Künstler auf dem Rad: Nachkriegsidol Holdi Thum feiert 80. Geburtstag  

Im Nationaltrikot: Thum in den 1950er-Jahren. Foto: nh/Repro: HNA

Kassel. Im zarten Alter von sechs Jahren muss ihn eines Tages der Teufel geritten haben. Gerade hatte Holdi Thum gelernt, Fahrrad zu fahren, als er auch schon begann, einige Kunststücke auf Lenker und Sattel auszuprobieren.

Ein zufällig vorbeigehendes Mitglied des örtlichen Radsportvereins in Warnsdorf (Sudetenland) beobachtete das Geschick des Dreikäsehochs auf dem Drahtesel - und schon war die Kunstradsport-Laufbahn des Holdi Thum vorgezeichnet, die er 1958 in Lüttich mit der Vizeweltmeisterschaft hinter dem Schweizer Tschopp krönte.

Holdi Thum heute

Heute feiert Kassels erfolgreichster Sportler der Nachkriegsjahre seinen achtzigsten Geburtstag. Und da Holdi Thum seit jeher wenig Aufhebens um seine Person machte, lautet die Geburtstagsadresse: irgendwo im Frankenland, „im Kreise meiner Familie“.

Schon mit acht Jahren machte der kleine Reinhold so manchem alten Hasen im Kunstradsport etwas vor. In Breslau 1938 - beim Deutschen Turn- und Sportfest - war er der jüngste Teilnehmer. Und 1946, kurz nach der Übersiedlung ins Nordhessische, wurde er schon deutscher Jugendmeister.

Sein schönstes sportliches Ereignis „war jedoch die Europameisterschaft 1951 in Frankfurt, wo ich hinter zwei Schweizern Dritter wurde. Doch die 15 000 Zuschauer“, so erzählt Holdi Thum heute noch voller Stolz, „spendeten mir den größten Beifall. Tags darauf stand in der FAZ: Aufgeregte Zuschauer forderten Platz eins für Holdi Thum.“

Frühstück mit Schmeling

Klar, dass der gebürtige Sudetendeutsche während seiner Laufbahn mit vielen Größen des Sports zusammenkam. Ein Erlebnis der besonderen Art hatte Thum 1960 in Hannover. Einen Tag nach dem Sportpressefest saß er am Frühstückstisch seines Hotels, als sich Max Schmeling näherte und fragte, ob er sich zu ihm setzen könne. „Natürlich drehten sich die Gespräche zunächst einmal ums Boxen und das Kunstradfahren.Später redeten wir aber noch lange über Gott und die Welt.“

Neben der Radakrobatik war das Fußballspielen Thums große Leidenschaft. Als er 1962 seine Rad-Karriere beendete, stieg er bei den Altherrenfußballern des KSV Hessen ein. Dort kickte er jahrelang unter anderen mit „Gala“ Metzner, Rolf Fritzsche, Joschi Burjan, Günter Schilling, Hello Spohr und Herbert Peiler.

Heute hält sich der gelernte Verwaltungskaufmann und spätere Verkaufsdirektor der Herkules- und Binding-Brauerei täglich mit Krafttraining sowie 20 Liegestützen in Form. „Vor drei Jahren hatte ich noch den 47er Ruhepuls eines Eddy Merckx in seinen besten Tour-de-France-Zeiten. Heute liegt mein Puls bei 55.“

Von Günter Grabs

Zur Person

REINHOLD "HOLDI" THUM, geboren am 29. Dezember 1930 in Warnsdorf (Sudetenland, heute Tschechien), kam 1946 über Meimbressen nach Kassel. Er gehörte jahrelang dem SV Nords-hausen und dem KSV Hessen an. Thum ist seit 48 Jahren mit der gebürtigen Frankfurterin Rita verheiratet, die dreimal Offenbacher Stadtmeisterin im Tischtennis war. Das Paar lebt in Niestetal-Sandershausen. (gra)

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