Der Werte-Vermittler

Interview: Alwin Wagner blickt auf 50 Jahre Trainer-Tätigkeit zurück

Alwin Wagner und seine Trainingsgruppe im Jahr 1974: Heike, Claudia und Heidi (hintere Reihe von links), In der vorderen Reihe die Geschwister Cornelia und Gaby, die leider schon verstorben ist.
+
Alwin Wagner und seine Trainingsgruppe im Jahr 1974: Heike, Claudia und Heidi (hintere Reihe von links), In der vorderen Reihe die Geschwister Cornelia und Gaby, die leider schon verstorben ist.

Der frühere Olympia-Teilnehmer und mehrfache Deutscher Meister Alwin Wagner hat meistens nicht viel Zeit. Der Sport und insbesondere die Leichtathletik bestimmen noch heute sein Leben.

Die Termine sind so zahlreich, dass es schwer ist, ihn persönlich zu treffen. Wir sprachen daher mit ihm am Telefon über 50 Jahre Trainer-Tätigkeit.

Sie starteten mit Fußball und Handball und kamen 1965 zur Leichtathletik. Warum entschieden Sie sich für diese Sportart?
Wegen der Bundesjugendspiele. Im Dreikampf hatte ich die beste Leistung abgeliefert. Mein damaliger Sportlehrer hat mir daraufhin empfohlen, in die Leichtathletik-Abteilung der MT Melsungen einzutreten. Zuerst habe ich Fußball, Handball und Leichtathletik parallel betrieben. Als ich in der Leichtathletik immer erfolgreicher wurde, lief das andere nur noch nebenher.
1971 dann die ersteTrainingsgruppe. Da waren Sie 21 Jahre alt. Wie kommt man in dem Alter auf die Idee, Trainer zu werden?
Wir hatten damals einenTrainer, bei dem alle Athleten das gleiche Trainingsprogramm absolvieren mussten. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einen Bundestrainer, der mir deutlich machte, bereits erkannt hatte, dass man Leistung steuern kann. Ich begann, nach seinen Vorgaben zu trainieren. Zwei Freunde, die sich meinem Training anschlossen, wurden auch immer besser. Die Sache machte immer mehr Spaß, sodass ich selbst eine Trainingsgruppe mit 12- und 13-jährigen Mädchen übernommen habe.
Damals waren Sie selbst bereits Leistungssportler. Wie haben Sie das vereinbart?
Das war schon schwierig, denn ich musste meinen Beruf als Polizeibeamter ausüben und wurde nicht – wie heute üblich – freigestellt. Während ich fast täglich trainierte, fand das Training mit den Mädchen nur ein- oder zweimal in der Woche statt.
Was gibt einem Trainer die Tätigkeit mit jungen Menschen?
Mich hat das Training jung gehalten. Das ging durchaus über das Sportliche hinaus. Ich hatte vielfach ein väterliches Verhältnis. Fairness, Ehrlichkeit und Respekt voreinander zu vermitteln, war und ist für mich ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit mit den Jugendlichen.
Heute haben Sie Ihre Trainingsgruppe extrem verkleinert. Was erhoffen Sie sich für Ihre Schützlinge?
Luis Andre ist inzwischen im Sportinternat in Chemnitz, sodass ich aktuell nur noch Vivian Groppe und seit Neuestem Maybritt Böttcher trainiere. Ich erhoffe mir langfristig aber nicht nur Erfolge, sondern selbstständige Athleten. Vivian kann auch ohne mich zehn 100-Meter-Läufe absolvieren. Bei den meisten Wettkämpfen bin ich natürlich dabei. Maybritt ist in der elften Klasse und hat als Langstrecklerin über 30 Jahre alte Kreisrekorde pulverisiert. Da sehe ich noch viel Potenzial, wenn man sie behutsam aufbaut. Für Vivian hoffe ich, dass sie sich alsDeutsche Jugendmeisterin über 200 Meter im kommenden Jahr für die U20-WM in Kolumbien qualifiziert.
Nur wenige Leichtathleten können mit ihrem Sport Geld verdienen. Ist es manchmal schwierig, junge Athleten zu motivieren?
Auf jeden Fall. Selbst mit einer guten Leistung kann man in der Leichtathletik kein Millionär werden. Sich an der eigenen Leistung zu erfreuen, kann allerdings auch Ansporn sein.
Über sich selbst sagen Sie, dass Sie Ihre Athleten auch in der Entwicklung Ihrer Persönlichkeit fördern wollen. Wo liegen Ihre Schwerpunkte?
Ich versuche, die Kinder und Jugendlichen auf die Herausforderungen des Lebens vorzubereiten, damit sie selbstbewusst den eigenen Weg gehen können. Sie müssen sich selbst etwas zutrauen und lernen, wieder aufzustehen, nachdem man verloren hat. Wenn man selbst in einer Mannschaft nicht so gut spielt und die Mannschaft gewinnt, steht man trotzdem als Gewinner da. Das ist in der Leichtathletik anders.
Was sagen Sie Ihren Athleten, wenn sie in ein Leistungsloch fallen?
Ich weise immer darauf hin, dass nach Regen Sonnenschein folgt. Man muss verinnerlichen, dass es immer die Möglichkeit gibt, aus einem Tal wieder nach oben zu gelangen. Wer das versteht, lernt auch etwas fürs Leben.
Und wie wahrscheinlich ist es, dass ein begabter und bestens trainierter Athlet in Deutschland in die Weltelite vorstößt?
Die Situation ist besser geworden. Auch beim DLV hat sich in Sachen Talentfindung und -förderung einiges getan, aber natürlich schaffen nicht alle den Sprung nach ganz oben.
Ist denn die Förderung aussichtsreicher Athleten durch den HLV und DLV ausreichend, oder gibt es Nachbesserungsbedarf?
Auf alle Fälle haben wir im U18- und U20-Bereich viele hoffnungsvolle Athleten und Athletinnen. Die entscheidende Phase ist die Zeit nach der Schule oder dem Studium. An dem Punkt sehe ich Verbesserungsmöglichkeiten. Beispielsweise könnte man bei einem Leistungssportler oder einer Leistungssportlerin, die ihre Berufslaufbahn erst später beginnen können, die aktive Phase auf die Rente anrechnen. Das wäre für viele junge Menschen, die ja auch an ihr Leben nach dem Sport denken müssen, eine attraktive Perspektive.
Und Sie selbst? Was haben Sie sich als Trainer noch vorgenommen?
Meine Zeit ist begrenzt. Vivian Groppe möchte ich noch bis zum Abitur sportlich betreuen. Dann bin ich wirklich ein alter Mann (lacht). Mein Problem ist allerdings, dass ich mir gar nicht so alt vorkomme, denn Sport hält eben wirklich jung. Ich verstehe zwar manchmal die Sprache der Jugendlichen nicht, aber ich bin akzeptiert. Natürlich duzen sie mich auch – das gehört dazu. Und vielleicht bin ja auch hier und da noch als Berater gefragt. Dann wäre ich natürlich da.
Der Trainer und die Deutsche Meisterin: Alwin Wagner mit Vivian Groppe.

Zur Person

Alwin Wagner (71) wurde 1984 Sechster im Diskuswurf bei den Olympischen Spielen in Los Angeles und fünffacher Deutscher Meister in Folge (1981 - 1985). Seine Bestweite von 67,80 Metern stammt aus dem Jahr 1987. Der Melsunger war Polizeibeamter (Zugführer) und später Sportlehrer bei der Hessischen Bereitschaftspolizei. 1971 übernahm er seine erste Trainingsgruppe bei der MT Melsungen. Wagner ist verheiratet mit Beate, Vater von vier erwachsenen Kindern und hat zwei Enkelkinder. 

(Martin Scholz)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.