Die Zeit spielt keine Rolle

Kasseler Läufer Thomas Reidick: "Laufen ist in Äthiopien Volkssport"

+
Mittendrin: Thomas Reidick (vorn links) und sein Kasseler Freund Dawit Ghebremariam (rechts daneben) kurz vorm Start des „Great Ethiopian Run“ in Addis Abeba im vergangenen November.

Seit 2002 unterstützt der Kasseler Läufer und Kieferchirurg Thomas Reidick mit einer privaten Initiative äthiopische Kliniken bei der Fortbildung.

Weil Äthiopien ein Läuferland ist, kann Reidick im Norden Afrikas nicht nur Operationen leiten, sondern auch selbst beim Laufen noch so einiges lernen. Mit uns sprach der Langstreckler des PSV Grün-Weiß Kassel über...

die aktuelle Situation in Äthiopien: Die wirtschaftliche Situation in Äthiopien hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert. Nach der Regierung durch den Kaiser Haile Selassie und die Militärdiktatur haben sich demokratische Strukturen gebildet. Die Menschen sprechen offen über Politik und ihre Zukunft. Es gibt einen gemeinsamen Glauben an eine positive Weiterentwicklung. • das Laufen in Äthiopien: Laufen ist Volkssport. An jeder Straßenecke wird gelaufen, und jeder weiß, dass erfolgreiches Laufen einen sozialen Aufstieg bedeuten kann. Früher konnte ich bei meinen Läufen den Stadtrand von Addis Abeba erreichen. Heute ist das nicht mehr möglich, weil die Stadt in den vergangenen Jahren unglaublich gewachsen ist. Man geht inzwischen von rund sieben Millionen Menschen aus, die in Addis Abeba leben. Es gibt wenige Parks, in denen man laufen kann und nach wenigen Kilometern kann man sich nicht nur den Schweiß, sondern auch den Ruß aus dem Gesicht wischen. Außerdem liegt die Stadt auf einer Höhe von 2355 Metern, was das Laufen auch nicht gerade leichter macht.

den Great Ethiopian Run: Das ist herausragendes Erlebnis für jeden Läufer. Zwar gibt es inzwischen auch ein Elitefeld, das vor den 45 000 anderen Läufern startet, aber insgesamt ist der Große Lauf am dritten Sonntag im November ein gewaltiges Fest, bei dem die gelaufene Zeit keine Rolle spielt. Manchmal wird auf der zehn Kilometer langen Strecke einfach angehalten. Dann wird getanzt und gesungen. Für das Hauptfeld gibt es gar keine Zeitmessung, aber jeder Läufer erhält eine Medaille. Die ersten 10 000 bekommen die Medaille mit einem grünen Band, bei den nächsten 10 000 ist das Band gelb. Alle anderen erhalten ihre Medaille an einem roten Band.

Haile Gebressellasie und sein Engagement als Kieferchirurg:In Äthiopien organisiere ich Fortbildungen. 2002 gab es in Addis Abeba nur 40 Zahnärzte. Als ich eine Fortbildung angeboten habe, sind alle gekommen. Heute ist die Situation bedeutend besser. In der knappen Zeit, die ich dort bin, helfe ich vor allem auf dem Gebiet von Implantaten oder Weisheitszähnen. Im November hatte Haile Gebressellasie durch einen gemeinsamen Freund von meiner Anwesenheit erfahren und um einen Termin gebeten. Haile ist in Äthiopien der Übervater und eine allgegenwärtige Integrationsfigur, aber Zahnprobleme hat eben jeder einmal. Zum Glück konnte ich helfen.

die aktuelle Situation beim PSV Grün-Weiß Kassel: Als ich dieses Jahr in Äthiopien war, hatte Winfried Aufenanger gerade das Kasseler Laufteam ins Leben gerufen. Allein der Zeitdruck, der für die Athleten wegen der Wechselfrist herrschte, beweist aus meiner Sicht, dass es Probleme gegeben haben muss. Ich selbst bin betroffen, weil ein Mitglied meiner Mannschaft zum Laufteam gewechselt ist. 2015 waren wir Deutscher Meister in der Altersklasse M55 – jetzt ist unsere Dreiermannschaft gesprengt. Aus meiner Sicht gibt es zwei Verlierer und keinen Gewinner.

Wer Thomas Reidick helfen oder spenden möchte, kann sich melden unter dr.reidick@

kieferchirurgie-kassel.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.