Rundkurs Edersee: Ein Supermarathon über den Urwaldsteig

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Tolle Aussichten: Kurz vor dem Ziel am Schloss Waldeck bietet eine Aussichtsplattform dieses wunderschöne Panorama mit Blick auf die Sperrmauer.

"Den Urwaldsteig können Sie in mehreren Tagesetappen erleben." So bewirbt das Marketing die 68 Kilometer lange Route entlang der Steilhänge des Edersees. Ambitionierte Läufer schaffen die Runde in ein paar Stunden. Früher hieß das: Supermarathon.

Den wollen Michael, Patryk und ich auch laufen. Michael ist extra aus Hamburg angereist: Er entflieht dem flachen Norden, um im schönen Nordhessen für einen bergigen 100-Meilen-Traillauf zu trainieren - und immerhin sind auf dem Urwaldsteig rund 2000 Höhenmeter zu bewältigen. 

Patryk aus Bad Zwesten kennt die Route. Er trainiert oft in der Region und führt uns über die Strecke. Beide sind erfahrene Ultraläufer, die Strecken über die Marathondistanz hinaus schon oft gelaufen sind. Eine gute Form und etwas Erfahrung sollte man auch mitbringen, wenn man den Edersee einmal laufend umrunden will (siehe auch Faszination Trailrunning: Spaß an der Natur abseits der Straße).

Die Strecke:

Supermarathon startete am Café Seeblick

Nur vier Stunden benötigte vor elf Jahren Siegfried-Jürgen Seitz aus Patersdorf in Bayern für dieses Vorhaben. Beim erstmals ausgetragenen Supermarathon hatte er 1996 lediglich 60 Kilometer zu absolvieren, Startpunkt war das Café Seeblick. Wir hingegen starten und enden unsere Tour am Schloss Waldeck. 157 Männer und 16 Frauen traten damals gegeneinander an, die beste Frau war lediglich 47 Minuten langsamer als Seitz (siehe Hintergrund am Ende des Artikels).

Videosammlung "100 Jahre Edersee" (mehr Videos):

Organisation als Etappenlauf

Seit elf Jahren gibt es diese landschaftlich wunderschöne und läuferisch anspruchsvolle Veranstaltung nicht mehr. Doch noch immer nutzen Läufer die Strecke für ihr Training. Dabei muss es nicht gleich über die volle Distanz gehen: Ein Lauf um den Edersee kann wunderbar als Etappenlauf organisiert werden, bei dem Läufer je nach Leistungsvermögen an verschiedenen Punkten einsteigen können. 

Bezeichnet den Edersee als sein "Rückzugsgebiet": Peter Gnüchtel.

Genau eine solchen Veranstaltung organisierte 2014 Peter Gnüchtel (Laufblog) aus Züschen - passend zum 100. Geburtstag des Edersees. Der begeisterte Läufer, der auf Google+ die Community Running/Laufen ins Leben gerufen hat, brach mit zwei anderen Sportlern über 60 km auf. Ihre Tour startete in Rehbach auf der Südseite des Edersees und führte 25 Kilometer in Richtung Herzhausen. Von dort an gab es Einstiegspunkte für weitere Läufer. Die Stationen: Herzhausen - Vöhl - Halbinsel Scheid - Ober-Werbe - und über die Staumauer zurück nach Rehbach.

Ein Bierhaus, ein Club und eine Wette

Während sich Gnüchtel, seine Mitläufer aus ganz Deutschland und deren Angehörige bereits am Vorabend im Fritzlarer Brauhaus trafen, war ein solches viele Jahre zuvor Ausgangspunkt des ersten Laufs um den Edersee, den wir in unseren Archiven aufstöbern konnten. In einer Wette zwischen zwei Gastronomien aus Kassel ging es darum, den Edersee an einem Tag umrunden zu müssen.

Anzeige in der HNA vom 22. August 1975: Das Kasseler Bierhaus zum Zapper wettete gegen den Club 21 und seinen Chef Klaus Richter.

Selbst alteingesessenen Kasselern ist das Bierhaus zum Zapper heute wohl kein Begriff mehr. Es befand sich in der Fünffensterstraße 14, mittlerweile Standort des Café Suspekt und der Bar Night Time. Doch der Club 21 als Deutschlands erste Diskothek hat sogar bundesweit einen Namen - und Klaus Richter ist der Mann, der die Idee eines Clubs mit einem Plattenaufleger hatte. Jenen Menschen also, die heute DJ's genannt werden. 

Gern hätten wir mehr über den Lauf des Kult-Gastronomen erfahren, doch leider kann uns Richter dazu keine Auskunft erteilen. Aus dem Club 21 ist mittlerweile der Club 22 geworden; und auch das Sportgeschäft Kajüla existiert nicht mehr. Klaus Richter, der sicherlich kein Ultraläufer war, kann jedoch mit Fug und Recht zu seiner Leistung gratuliert werden. 

Michael, Patryk und ich benötigen rund sieben Stunden. 

Worauf bei einem Ultralauf zu achten ist:

  • das richtige Schuhwerk: Es sollten Schuhe mit Profil gewählt werden. Insbesondere bei widrigen Wetterbedingungen können die Wege und Trails teilweise schwierig zu laufen sein. Mit glatten Sohlen besteht die Gefahr, auf den Wegen keinen rechten Halt zu finden, auch wenn der Urwaldsteig technisch nicht besonders schwierig ist.
  • ausreichend Verpflegung: Es empfiehlt sich ein Laufrucksack, um genug Flüssigkeit und auch Nahrung einzupacken, denn bei einem Lauf von mehreren Stunden Länge benötigt der Körper extra Energie. Wer am Schloss Waldeck startet, passiert nach etwa der Hälfte der Strecke bei Kilometer 33 Herzhausen. Dort kann man seinen Wasservorrat an der Tankstelle, die auf dem Weg liegt, auffüllen.
  • Streckenplan: Im Grunde kann man sich nicht verlaufen, man muss nur dem UE-Zeichen des Urwaldsteiges folgen. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich die Strecke jedoch auf sein GPS-Gerät, Smartphone oder die Laufuhr speichern. Auf der Webseite GPSies.com finden sich unter dem Suchbegriff Urwaldsteig etliche Tracks einzelner Abschnitte oder der ganzen Runde, die kostenlos heruntergeladen werden können (so war unser Lauf). Wer die Strecke wandern möchte, findet hier einen sehr ausführlichen Bericht.

Urwaldsteig: Laufen rund um den Edersee

Pit Stop: Michael bei einer Kaffeepause vor der Tankstelle in Herzhausen. © Nähler
Zwischen Herzhausen und Kirchlotheim. © Nähler
Herzhausen: Normalerweise reicht das Wasser bis ans Ufer.  © Nähler
Als ob jemand den Stöpsel aus der Wanne gezogen hat. Diese Aufnahme entstand in Herzhausen. © Nähler
Am Polenkreuz bei Herzhausen geht es bergauf. Das Polenkreuz ist eine Gedenkstätte zu einem Mord der Nazis an sechs Polen im Lager Breitenau. © Nähler
Der schönste Abschnitt des Laufs ist der rund 17 Kilometer lange Knorreichenstieg zwischen Asel und Nieder-Werbe, hier im Naturschutzgebiet Hünselburg. © Nähler
Wo es bergauf geht, geht's auch wieder runter: Patryk (vorn) und Michael beim Downhill. © Nähler
Bei niedrigem Wasserstand ist die Aseler Brücke zu sehen.  © Nähler
Ederbächlein statt Edersee. © Nähler
Kurz vor dem Ziel: Michael überquert den See auf der Brücken hinter dem Pumpspeicherkraftwerk Waldeck bei Hemfurth. © Nähler
Naturschutzgebiet Hünsselburg © Nähler

Hintergrund: Der Supermarathon am Edersee

Der Supermarathon wurde erstmals 1996 ausgetragen. 2003 war der Lauf um den Edersee sogar Austragungsort für die deutschen Meisterschaften im Cross- und Landschaftslauf. Zwei Jahre später musste das Rennen abgesagt werden: es gab keine Ausweichmöglichkeit für eine Baustelle zwischen Waldeck-West und der Sperrmauer bei Kilometer 20 bis 25. 

HNA vom 3. Juni 1996: Die Staffel des PSV Grün-Weiß Kassel siegte über die 6 x 10 km lange Distanz des Supermarathons am Edersee.

Die zehnte und zugleich letzte Auflage gab es dann im Jahr 2006: Karl-Heinz Stadtler, Vorsitzender des Edersee-Marathon-Vereins, und seine Mitstreiter fanden nicht genug Helfer, um den Lauf angemessen abwickeln zu können. Ergebnisse und Statistiken aller Supermarathon-Veranstaltungen gibt es auf der Webseite der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung (DUV).

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