"Der wiegt ja drei Tonnen" 

Ex-Box-Weltmeister Graciano Rocchigiani im Interview

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Auf dem Weg nach Kassel: Boxer Graciano „Rocky“ Rocchigiani im vergangenen September während einer Kampfnacht in Dresden. 

Kassel. Die Abreise steht unmittelbar bevor. In den nächsten Tagen wird Graciano Rocchigiani vorübergehend von Berlin nach Kassel ziehen.

Als Trainer des gebürtigen Gudensbergers Özcan Cetinkaya wird „Rocky“ dann am 4. Juni als Trainer bei einer Box-Nacht im Kasseler Autohaus Dürkop am Ring stehen (siehe Hintergrund). Mit uns sprach der 52-jährige frühere Weltmeister über seinen Sport und private Perspektiven.

Sie waren nach Max Schmeling und Eckhard Dagge der dritte deutsche Weltmeister. Was war das für ein Gefühl?

Rocchigiani: Das war schon etwas ganz Besonderes, aber ich bin damals eigentlich ganz ruhig geblieben und habe mit der Familie und Freunde gefeiert.

Trotzdem blieben auch unerfüllte Träume wie ein Sieg gegen Henry Maske oder Darius Michalczewski, oder? Gegen beide haben Sie schließlich zweimal geboxt und zweimal verloren.

Rocchigiani: Nee, das sehe ich anders. Aus meiner Sicht habe ich jeweils einmal gewonnen.

Und? Immer noch Lust auf einen Rückkampf gegen Dariusz Michalczewski?

Rocchigiani: Gegen Dariusz wohl kaum. Der wird wohl nicht mehr boxen, so wie der jetzt aussieht. Der wiegt ja drei Tonnen. Auf einen Kampf gegen Roy Jones hätte ich dagegen schon Lust, aber bisher gibt es noch nichts Konkretes.

Erstmal kommen Sie aber im Juni nach Kassel, wo Sie während einer Box-Nacht den Kasseler Boxer Özcan Cetinkaya betreuen. Haben Sie ihn fit bekommen?

Rocchigiani: Özcan ist fleißig und diszipliniert. In den Tagen vor dem Kampf sind wir schon in Kassel. Da geht es um den Feinschliff, aber bisher läuft alles nach Plan.

Anders als Berlin oder Hamburg ist Kassel nicht die ganz große Bühne. Können solche Veranstaltungen den Boxsport voranbringen?

Rocchigiani: Ich denke schon. Wir haben eine ordentliche Zusammensetzung, was die Stärke der Boxer betrifft und Boxen wird eigentlich überall gern gesehen.

Was müsste denn aus Ihrer Sicht überhaupt anders laufen in der Box-Szene?

Rocchigiani: Natürlich gibt es immer Sachen, die mir gefallen oder nicht.

Zum Beispiel?

Rocchigiani: Mir gefällt nicht, dass viel zu viele Titel ausgeboxt werden, die überhaupt keinen Wert haben. Das ist Rummelboxen, bei dem Boxer um Titel kämpfen, die gar nicht die Besten sind, sondern oft nur Fallobst.

Und Sie selbst? Lernt man eigentlich aus Fehlern, oder macht man einfach weiter wie gewohnt?

Rocchigiani: Kleinigkeiten würde ich vielleicht anders machen. Im Großen und Ganzen bin ich aber zufrieden mit meinem Leben und würde vieles nochmal so machen. Finanziell könnte ich besser dastehen, aber das ist meine eigene Schuld.

Jetzt gibt es dieses Box-Gym in Berlin-Tempelhof. Ist das eine Perspektive für Sie?

Rocchigiani: Na klar. Wir machen das ja nicht, weil wir nichts zu tun haben, sondern wir wollen etwas aufbauen. Wir wollen junge Boxer nach oben bringen und damit natürlich auch Geld verdienen.

Es gab auch unerfreuliche Nachrichten in Ihrer Vergangenheit. Freiheitsstrafen wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung waren darunter. Wollen Sie dazu im Rückblick etwas sagen?

Rocchigiani: Das ist vorbei. Ich bin schließlich kein Verbrecher. Ich war eben öfter mal zur falschen Zeit am falschen Ort.

Haben Sie einen Langzeit-Plan - eine Art Rentenprojekt?

Rocchigiani: Rente ist für mich mit 52 kein Thema. Daran kann man nicht denken, wenn man ein Box-Gym aufbauen will.

Zur Person:

Graciano Rocchigiani (52) wurde in Duisburg geboren und lebte lange in Berlin. Bis zur neunten Klasse besuchte er die Realschule und erlernte dann den Beruf des Gebäudereinigers. Zwischen 1995 und 2001 war „Rocky“ mit Ex-Partnerin Christine verheiratet. Der 1,88 Meter große Rechtsausleger betreibt heute in Berlin-Tempelhof ein Box-Gym. Der frühere Halbschwergewichtler gewann am 11. März 1988 den IBF-Weltmeistertitel im Supermittelgewicht. Am 21. März gewann er den vakanten Halbschwergewichtstitel des WBC. Er wurde mehrfach zu Freiheitsstrafen verurteilt. 2012 wurde bekannt, dass Rocchigiani sein Vermögen verloren hat.

Hintergrund:

Die Kasseler Box-Nacht findet am Samstag, 4. Juni, im Kasseler Autohaus Dürkop statt. Geplant sind sieben bis neun verbandsübergreifende Kämpfe. Den Hauptkampf bestreitet der in Kassel geborene Özcan Cetinkaya, der von Graciano Rocchigiani trainiert wird. Bisher liegen die Zusagen von bekannteren Boxern wie Adrian Granat, Christian Hammer und Karo Murat vor. Im Autohaus Dürkop können bis zu 1300 Zuschauer Platz finden. Die Karten kosten zwischen 25 und 65 Euro.

Tickets können über die Hotline 0561/350296 288 geordert werden. Außerdem gibt es Eintrittskarten an folgenden Vorverkaufsstellen: Fan-Point Kassel, 0561/12823, Autohaus Dürkop, 0561/9988102, Dez-Einkaufszentrum, 0561/475960 und beim HNA-Kartenservice, 0561/203204.

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