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„Leistungsdruck ist ein Riesenthema“

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Von: Juliane Preiß

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Die Kids haben Spaß am Kicken: Damit das auch im Jugendalter so bleibt, müssen sich Verbände und Vereine neu aufstellen. Archi
Die Kids haben Spaß am Kicken: Damit das auch im Jugendalter so bleibt, müssen sich Verbände und Vereine neu aufstellen. Archi © Markus Claus

Gerade mal sechs A-Jugend- und acht B-Jugendmannschaften gibt es im ganzen Fußballkreis Werra-Meißner. Was bedeutet, dass kaum Nachwuchskicker in den Seniorenbereich nachrücken. Über diese Problematik und warum Leistungsdruck nicht auf den Platz gehört, darüber spricht Kreisjugendwart Tim Jeanrond im Interview.

Ist der Jugendfußball im Werra-Meißner-Kreis in einer Krise?

Tim Jeanrond: Ich würde das Ganze ungern als Krise betrachten. Natürlich sehen wir, dass die Zahlen der Jugendlichen rückläufig sind, das ist kein spezifisches Problem des Werra-Meißner-Kreises. Dagegen werden es bei den jungen Jahrgängen, Bambinis, F-Jugend, wieder deutlich mehr als vor der Pandemie. Dort fehlen aber Betreuer und Trainer.

Gerade im B- und A-Jugend-Bereich wird die Luft extrem dünn. Es gibt gerade mal sechs A- und acht B-Jugendmannschaften im ganzen Werra-Meißner-Kreis. Ist das keine Krise?

Ja, das ist ein Problem. Mit sechs Mannschaften ist es fast nicht möglich, einen adäquaten Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Wir haben zwei Mannschaften kreisübergreifen aus dem Bezirk Kassel dazu bekommen und können so einen vernünftigen Spielbetrieb anbieten. Am Ende ist es auch das Alter, in dem viele andere Sachen neben dem Fußball interessant werden. Anforderungen in der Schule werden höher, das Freizeitangebot wird vielfältiger und die Kids haben auch nicht mehr so die Verbindlichkeit.

Sind das nicht oft Totschlagargumente?

Klar, man kann damit das Thema schnell beenden und sagen, die sind halt so, die ticken anders. Die Vereine und wir, der Fußballkreis, müssen aber dringend mit den jungen Leuten in den Dialog treten. Wir müssen fragen: Was können wir machen um Fußball für euch interessant zu machen?

Wie kommt man an die jungen Leute ran?

Ich selbst habe momentan keine Lösung. Klar ist, dass wir uns das nicht auf Funktionärsebene oder Vereinsebene ausdenken können, sondern, die fragen müssen, um die es geht. Und wir müssen vor allem offen für deren Ideen sein. Man hat es verschwitzt, sich mit der Generation auseinanderzusetzen.

Haben die Vereine im WMK die Nachwuchsarbeit verpennt?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Ich kenne viele, viele Menschen, die sich engagieren. Aber auch die werden weniger. Man hört ja oft, auf großen Feiern und Empfängen, die Worte: Die Jugend ist unsere Zukunft. Aber solche Worthülsen dürfen eben nicht solche bleiben. Leider sehen wir dann oft auf dem Papier, wo das Geld letztendlich hingeht. In den Seniorenbereich, weil man unbedingt eine Liga höher spielen will. Und die Jugendmannschaften müssen um jeden Sack neue Bälle kämpfen. Das kann es ja nicht sein.

Wenn die Jugend fehlt, ist, geht es aber auch irgendwann mit den Seniorenmannschaften zu Ende.

Klar, bei sechs A-Jugend Mannschaften und sieben B-Junior*innen muss man kein großer Mathematiker sein, um zu sagen: Das reicht hinten und vorne nicht. Schon jetzt haben wir das Problem, dass Kreisligaspiele der Senioren abgesagt werden müssen, weil zweite oder dritte Mannschaften nicht mehr besetzt werden können. Natürlich wird das dazu führen, dass wir Mannschaftssterben im Seniorenbereich haben werden.

Was muss passieren, damit sich das ändert?

Wir müssen uns auf den Kinderfußball konzentrieren. Ich hatte gerade ein Gespräch mit einem Betreuer, der sagte, er habe so viele Kinder, aber keine Betreuer. Wir haben Kids, die haben Bock, jetzt brauchen wir Ehrenamtliche. Der Appell geht auch an die Eltern.

An die Eltern?

Die sehen die Vereine oft als Dienstleister und sagen: Wir bezahlen doch dafür. Diese Dienstleistungsmentalität muss verschwinden. Entweder die Eltern müssen mehr zahlen, damit sich die Vereine Leute leisten können, oder müssen sich selber einbringen, das wäre natürlich der Wunschgedanke, um so das Ehrenamt zu stärken.

Warum will niemand den Trainerjob machen?

Das kann ich natürlich nicht beurteilen. Was ich aber weiß: Jugendtrainer ist ja mittlerweile auch eine Riesenaufgabe. Man steht da nicht einmal in der Woche für ne Stunde auf dem Platz, sondern, man bereitet das Training vor und nach, hat am besten eine Trainerlizenz vom HFV. Kindeswohl, Kinder aus anderen Kulturbereichen, dem allen muss man sich auch stellen.

Was sollte der Fußballkreis unternehmen?

Wir sollten als Kreis dieses Thema öffentlich diskutieren. Es gibt Vereine, die haben gute Ansätze, warum sollten andere davon nicht profitieren. Klar, es gibt immer diesen Wettbewerbsgedanken: Dann laufen mir die Spieler weg, zu den anderen,. Da glaube ich aber nicht richtig dran. Ein anderes Thema worüber wir dringend sprechen müssen, ist der Leistungsdruck.

Leistungsdruck? Was ist damit gemeint?

Leistungsdruck im Kinder- und Jugendfußball ist ein Riesenthema. Das versucht man rauszunehmen, eine Möglichkeit ist der Fair Play Liga des DFB, wo es nicht um Ergebnisse geht. Oder auch die neue Spielform, die ab der Saison 2024/25 verpflichtend wird. Das gilt aber nur für die Jüngeren bis E-Jugend. Für die Älteren geht es sehr wohl um Gewinnen und Verlieren, das ist ja auch ok. Aber vielleicht könnten die Vereine mal das Wort Erfolg anders definieren. Statt eine bestimmte Zahl an gewonnenen Meisterschaften, könnte man Erfolg zum Beispiel daran bemessen, wie viele Kinder von den Bambinis bis in die A-Jugend gebracht wurden.

Ist Leistungsdruck nicht ein gesellschaftliches Thema?

Natürlich, aber die Auswirkungen sind im Kinderfußball zu spüren.

Inwiefern?

Ich erlebe bei F-Jugendspielen, dass Kinder mit Geld für Tore belohnt werden. Das kann es einfach nicht sein. Oder das Thema Talentförderung: Wahrscheinlich käme kein Zehnjähriger von selbst auf die Idee, zur Fußballakademie nach Lengenfeld zu gehen oder für das Training bis nach Kassel zu fahren. Das geht von den Eltern aus. Ich unterstelle den Eltern nichts Böses, die wollen mit Sicherheit das Beste für ihr Kind.

Wie wirkt sich das auf den Fußball hier im Kreis aus?

Das macht uns zu einem Teil den Fußball im Kreis kaputt. Wir haben hier vor Ort in den Verbänden mit den DFB-Stützpunkten die Strukturen, dass gute Spielerinnen und Spieler erkannt werden und ihren Weg gehen. Aber eigentlich sollte es nicht um Leistung gehen, sondern um Spaß. Wenn der Druck zu groß wird, verlieren die Kids die Lust. Das Thema sollten wir als Verband angehen, da passiert, meines Erachtens noch zu wenig.

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