Samstaginterview

Leichtathletik-EM in Berlin „soll kein One-Hit-Wonder sein“

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Das Berliner Olympiastadion steht an diesem Wochenende im Zeichen des DFB-Pokals. Vom 7. bis zum 12. August kämpfen dort die besten Leichtathleten Europas um EM-Titel.

Nach der gelungenen WM 2009 ist die Hauptstadt-Arena im Sommer also erneut Schauplatz einer großen internationalen Meisterschaft. Der Etat dafür liegt aktuell bei 35 Millionen Euro. Seit 2015 laufen bereits die Planungen. Darüber sprachen wir mit Chef-Organisator Frank Kowalski.

Herr Kowalski, können Sie inzwischen entspannt auf die Europameisterschaft blicken?

Frank Kowalski: Zumindest kann ich nicht meckern. Wir sind auf der Zielgeraden, und es läuft alles nach Plan. Das Wichtigste ist natürlich der Ticketverkauf, unsere Haupteinnahmequelle. Bislang sind mehr als 200 000 Karten vergriffen – das bedeutet Rekord für einen Vorverkauf.

Dabei wird in der Öffentlichkeit gar nicht so intensiv für das Ereignis geworben, oder täuscht der Eindruck?

Kowalski: Plakate reichen schon lange nicht mehr. Wir gehen im Schwerpunkt über die sozialen Medien im Internet. Facebook, Instagram und so weiter. In unserer Kommunikationsabteilung sind acht Mitarbeiter beschäftigt. Die Maschinerie läuft, das ist überragend. Zum Beispiel gibt es einen Kollegen, der ist einzig und allein dafür zuständig, Inhalte in Publikationen unterzubringen, die nichts mit Leichtathletik zu tun haben.

Was meinen Sie damit?

Kowalski: Die Olympischen Sportarten stehen bei Zuschauern und Medien nicht mehr so im Blickpunkt. Wenn ein Harting bei einem Meeting 70 Meter wirft, stehen zwei Zeilen in der Zeitung. Aber dass unser Top-Speerwerfer Thomas Röhler ein leidenschaftlicher Fliegenfischer ist, darüber wurde groß in einem Anglermagazin berichtet. Kurzum: Wir müssen Content liefern, Inhalt, und Geschichten erzählen. Und das täglich. Dabei genießen wir übrigens das Vertrauen der Athleten.

Ist es von Vorteil, dass 2009 bereits die WM in Berlin stattgefunden hat?

Kowalski: Die WM ist noch im Bewusstsein der Zuschauer, davon profitieren wir. Außerdem kennen wir das Stadion, das hilft bei der Organisation. Aber die EM ist keine Blaupause der WM. Nehmen Sie einfach das angesprochene Beispiel soziale Medien: Vor fast zehn Jahren haben sie kaum eine Rolle gespielt, heute sind sie unser Haupt-Kommunikations-Kanal.

Abgesehen von der Werbung, worin bestehen sonst die Schwierigkeiten bei einer EM-Organisation?

Kowalski: Wir haben derzeit 55 hauptamtliche Mitarbeiter, zu den Wettkämpfen kommen 3000 Volunteers hinzu – das alles muss koordiniert werden. Genau wie die Unterbringung der Athleten und Funktionäre. Und wir müssen 48 Disziplinen in sechs Tage unterbringen. Das ist schwieriger als bei einer WM, die dauert neun Tage. Vor allem wollen wir gestalten und nicht nur verwalten. Die EM soll kein One-Hit-Wonder sein, sondern nachhaltige Impulse für die Leichtathletik setzen.

Wie soll das aussehen?

Kowalski: Die EM wird kompakter, soll mehr Meeting-Charakter bekommen. Wir haben den Zeitplan umgebaut. Reine Qualifikationstage etwa wird es nicht geben. Gleich am ersten Abend stehen sechs Finals auf dem Programm, unter anderem der 100-Meter-Endlauf. Die Abende an sich haben wir gestrafft – Wettkämpfe werden von 18.30 Uhr bis 22 Uhr ausgetragen. An der Spitze sitzt ein Regisseur, der bestimmt, was wann wo stattfindet. Außerdem haben wir die Siegerehrungen in die Innenstadt in unmittelbarer Nähe zur Gedächtniskirche verlegt.

Denken Sie trotzdem an ein Horrorszenario mit fehlender Stimmung?

Kowalski: Was die Auslastung anbelangt, sind wir eigentlich schon über den Berg. Zumal wir die Stadion-Kapazität von 75 000 auf 55 000 Plätze verkleinern. In Sachen Stimmung mache ich mir keine Sorgen.

Machen Sie sich über die Leichtathletik im Allgemeinen Sorgen? Es fehlen populäre Zugpferde, oder nicht?

Kowalski: Einen Usain Bolt gibt es halt nicht alle Tage. Das Problem ist, dass Wettkämpfe mit Top-Athleten in der Diamond League kaum wahrgenommen werden. Und dann ist es schwierig, Helden aufzubauen. In dieser Hinsicht hinkt die Leichtathletik anderen Sportarten wie Skispringen und Biathlon hinterher. Da muss etwas passieren.

Zum Beispiel?

Kowalski: Wir benötigen griffige Formate. Komplexität muss reduziert werden. Die Zuschauer wollen Einfachheit, Verständlichkeit. In Stadien ist es schwierig, etwas mitzukriegen, wenn vier Wettkämpfe gleichzeitig ablaufen. Wettbewerbe in die Innenstädte auszulagern, war ein erster Schritt. Zu empfehlen wäre außerdem, einen Kanon an Disziplinen anzubieten und für mehr Wiederholung zu sorgen. Dadurch würde der Wiedererkennungswert steigen. Und das macht die Sache für Sponsoren attraktiver.

Zur Person

Frank Kowalski (54) stammt aus Kaiserslautern. In Saarbrücken studierte er Sportwissenschaften. An der European Business School in Oestrich-Winkel, einer Elite-Hochschule für angehende Manager, legte er ein weiteres Studium nach: BWL und Marketing. Er hat auch mal als Nachwuchs-Bundestrainer für 400 Meter gearbeitet. Ab 1997 war er für den Deutschen Leichtathletik-Verband im Bereich Marketing und Veranstaltungsmanagement tätig. Aktuell ist er Geschäftsführer der Organisations-GmbH für die Leichtathletik-EM. Kowalski lebt in Frankfurt, ist verheiratet und hat einen Sohn. Er fährt gern Ski. (lip)

Foto: Kappeler/dpa

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