Das Glück in Homberg gefunden

TuSpo Borken: Husen Kimo Fago gewinnt nach seiner Flucht aus Äthiopien fast jeden Wettkampf

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Ein gutes Team: Hans-Jürgen Dunkel (links) unterstützt den äthiopischen Läufer Husen Kimo Fago (Mitte) und Kumpel Kadir.

Seit einem Jahr ist Husen Kimo Fago in Deutschland, seit ein paar Monaten läuft er für den TuSpo Borken – und gewinnt Wettkampf um Wettkampf.

Der Äthiopier läuft, um zu vergessen. Dann konzentriert er sich auf sich, seinen Körper, die richtige Atmung, die Schrittfrequenz. Dabei ist der Beginn seiner Sportkarriere einer zufälligen Begegnung geschuldet. Hans-Jürgen Dunkel organisiert seit 2016 den Efzewiesenlauf. Als er die Strecke abging, sah er Jungs auf der Wiese gegenüber dem Jugendzentrum in Homberg Fußball spielen. „Ich habe dann einfach mal gefragt, ob nicht einer Lust hat, teilzunehmen.“

Husen war der Einzige, der sich meldete. Zwei Wochen später war das Rennen. Dunkel fragte ihn, ob er die fünf oder die zehn Kilometer laufen wolle. „Beides“, sagte er. Am Ende wurden es die zehn Kilometer – und die gewann er mit einem Sprint auf der Zielgeraden. Mit einfachen Laufschuhen an den Füßen, ohne adäquate Laufkleidung.

Der Sieg war Ansporn für ihn. Seitdem Zeitpunkt trainiert er regelmäßig, mit neuen Laufschuhen und richtiger Bekleidung. Und mit Dunkel als Mentor an seiner Seite. Husen führt die Schwalm-Eder-Laufserie an und bereitet sich auf den Halbmarathon in Kassel vor. 1:13 Stunden sind sein Ziel. „Das kann er schaffen. Aber wir müssen noch ein wenig an der Einteilung arbeiten, denn bislang ist er höchstens zehn Kilometer gelaufen“, so Dunkel.

Husen ist lange Wege gewöhnt. Fünf Kilometer zur Schule. Jeden Tag. Hin und zurück. Bei Wind und Wetter. Bereits während dieser Läufe merkte er, dass er Spaß daran findet. „Ich habe dann auch an Wettbewerben teilgenommen, allerdings habe ich es nie unter die Besten geschafft. Ich war nur Durchschnitt“, erzählt er mit einem Lachen.

Husen gehört der Volksgruppe der Oromi an, einer Minderheit in Äthiopien, die seit Jahren für mehr Rechte demonstriert. Die Regierung geht gnadenlos mit Menschen um, die auf die Straße gehen. Viele werden inhaftiert – unter schlimmsten Bedingungen. So war es auch Husen ergangen. 2014 saß er für mehrere Monate im Gefängnis.

„Wir haben oft tagelang weder Essen noch Wasser bekommen“, erzählt er. Erst als er ein Formular unterschrieb, mit dem er bestätigte, die Regierung anzuerkennen, habe man ihn entlassen. Die Tortur ging weiter. Enteignung. Verfolgung. Unterdrückung. Husen ertrug das alles, bis zu dem Punkt, als alle Freunde von der Polizei kontrolliert und teilweise inhaftiert wurden. Da wagte er die Flucht.

Wir wussten überhaupt nicht, was uns erwartet. Aber ich wusste, dass ich wegmusste. Mein Leben war in Gefahr“, so der 20-Jährige. Mittels eines Schleusers ging es über den Sudan und Libyen nach Italien. Ohne seine Familie. Mit Fremden. Unter Bedingungen, wie sie Worte vermutlich in ihrer Grausamkeit nur unzureichend beschreiben können. 15 Tage bei sengender Hitze durch die Wüste. Nur mit dem bei sich, was er an seinem Körper trug. Von Libyen aus ging es mit einem Boot über das Mittelmeer nach Italien.

Bis er schließlich über Frankfurt, Gießen und Kassel nach Homberg kam. Dort wohnt er in einer Kaserne, teilt sich das Zimmer mit zwei Landsleuten. 20 Zimmer auf einer Etage, nur eine Toilette für alle und eine Küche. Zusammen mit Kumpel Kadir würde er gerne in eine Wohnung ziehen, doch die Voraussetzungen sind schlecht.

Husen kann kein Deutsch, kommt auch in keinen Kurs – weil er noch über keine Sprachkenntnisse verfügt. Dadurch wird es mit einer Arbeit schwierig. Eine Negativspirale. Dennoch fühlt er sich in Deutschland wohl. Er mag die Menschen, sogar das Wetter. Sollten die Bedingungen in seiner Heimat allerdings irgendwann besser werden, möchte er zurück zu seiner Familie. Sein großer Traum ist es, einmal ein berühmter Läufer zu werden: „Ich würde gerne mein eigenes Geld verdienen und den Menschen helfen, die Hilfe brauchen.“

Von Sina Ternis

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