Bewegung, Musik und Gesang

Eine etwas andere Sportart: Zu Gast beim Capoeira Angola

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Beim Capoeira geht es akrobatisch und musikalisch zur Sache.

Instrumente, Gesang und akrobatische Bewegungen - und das soll ein Kampfsport sein? Wir haben ein Capoeira-Angola-Training in Kassel besucht.

Ganz ehrlich: Das Wissen über die Sportart Capoeira hielt sich vor dem Trainingsbesuch arg in Grenzen. Bekannt war eigentlich nur, dass es seinen Ursprung irgendwo in Brasilien hatte und Richtung Kampfsport geht. Die Überraschung war dann auch vergleichsweise groß. 

Im Dock 4 in der Unteren Karlsstraße angekommen, wird man sofort freundlich von "Treinel" (was soviel wie Trainer bedeutet) Daniel Luck und den anderen Mitgliedern des Vereins Associação de Capoeira Angola Dobrada begrüßt. 

Alle tragen schwarze Hosen und weiße Shirts - das ist sozusagen die Vereinskleidung. Erwartet man vorher hektische und wilde Kampfszenen, wird man schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Capoeira ist anders und vermag es dennoch, einen in den Bann zu ziehen.

Jeder Akteur ist Teil des Capoeiraspiels

Stille herrscht beim Training dann selten - und das ist normal. Denn Capoeira besteht aus Bewegung, Musik und Gesang. Mit dem Instrument Berimbau wird der Takt vorgegeben. Auch Tamburine und Trommeln sorgen für Stimmung. Der Rhythmus wechselt und ist mal langsamer, mal schneller.

Wie bei jeder anderen Sportart auch, wird sich beim Training erst mal aufgewärmt. Auch die grundlegenden Bewegungen werden hier geprobt. Daniel Luck gibt außerdem Bewegungsabläufe vor, die ausprobiert und trainiert werden können.

Beim Training werden Körperbeherrschung und Akrobatik geschult.

Der Grundschritt beim Capoeira, der sich an den Takt anpasst, heißt Ginga. Bei diesem "belauern" sich die beiden Spieler. Luck stellt klar: "Es heißt: Wir spielen Capoeira, nicht machen oder kämpfen." Zu den Grundbewegungen gehören auch hüfthohe oder geschwungene Tritte, außerdem lernt man schnell, ein Rad schlagen zu können. Wichtig dabei ist aber nicht nur die bloße Durchführung, sondern auch die Ausstrahlung einer gewissen Eleganz. 

Die Roda

Zu jeder Trainingseinheit gehört es auch, am Ende in der Roda (dem Kreis) zusammenzukommen (siehe Video). Das ist sozusagen die Wettkampfform beim Capoeira. Jeder Teilnehmer hat hier eine Funktion - ob als Spieler, Musiker oder Sänger. Hier sind außerdem die Bewegungsabläufe nicht abgesprochen. 

Dann ist Freestyle gefragt. "Das Ziel ist es, sich selbst darzustellen und ein entsprechendes Spiel mit dem Partner zu führen. Das kann alles beinhalten - kämpferisch, tänzerisch, aggressiv, dominant, harmonisch, gewitzt, listig, lustig, theatralisch, akrobatisch - wie das Spiel und die Kommunikation wird, weiß man vorher nicht", erklärt Luck.

Bei der Roda geht es zur Sache.

Das heimliche Ziel sei es, den Partner auszutricksen und gewitzt zu erwischen oder noch besser: ihn auf den Hosenboden zu setzen. Dabei soll mit Eleganz, List und Tücke vorgegangen werden - Rohe Gewalt gelten als grob und unsportlich.

Die Spieler wechseln, wenn das Spiel vorbei ist – wann das ist, können die Spieler entscheiden, aber meist entscheidet es die Person, welche die Roda leitet und in der Regel das größte Berimbau spielt. Die Roda ist üblicherweise vorbei, wenn alle einmal oder mehrfach in der Roda gespielt haben – den Endzeitpunkt bestimmt aber wieder die Person am Berimbau.

Das Fazit

Zwar ganz anders als erwartet, aber dennoch beeindruckend - so lautet das Fazit vom Besuch beim Capoeiratraining. Es ist viel Körperbeherrschung gefragt und obwohl viele Bewegungen nicht in höchstem Tempo ausgeführt werden, ist es eine sehr schweißtreibende Sportart. Die zunächst merkwürdig wirkende Musik zieht einen spätestens in der Roda in ihren Bann, wenn alle Teilnehmer mitsingen.

Capoeira Angola

Capoeira Angola ist eine der zwei größten Capoeira-Stile und zeichnet sich durch langsameres Tempo und größere Musikalität aus. Capoeira Angola ist zugleich das älteste Capoeiraspiel. Es entstand im 18. Jahrhundert, als die afrikanischen Sklaven in Brasilien die im Tanz getarnte Kampfkunst für ihren Widerstand nutzten. Capoeira Angola war aber bis in die 1930er Jahre verboten.

In der brasilianischen Republik wurde Capoeira ab 1889 durch einen Paragrafen verboten. Die Ausübung der Capoeira wurde mit Verbannung von sechs Monaten bis zwei Jahren bestraft. Die Capoeiristas wurden als Monarchisten angesehen, die sich aus Dankbarkeit für die Befreiung der Sklaven der Krone verpflichtet fühlten. Das Verbot drängte die Capoeira stark in den Untergrund. Erst in den 1930er Jahren wurde das Verbot aufgehoben: Die Capoeira, die sich zuvor in den Slumvierteln entwickelt hatte, wurde auch gesellschaftsübergreifend wieder wahrgenommen.

Im Fokus stehen taktische Finesse und Rhythmuswechsel mit starken Tritten.

Der Verein Associação de Capoeira Angola Dobrada

Der Verein wurde 1992 in Kassel gegründet. Ziel des Vereins ist es, die Kunst und die Rituale der Capoeira Angola zu pflegen, zu verbreiten und lebendig zu erhalten, ohne sie zu verformen. 

Mitglieder des Vereins Associação de Capoeira Angola Dobrada.

Das Training beim Verein in Kassel findet montags (19 - 21 Uhr) und donnerstags (18 - 21 Uhr) statt. Einmal pro Monat steht außerdem ein Wochenend-Training mit Mestre Rogerio statt. Mestre Rogerio ist einer der führenden Charaktere der Capoeira Angola in Europa und hat den Verein mitgegründet. 

Das erste Schnuppertraining für Neueinsteiger ist kostenlos. Weitere Informationen zum Verein Associação de Capoeira Angola Dobrada findet ihr auf seiner Homepage

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