bei uns spielen andere Faktoren eine Rolle als im Schwimmen, Radfahren und Laufen, wo sich alles um die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit dreht. Dort gewinnt, wer den größten Motor hat. Im Triathlon spielen dagegen Ermüdungsfaktoren, Laufökonomie, stoffenergetische Prozesse eine Riesenrolle. Manche können nicht so aerodynamisch auf dem Rad sitzen. Manche können auf dem Rad nichts essen. Die haben im Triathlon keine Chance, obwohl sie einen großen Motor haben oder vielleicht sogar gedopt sind. Natürlich hilft Doping bei uns auch, aber es ist nicht das allein Seligmachende.

Im Dezember wurde Patrick Lange völlig verdient Sportler des Jahres. Außerdem bekam er einen Bambi. Bei der Wahl zum Triathleten des Jahres landete er jedoch abgeschlagen hinter Jan Frodeno, der ihm mit Sebastian Kienle vorwarf, zu oft im Windschatten zu fahren. Warum ist Patrick in der Szene nicht so beliebt?

Al-Sultan: Das liegt an Patricks Geschichte. Er war früher sicher einer von den Triathleten aus der zweiten und dritten Garde, die bei Mitteldistanzrennen an die Grenzen des Reglements gegangen sind. Da bilden sich auf dem Rad gern Grüppchen, die viel zu dicht auffahren. Und die Kampfrichter greifen nicht so hart durch wie auf Hawaii. Aus dieser Zeit stammen einige Animositäten. Dem Patrick jedoch vorzuwerfen, auf Hawaii Windschatten zu fahren, ist komplett Banane. Kein Rennen auf Gottes Erde ist so gut überwacht wie dieses. Als amtierender Weltmeister sind noch mehr Augen auf dich gerichtet. Da fällt es sehr schwer, zu bescheißen.

Trotzdem wurde genau darüber vor der WM auf Hawaii diskutiert.

Al-Sultan: Für mich war die Debatte äußerst unsinnig. Ein Artikel in der "FAZ" war so geschrieben, dass es hieß: "Patrick Lange dopt und bescheißt." Das ist kompletter Schwachsinn.

Erfolg, heißt es, verändert den Menschen. Inwiefern hat sich Patrick in den vergangenen Jahren als Mensch weiterentwickelt?

Al-Sultan: Sehr positiv. Früher war es bei ihm so: Viel wollen und wenig können - da wird man unentspannt. Wenn man selber wenig hat, gönnt man anderen nicht so viel. Das war sicher ein Grund, warum er nicht so gern gesehen war. Mittlerweile ist er ganz anders. In die Rolle des Champions ist er hineingewachsen. Er ist großzügiger geworden - gegenüber anderen und gegenüber sich selbst.

Hatten Sie bei seinem Heiratsantrag nach dem Zieleinlauf auf Hawaii auch Tränen in den Augen?

Al-Sultan: Das ist seine Privatangelegenheit. Mit mir hatte er das nicht abgesprochen. Ich bin verantwortlich, dass das Training passt. Den Rest macht er. Den Heiratsantrag habe ich auch gar nicht mitbekommen. Man hat mir später von ihm berichtet. Mein Arbeitstag war da schon zu Ende. Als er etwas vor dem Ziel an mir vorbeigelaufen war, bin ich ins Hotel gegangen, habe etwas gegessen und mich Schlafen gelegt.

Sie haben sich nach dem Rennen also gar nicht in die Arme genommen?

Al-Sultan: Nee, wir haben uns erst später gesehen. Wenn du auf Hawaii gewonnen hast, wollen dir so viel Leute die Hände schütteln, es gibt so viel zu erzählen, da muss ich nicht auch noch herumwichteln. Wenn es einem schlecht geht, muss das Team um einen herum da sein. Wenn Patrick einen großen Erfolg hat, ist es weniger wichtig, dass ich da bin.

Seit Kurzem sind Sie auch Bundestrainer für die Kurzdistanz. Warum rennen die Deutschen der Konkurrenz auf der Olympischen Distanz hinterher, während Sie die Langstrecke bestimmen?

Al-Sultan: Hundertprozentig weiß ich das auch noch nicht. Ein Problem ist das Schwimmen. Wir haben einige Entwicklungen verschlafen und keinen Athleten, der in allen drei Disziplinen richtig gut ist. Noch Anfang der Nullerjahre war Triathlon über die Olympische Distanz ein Laufwettkampf mit gemeinsamen Aufwärmen. Mittlerweile ist das Radfahren längst aufgewertet worden. Zudem gab es eine starke Athletengeneration um Jan Frodeno und Daniel Unger, die den Nachwuchs ein bisschen blockiert hat und dann abgetreten ist. So haben wir viele gute Leute verloren, die mit Anfang 20 aufgehört haben. Wir sind jetzt dabei, das aufzuholen, aber das wird dauern.

Wann ist die Saison für Patrick Lange Ihrer Ansicht nach gelungen?

Al-Sultan: Er braucht nicht unbedingt einen dritten Hawaii-Sieg. Aber es gibt ja Rennen, die er noch nicht gewonnen hat.

Ist Frankfurt, wo er zweimal hinter den Erwartungen blieb, demnach wichtiger als Hawaii?

Al-Sultan: Für ihn natürlich nicht. Aber für mich sind Frankfurt, die 70.3-WM in Nizza und Hawaii gleichberechtigt. Wenn er einen der drei Wettkämpfe gewinnt, wäre ich sehr zufrieden.

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Das ist Faris Al-Sultan

  • Geboren: am 21. Januar 1978 in München
  • Ausbildung: Studium der Geschichte und Kultur des Nahen Orients (abgebrochen)
  • Karriere: Seinen ersten Marathon lief Al-Sultan als 16-Jähriger unter falscher Altersangabe, weil er offiziell noch zu jung war. Als dritter deutscher Triathlet wurde er 2005 auf Hawaii Ironman-Weltmeister. Weitere Erfolge: Ironman-Europameister 2011 sowie vierfacher deutscher Meister. 2015 beendete er seine Karriere. Seit vergangenem Jahr ist Al-Sultan Bundestrainer für die Olympische Kurzdistanz.
  • Privates: Lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in München.

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