Vize-Kreisvorsitzende über die Leichtathletik-Saison

Interview mit Hannelore Herrmann zur Leichtathletik-Saison: „Man kann alle Pläne in den Wind schießen“

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Derzeit nur ein Wunschtraum: Leichtathletische Wettkämpfe wie die Hessenmeisterschaften 2019 im Auestadion mit Tom Ring (622) und Philipp Stuckhardt (623) vom Laufteam Kassel. 

Fällt für die Leichtathleten der Region die Freiluft-Saison 2020 aufgrund der Corona-Krise aus? Im Interview äußert sich dazu die stellvertretende Kreisvorsitzende Hannelore Herrmann. Die 72-Jährige spricht von „gravierenden Einschränkungen“, mit denen Sportler und Vereine derzeit zurechtkommen müssen.

Seit 50 Jahren sind Sie als Funktionärin ehrenamtlich in der Leichtathletik aktiv. Haben Sie schon eine ähnliche Situation erlebt?

Nein. Klar sind schon mal Meisterschaften abgesagt oder auch die Olympischen Spiele 1980 in Moskau vom Westen boykottiert worden, aber etwas Vergleichbares haben wir noch nie erlebt. Vom jetzigen Stillstand ist die gesamte Welt betroffen – und das nicht nur im Sport.

Wann haben Sie im Leichtathletik-Kreis die ersten Auswirkungen der Corona-Krise wahrgenommen?

Wir haben das relativ schnell realisiert und Kontakt zur Regionalkoordinatorin aufgenommen – vor allem, weil wir für den 2. und 3. Mai die hessischen Mehrkampf-Meisterschaften im Kasseler Auestadion terminiert hatten. Am 12. März haben wir dann auf Regional-Ebene alle Meisterschaften abgesagt, die eigentlich bis Mitte Mai stattfinden sollten.

Die Hessischen Mehrkampf-Meisterschaften im Auestadion sind nun ja auch abgesagt worden.

Ja. Alle Hessischen Meisterschaften, die bis zu den Sommerferien stattfinden sollten, sind verschoben worden. Und das ist auch richtig so. Die Athleten haben aufgrund der Verordnungen keine Möglichkeiten zu trainieren. Wir wollen versuchen, die Meisterschaften nachzuholen. Aber das wird sehr schwierig. Alle Planungen kann man aktuell in den Wind schießen.

Wie ist genau der aktuelle Stand der Absagen?

Alle Nordhessischen Titelkämpfe haben wir bis zum 16. Mai abgesagt. Alles, was danach noch terminiert ist, entscheiden wir bis Ende April. Die nächsten Veranstaltungen wären dann das 50. Nationale Pfingstsportfest in Baunatal am 30. Mai und die Kreismeisterschaften in Kassel am 7. Juni. Da sind wir in Gesprächen.

Was ist derzeit die Herausforderung für die Kreise?

Wenn der Betrieb wieder läuft, wird es für sie sehr schwierig werden, neue Termine für in der Zwischenzeit verschobenen Veranstaltungen zu finden. Es geht von oben nach unten – DLV, HLV, Regionen, Kreise. Erst dann kommen die Vereine. Und geschoben wird auf allen Ebenen – auch in anderen Sportarten. Wenn zum Beispiel die Fußballer die Saison nach hinten verschieben, haben wir es als Leichtathleten unheimlich schwer, an den Wochenenden in die Stadien zu kommen.

Wie schwierig ist die Situation für die Vereine? Existenziell bedrohlich?

Das Finanzielle ist im Vergleich zum Fußball wohl nicht ganz so gravierend. Die Leichtathletik-Vereine finanzieren sich eher über Mitgliedsbeiträge. Aber wenn Sportfeste nicht stattfinden, fehlen die Einnahmen. Der Verkauf von Kaffee, Kuchen und Bratwürsten stellt eine gewichtige Mitfinanzierung dar. Da müssen die Gürtel enger geschnallt, Anschaffungen zurückgestellt werden.

In welchem Umfang ist Training noch möglich?

Jeder Verein entscheidet das für sich. Im Park und Wald darf man ja noch laufen gehen. Die sonstigen wöchentlichen Trainingsstunden können natürlich nicht abgehalten werden. Das sind gravierende Einschränkungen. Aber wie mir gemeldet wurde, sind viele Trainer einfallsreich unterwegs.

Gibt es Ausnahmeregelungen für absolute Spitzensportler in der Region?

Davon ist mir nichts bekannt. Alle Stadien sind zu. Wichtig war für die Top-Athleten die DLV-Entscheidung, dass ihre Qualifikationen für höherwertige Einsätze auch Bestand haben, wenn Veranstaltungen nach hinten verschoben werden.

Wie könnte die Freiluft-Saison 2020 denn noch gestartet werden?

Veranstaltungen der Region könnten nach den Sommerferien gestartet werden. In die Sommerferien werden wohl eher die größeren Meisterschaften reingepackt. Vielleicht kann man Veranstaltungen als Abendsportfeste abhalten oder unter der Woche. Wenn überhaupt werden wir erst in der zweiten Saisonhälfte richtig anfangen können. Und dann mit etwas Wetterglück bis Mitte Oktober durchziehen.

Wenn Sie wetten müssten, würden Sie darauf setzen, dass es noch eine Freiluft-Saison geben wird oder dass sie komplett ausfällt?

Ich denke optimistisch, aber es ist auch vorstellbar, dass es anders kommt. Ich würde die Chance aber auf 50:50 beziffern.

Von Sebastian A. Reichert

Zur Person

Hannelore Herrmann (72), ehemals erfolgreiche Leichtathletin, ist noch für Eintracht Baunatal aktiv. Seit 1970 engagiert sie sich als Funktionärin, ab 2019 als stellvertretende Kreisvorsitzende. Herrmann ist verheiratet und wohnt in Wellerode. Die frühere Verwaltungsangestellte hat einen Sohn und drei Enkel. Sie kümmert sich gern um Haus und Garten. Seit 35 Jahren ist sie für die Kirchengemeinde Wellerode tätig.

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