Regeländerung in der Leichtathletik

Kasseler Straßenlauf-Meisterin darf ihren Titel nicht verteidigen

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Kann ihren Titel nicht verteidigen: Melat Yisak Kejeta vom PSV Grün-Weiß Kassel. 

Kassel. Die amtierende Deutsche 10-Kilometer-Straßenlauf-Meisterin Melat Yisak Kejeta vom PSV Grün-Weiß Kassel kann ihren Meistertitel in diesem Jahr nicht verteidigen. Sie wurde ausgeschlossen.

Grund für den Ausschluss der Äthiopierin ist eine Regeländerung des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV), die seit diesem Jahr gilt. Fragen und Antworten:

Was besagt die Regeländerung?

Dass bei Deutschen Meisterschaften (DM) nur noch deutsche Staatsbürger um die Podestplätze laufen dürfen. Anerkannte Asylbewerber wie Melat Yisak Kejeta dürfen bei Deutschen Meisterschaften nur noch außer Konkurrenz teilnehmen. Gleiches gilt für ausländische Läufer, die schon lange in Deutschland leben, aber keinen deutschen Pass besitzen. Ihre Zeiten werden separat gelistet. Auf Landesebene dürfen sie hingegen noch an den jeweiligen Meisterschaften (zum Beispiel der Hessischen) für einen deutschen Verein starten.

Wer durfte bislang bei Deutschen Meisterschaften starten?

Bis einschließlich 2016 durften die Sportler starten, die mindestens ein Jahr ihren ständigen Wohnsitz in Deutschland und in dieser Zeit ein Startrecht für einen deutschen Verein hatten. Für Nicht-EU-Bürger galt zudem, dass sie in diesem Zeitraum nicht für den Heimatverband gestartet waren oder an Meisterschaften des Landes teilgenommen hatten.

Warum wurde die Regel geändert?

Das Hauptargument des DLV ist laut Präsident Clemens Prokop, dass die Deutschen Meisterschaften dazu dienen sollen, den besten deutschen Staatsangehörigen zu ermitteln. Zudem habe es in der Vergangenheit Beschwerden von Vereinen gegeben, wonach andere Vereine die einjährige Mitgliedschaft von Athleten nicht korrekt abgewickelt hätten. Sportler seien kurzfristig zu Meisterschaften eingeflogen worden. Auch habe es Beschwerden von Vereinen gegeben, bei denen das Alter von Athleten, die aus dem Ausland kamen, angezweifelt wurde.

Wer gehört zu den Befürwortern der neuen Regel?

Unter anderem der Kasseler Sportwissenschaftler Prof. Dr. Kuno Hottenrott. Er findet, dass die Regeländerung überfällig war. „Es motiviert den Nachwuchs nicht, wenn er keine Chance auf einen Deutschen Meisterschaftstitel hat, weil er von ausländischen Läufern überrannt wird.“ Zum anderen hält er die Änderung für überfällig, weil es auch in anderen europäischen Nationen so gehandhabt werde, dass die Staatsbürgerschaft Voraussetzung für einen Start ist. Eine Deutsche Meisterschaft müsse eine Meisterschaft sein, bei der die besten deutschen Athleten um den Titel kämpfen. Er ist nicht der Meinung, dass die Regeländerung dem Inklusionsgedanken widerspricht: „Die ausländischen Mitbürger können weiterhin am Vereinsleben und auch an allen übrigen Wettkämpfen teilnehmen.“ Für die Zukunft könnte er sich auch eine internationale Meisterschaft in Deutschland oder eine doppelte Wertung vorstellen.

Wer gehört zu den Gegnern der Regeländerung?

Zum Beispiel Winfried Aufenanger, Trainer von Melat Yisak Kejeta. Er hält die Regel für „schon fast ausländerfeindlich, zumindest integrationsfeindlich.“ Laufen sei eine optimale Sportart, um Menschen zu integrieren und ihnen unter die Arme zu greifen. „Wir vertun eine Chance, wenn wir denen, die ihre Heimat verloren haben, keine Chance geben.“ Er könne den Beschluss nicht nachvollziehen, da ja auch in anderen Sportarten ausländische Sportler Deutscher Meister werden können. „Zum Beispiel mit Bayern München im Fußball“, so Aufenanger.

PSV-Läufer Jens Nerkamp hätte – wäre die Regel bereits 2016 in Kraft gewesen – Bronze bei der Deutschen Halbmarathon-Meisterschaft gewonnen. Doch auch er ist gegen die Regeländerung: „Die Flüchtlinge kommen ja nicht hierher, weil sie hier laufen wollen, sondern aufgrund der Umstände in ihren Ländern. Ich profitiere vom gemeinsamen Training mit ihnen“, sagte er der Interessengemeinschaft German Road Races.

Was sagt Melat Yisak Kejeta dazu, dass sie ihren Titel nicht verteidigen darf?

Die von der Regeländerung betroffene Läuferin gibt sich diplomatisch: „Ich würde gerne an der Deutschen Meisterschaft teilnehmen“, sagte sie unserer Zeitung. „Aber wenn die Regel jetzt so ist, dann akzeptiere ich sie auch.“

Information: Die Deutsche Meisterschaft im 10-Kilometer-Straßenlauf findet am Sonntag in Bad Liebenzell im nördlichen Schwarzwald statt.

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