Laufend Deutsch lernen

Anbessajer Hagos Bisrat erläuft starke Zeiten für PSV Grün-Weiß Kassel

Mit Trophäen: Läufer Anbessajer Hagos Bisrat sorgt für Aufsehen. Sein Nachname besteht aus den Vornamen seines Vaters (Hagos) und seines Großvaters (Bisrat). Foto: Koch

Kassel. „Was machen wir heute? Ich bin sehr schüchtern.“ Etwas zögerlich stellt sich Anbessajer Hagos Bisrat in recht passablem Deutsch vor.

Der 17-Jährige lebt nun seit fast zwei Jahren in Deutschland. Beim Zurechtfinden im neuen Land und beim Lernen der neuen Sprache hilft dem Eritreer vor allem eins: Sport. Hier lernt er Leute kennen und trainiert gleichzeitig Beine und Vokabular.

Anbessajer stammt aus Senafe, einer kleinen Stadt im umkämpften Grenzgebiet zu Äthiopien. „Kassel ist sehr groß, es macht Spaß“, sagt er über seinen neuen Wohnort. In seiner Heimatstadt besuchte er die Schule bis zur siebten Klasse. In Klassen mit bis zu 65 Schülern interessierte er sich vor allem für Mathematik. In einer InteA-Klasse (Intensivklasse Integration und Abschluss) der Willy-Brand-Schule in Kassel steht der Sprachunterricht in Deutsch im Vordergrund. Dort werden junge Migranten auf den Hauptschulabschluss vorbereitet. „Es ist schwer dort zu lernen, weil alle in ihrer Sprache sprechen“, berichtet Anbessajer. Er würde gern mehr lernen, doch nicht bei allen ist die Lernbereitschaft so hoch. Wenn es die Deutschkenntnisse zulassen, würde er gern etwas Technisches studieren.

Richtig wohl fühlt er sich in der Leistungs-Trainingsgruppe des PSV Grün-Weiß Kassel. Trainer Winfried Aufenanger bereitet ihn dort vor allem auf die Mittelstrecke vor. Auf Strecken zwischen drei und zehn Kilometern Länge fühlt sich Anbessajer wohl. Beim Winterlauf des SV Weimar gewann er zuletzt die Fünf-Kilometer-Konkurrenz der männlichen Jugend - mit einer Spitzenzeit von 16:59,3 Minuten. Als nächstes steht der Paderborner Osterlauf an.

Angefangen hat alles mit einem Lauftraining, welches von einem Betreuer der Hephata-Diakonie angeboten wurde. Als er mit anderen Flüchlingen beim Kassel Marathon in der Staffel an den Start ging, wurde der PSV auf ihn aufmerksam. Seitdem trainiert er zweimal die Woche im Auestadion. Auch außerhalb des Vereinstrainings geht er immer wieder mit PSV-Kollegen auf die Strecke. „Ich laufe gern an der Hessenschanze oder bei der Orangerie, da ist es schön flach“, meint Anbessajer.

In Eritrea war er bereits sportlich aktiv, allerdings auf zwei Rädern. Einige Straßenrennen gewann er in seiner Heimat, ein Team in Deutschland hat er noch nicht gefunden. Außerdem ist ein Rennrad bedeutend teurer als ein Paar Laufschuhe. „Tour de France“, sagt er mit leuchtenden Augen, wenn er über seine Rennrad-Faszination spricht.

Hintergrund

Eritrea im Blickpunkt 

Das ostafrikanische Land Eritrea ist nach langem Unabhängigkeitskrieg seit dem 24. Mai 1993 vom Nachbarn Äthiopien unabhängig. Der Grenzkonflikt schwelt jedoch weiter. Eine 1997 verabschiedete Verfassung ist nie in Kraft getreten, der Präsident Isayas Afewerki fällt quasi alle Entscheidungen. Auch das Parlament ist im Einparteienstaat de facto inaktiv, zuletzt wurde es 2001 vom Präsidenten berufen.

Eine Ausübung von Meinungs- oder Religionsfreiheit ist in Eritrea nicht möglich, ebenso existiert keine freie Presse. Die Bundeszentrale für politsche Bildung nennt Eritrea „eines der repressivsten Länder der Welt“. 2015 registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchlinge 10990 Flüchtlinge aus Eritrea, die Schutzquote lag bei über 92 Prozent.

Von Gregory Dauber

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