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Endlich wieder Bälle halten: Johannes Gebhard kämpfte sich zurück ins Fußballtor

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Von: Marvin Heinz

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Kämpfte sich nach seiner Long-Covid-Erkrankung zurück auf das Fußballfeld: der Waldkappeler Johannes Gebhard.
Kämpfte sich nach seiner Long-Covid-Erkrankung zurück auf das Fußballfeld: der Waldkappeler Johannes Gebhard. © Marvin Heinz

Jeder Sportler hat Wettkämpfe bestritten, die ihm in Erinnerung bleiben. Wir erzählen sie in der Serie „Die sportliche Leistung meines Lebens.“ Heute: Fußballtorwart Johannes Gebhard.

Waldkappel - Der zehnminütige Spaziergang glich einem gefühlten Marathon, das Staubsaugen in den eigenen vier Wänden war die Herkulesaufgabe des Alltags und das heimische Sofa die letzte Daseinsberechtigung.

Johannes Gebhard, 40 Jahre alt, seit zwei Jahrzehnten Schlussmann des TSV Waldkappel, hing nach seiner Corona-Infektion – positiv getestet am 26. Januar 2021 – fast zwölf Monate in den Seilen.

„Ich war nach der Infektion am Boden. An Fußballspielen war nicht mehr zu denken, ich bin auch selbst nicht mehr auf den Sportplatz zum Zuschauen gegangen“, so Gebhard, der die Infektion insgesamt eigentlich gut durchgestanden hatte: „Es war an sich nicht wild. Ich habe erst gedacht, es ist wie eine Grippe und es ist nach einer Woche weg. Ich hatte auch keinen Geschmacks- oder Geruchsverlust.“

Nach der Corona-Infektion am Boden

In seinen gewohnten Trott kam der Einzelhandelskaufmann, der in einem Supermarkt in Waldkappel arbeitet, dann nur schwer. „Die Muskulatur in meinen Beinen war weg. Ein Spaziergang verlangte mir alles ab.“ Ein Patentrezept gab es auch für den echten Waldkappeler nicht. Kein Facharzt konnte ihm eine Lösung des Problems liefern.

„Das war deprimierend“, gibt er zu und spricht ganz offen über die Diagnose Long-Covid: „Ich habe viel gelesen. Aber einen Rat, der mir geholfen hätte, gab es nicht. Leider hatte auch nicht jeder Verständnis für meine Erkrankung, es war ja nicht greifbar.“

Johannes Gebhard handelte, suchte sich Hilfe und fand sie in der Online-Hilfegruppe „KIBIS Stormarn“. Offen wurde in vielen Video-Konferenzen über die Krankheitsbilder gesprochen. „Corona sucht die Problemstellen im Körper und zeigt dir, wo es hakt“, so Gebhard, der noch immer an den Sitzungen der Gruppe teilnimmt: „Jetzt bin schon ein bisschen das Maskottchen. Ich will auch anderen helfen wieder auf die Beine zu kommen.“

Anfang März 2022 wieder im Teamtraining

Bei einer Eschweger Osteopathin wurde Gebhard auf den Kopf gestellt. „Ausgelesen wie ein Computer“, sagt er selbst und fügt hinzu: „Ich habe dann meine Ernährung umgestellt.“ Eier- und Gluten-Produkte waren nicht mehr auf dem Einkaufszettel zu finden, der Griff zu den Süßigkeiten hörte der Vergangenheit an.

Eine Reha bremste ihn „gefühlt“ schon: „Da hätte ich schon gerne mehr gemacht.“ Am 26. Februar 2022 schloss Gebhard bei seinem Arbeitgeber die stufenweise Wiedereingliederung ab. Zurück angekommen im Berufsleben wollte Gebhard auch wieder auf dem Sportplatz mittendrin statt nur dabei sein.

Das Gesellige, die Gemeinschaft und das Einstehen für ein gemeinsames Ziel haben ihn stets in den Bann gezogen: „Das habe ich vermisst.“ Anfang März 2022 schloss er sich wieder dem Training des TSV Waldkappel an. „Ich hatte vier Tage lang Muskelkater und es war der schönste Muskelkater, den ich je hatte“, sagt der Schlussmann, der sich erst einmal wieder an seine Sportart gewöhnen musste.

Neben der Tatsache, dass der Torwarthandschuhhersteller seines Vertrauens den Klettverschluss abgeschafft hatte, fiel es ihm zunächst schwer, das Fußball-Einmaleins anzuwenden: „Anfangs habe noch ich überlegt, was ich auf dem Platz mache. Aber dann lief alles reibungslos.“

Endlich wieder Fußbälle halten

Und Gebhard stand am 27. März 2022 – genau 528 Tage nach seinem letzten Einsatz – beim 4:1-Auswärtssieg beim SSV Witzenhausen wieder im Kasten seines Herzensclubs und machte das, was er am besten kann: Bälle halten. Endlich wieder Bälle halten.

Er steigerte sich, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen und denkt zurück an die gehaltenen Elfmeter gegen die SG Frieda/Schwebda/Aue und die SG Werratal. Im Spiel gegen die SG Meißner präsentierte sich Waldkappels Schlussmann in grandioser Form und parierte mehrfach glänzend.

„Das Lob der Zuschauer tat mir im Anschluss echt gut“, sagt er und wird im nächsten Satz sehr deutlich: „Dass ich wieder zurückgekommen bin, ich lag am Boden, keiner hat mehr mit mir gerechnet, ist meine sportliche Leistung des Lebens. Ja, darauf bin ich wahnsinnig stolz.“

(Marvin Heinz)

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