Leichtathletik-EM

Der schnelle Zahnarzt aus Schwalmstadt: Florian Orth setzt Ellenbogen ein

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Vor zwei Jahren: Florian Orth bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. 

Am Samstagabend wird es ernst: Florian Orth wird bei der Europameisterschaft in Berlin zum Lauf über 5000 Meter antreten. Ein Ausblick:

Als Florian Orth am 21. August im belgischen Heusden auf den letzten Drücker noch die EM-Norm geknackt hatte, fielen dem 5000-Meter-Läufer aus Schwalmstadt viele Steine vom Herzen. „Meine Eltern, mein Großvater, meine Geschwister und natürlich auch meine Frau Maren, sie alle hatten längst Eintrittskarten für die Europameisterschaft in Berlin erworben“, berichtet der 29-Jährige. „Ich war der letzte von uns, der das Ticket zur Europameisterschaft gelöst hat.“

Sie werden also alle da sein, die Orths, wenn Florian am Samstag um 20.55 Uhr zu seinem vierten EM-Start in Folge antritt. Mit gemischten Gefühlen. Denn einerseits ist Berlin ein gutes Pflaster. „Seit ich vor zehn Jahren dort die Jugend-DM über 1500 Meter gewonnen habe, gab es im Olympiastadion viele super Rennen. Auch beim Istaf mit der tollen Atmosphäre laufe ich immer gern“, sagt Orth und ist froh, „als alter Hase die Wege und Gegebenheiten zu kennen“.

Aber: Der schnelle Zahnarzt hat weniger gute Erinnerungen an Europameisterschaften. Aus Helsinki 2012 kehrte er nach Rang elf über 1500 Meter mit einer Narbe am linken Arm heim. 2014 in Zürich erwischte es ihn an der rechten Wade, trotz des erneuten Sturzes wurde er Zehnter. In Amsterdam schließlich 2016 beim „langsamsten meiner 5000-Meter-Läufe“ kam er durch und wurde Siebter.

„Ich habe gelernt, meine Ellenbogen besser einzusetzen“, sagt Orth. Und weiß, dass es auch in Berlin wieder zur Sache gehen wird. Einen Vorlauf gibt es nicht, also werden am Samstag mehr als 20 Läufer auf der blauen Bahn antreten und für viel Gerangel sorgen. „In solch großen Feldern sind Bummelrennen anstrengend und gefährlich.“ Lieber wäre ihm ein mittleres Tempo, „damit sich das Feld auseinander zieht und Platz bleibt“. Dann müsste er zwar höllisch aufpassen, den Anschluss nicht zu verpassen, wenn vorn die Post abgeht. Er könnte aber auf seine Spurtqualitäten vertrauen. „Auf den letzten 500 Metern, das wäre nicht schlecht. Oder ein schneller letzter Tausender.“

„Medaille ist vermessen“

Zocken freilich, wie beim noch heute nachwirkenden Kraftakt mit dem Doppelstart in Belgien und tags darauf bei der Deutschen Vizemeisterschaft in Nürnberg, will er lieber nicht. „Da kann sich im Rennverlauf viel ergeben. Ich hoffe, auf etwas Glück und die optimale Form.“ Damit es für eine Medaille reicht? „Es wäre vermessen, das als Ziel zu proklamieren“ sagt Orth. „Natürlich kann meine Steigerung in den EM-Platzierungen gern weiter gehen. Aber ich mache mir über das Abschneiden keinen Kopf. Mit der Teilnahme an einer Europameisterschaft im eigenen Land, in einem vollen Stadion, wo uns die Fans die Schritte leichter machen, erfüllt sich schon ein Traum.“

Ohne DLV-Unterstützung

Ein Erfolg, der dem Nordhessen eine besondere Genugtuung verschafft. Vor einem Jahr hatte ihn der Deutsche Leichtathletik-Verband auch wegen deutlicher Kritik Orths aus dem Kader gestrichen. Seither bekommt er nicht vom DLV, nicht von der Stiftung Sporthilfe finanzielle Unterstützung. „Ich bin gewissermaßen ein Amateur, lebe von dem, was ich als Zahnarzt in 20 bis 30 Stunden pro Woche in der Praxis der Familie erwirtschafte, von meinen Eltern, dem Verein und meinen Sponsoren.“ Genau wie Marcel Fehr. „Dass wir als zwei von drei deutschen Startern über 5000 Meter aus eigener Kraft es zur EM geschafft haben, zeigt die Mängel und Fragwürdigkeit des deutschen Leistungssport-Modells und bestätigt unsere Kritik“, sagt Orth.

Doch das ist nun, so kurz vor seinem Rennen, kein Faktor, der die Zuversicht trübt. „2017 war kein gutes Jahr. Aber jetzt bin ich zurück“, sagt Florian Orth. Wie gut, dass will er am Samstag zeigen. Seiner Familie, die mit dem frühen Kartenkauf deutliche Signale gesendet hat. „Und allen anderen auch.“

Orths Plan für den Wettkampftag

Am vergangenen Freitag ist Florian Orth aus Schwalmstadt in das Bundesleistungszentrum Kienbaum gereist. In der Medaillenschmiede hat der DLV Quartier gemacht für seine EM-Starter. Dort hat sich auch Florian Orth den Feinschliff und vor allem die nötige Frische geholt. „Das größte Problem ist, mit der Hitze klarzukommen“, sagt er. Da passt es ganz gut, dass er am Samstag erst am späteren Abend läuft und das Training auch auf diese Zeit verlegen konnte. Am Samstag hofft Orth auf ein langes Ausschlafen am Morgen, einen kurzen Lauf von knapp 15 Minuten und ein ausgiebiges Frühstück. Später gibt es ein kleines Nickerchen, gegen 15 Uhr ein kleines Mittagessen für den 64 kg schweren und 1,81 großen Läufer. Dem werden später nur noch eine Laugenstange oder eine Banane folgen. Und zwischen 60 oder 90 Minuten vor dem Startschuss erfolgt dann das gewohnte Einlaufen. Bei der EM 2016 lief Orth in 13:45 Minuten auf Rang sieben, seine Saisonbestzeit steht bei 13:34, der persönliche Rekord bei 13:23. (sam)

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