Nicht nur für Extremsportler: Klettern trainiert Muskeln und motiviert

Kassel. Zehn Meter über dem Boden hänge ich an der grauen Wand. Das Ziel am kalten Beton in greifbarer Nähe. Meine rechte Hand wandert zum roten Griff über meinem Kopf.

Ich bekomme ihn zu fassen, kralle die Fingerspitzen in eine Kerbe und stemme meinen Körper nach oben. Geschafft. Beim Blick Richtung Fußboden wird mir etwas mulmig. Doch der Stolz, zum ersten Mal die Wand im Kletterzentrum Nordhessen bezwungen zu haben, vertreibt das flaue Bauchgefühl.

„Klettern motiviert“, sagt der Physiotherapeut Sacha Lubach. „Es macht Spaß und stärkt gleichzeitig Kraft und Koordination.“ Jeder muss zwar sein eigenes Gewicht nach oben ziehen. Dass sich Klettern nur für Extremsportler eignet, ist aber ein Vorurteil.

Denn die Bewegungen an den Wänden sind laut Lubach mit denen von Babys vergleichbar, die sich auf dem Boden fortbewegen und sich an Stühlen hochziehen.

Sicherheit geht vor: Bevor sie die Wand erklettern, prüfen Stefan Moriße (links) und Kletterbetreuer Timo Miehe die Seile.

„Klettern ist nichts anderes als Krabbeln“, sagt der 37-Jährige. Älteren und gehbehinderten Patienten, die nach einem Schlaganfall das Laufen wieder neu lernen müssen, empfiehlt er daher eine Klettertherapie.

Doch Klettern ist nicht nur aus gesundheitlichen Gründen sinnvoll. Wer Wände empor kraxelt, stärkt seine motorischen Fähigkeiten und lernt seinen Körper kennen und einzuschätzen. Die Muskelpartien vor allem am Rumpf und den Unterarmen werden beansprucht, Haltungsschäden ausgeglichen.

Klettern verlangt Kraft. Vor allem Männer wollen sich am Anfang beweisen, halten sich zu krampfhaft fest und verausgaben sich schnell. Frauen gehen technischer heran, analysieren die Route und erstellen erst im Kopf einen Weg, bevor sie loslegen.

Auch ich merke, dass meine Kräfte schwinden. Nach der roten Anfängerroute habe ich einen schwierigeren blauen Pfad gewählt. Die Griffe sind schmaler, liegen weiter auseinander. Die ersten sechs, sieben Meter sind kein Problem. Doch ich klettere zu schnell und brauche eine Pause.

Unten am Hallenboden steht Timo Miehe. Der 19-Jährige macht im Deutschen Alpinverein in Kassel sein Freiwilliges Soziales Jahr und ist begeisterter Kletterer. Heute ist er mein Partner in der Kletterhalle und sichert mich. Ich gebe ihm ein Zeichen, lasse die Griffe los und stoße mich von der Wand ab. Ins Seil setzen heißt das. Behutsam lässt mich Timo Miehe herab.

Was reizt ihn am Klettern? „Niemand schreibt dir vor, wie du dich bewegen sollst“, erzählt der 19-Jährige. In anderen Sportarten wie Schwimmen sei es immer nur das Ziel, einem idealen, immer gleichen Bewegungsablauf so nah wie möglich zu kommen. Klettern könne man hingegen ganz individuell.

Und so bietet sich ein Besuch in der Kletterhalle nicht nur für Menschen an, die später einmal die Alpen erklimmen möchten. Wer eine Kraftsportart sucht und sich fit halten möchte, sollte sich einfach mal an einer Wand ausprobieren.

Von Stefan Morisse

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