Diskuswerfer

Leichtathletik-Talent Luis Andre´sucht jetzt einen Trainingsacker

Der Herr der Scheibe: DerMelsunger Luis André ist mit Diskus und Kugel eine große deutsche Leichtathletik-Hoffnung.
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Der Herr der Scheibe: DerMelsunger Luis André ist mit Diskus und Kugel eine große deutsche Leichtathletik-Hoffnung. ARCHIVFoto: LOTHAR SCHATTNER/NH

Er verbessert einen Rekord nach dem anderen. Doch jetzt kann der Melsunger Diskuswerfer Luis Andre´kaum trainieren - und hofft auf Hilfe von Bauern.

Seitdem er vor etwas mehr als drei Jahren von der Melsunger Diskuswurf-Legende Alwin Wagner unter die Fittiche genommen worden ist, war die Deutsche Meisterschaft der Talente U 16 das erste große Ziel für Luis André von der MT Melsungen. Diese Titelkämpfe sind aktuell noch für den 4. und 5. Juli in Bremen terminiert. Es ist aber mehr als fraglich, ob sie aufgrund der Corona-Krise wirklich wie geplant stattfinden werden.

Zum Glück ist aber wohl niemand besser geeignet, den 15-jährigen Luis André auf eine mögliche Absage der DM vorzubereiten, als Alwin Wagner. Der spätere fünffache Deutsche Meister im Diskuswurf war 1976 und 1980 um zwei Teilnahmen an Olympischen Spielen gebracht worden. 1976 hatte er die Qlympia-Norm geworfen, wurde vom DLV (der intern eine höhere Norm aufgestellt hatte) aber nicht zu den Spielen mitgenommen.

Alwin WagnerTrainer und Olympionike

Vier Jahre später verbesserte der Melsunger zwar im Mai noch die Weltjahresbestleistung auf 66,30 Meter, durfte aber wieder nicht zum Höhepunkt eines Sportlerlebens. Deutschland hatte sich dem Boykott der Spiele 1980 in Moskau angeschlossen. „In einem solchen Moment bricht alles weg. Moral und Motivation waren auf einmal weg“, erinnert sich der heute 69-Jährige, der dann 1984 doch noch endlich zu Olympia durfte – und in Los Angeles Sechster wurde. Dass damals als Retourkutsche auf 1980 die Russen und weitere 18 sozialistische Länder nicht dabei waren – abgehakt.

Wagner spricht daher von „einer extrem schwierigen Lage“ derzeit für seinen Schützling. Er hofft als Optimist aber auf die Herbstsaison und damit auch auf eine Verschiebung der Deutschen U16-Titelkämpfe um mehrere Monate nach hinten. Finden diese statt, ist Luis André der absolute Topfavorit im Diskuswerfen und im Kugelstoßen. „Ist seiner Altersklasse kann ihm national keiner das Wasser reichen“, sagt Wagner.

Die M14-Bestenlisten im Jahr 2019 führte Gymnasiast André mit riesigem Vorsprung an. Mit der Vier-Kilogramm-Kugel (15,81 Meter) kam er über einen Meter weiter als der Zweitbeste. Mit dem Diskus (55,50 m) war er der einzige 50-Meter-Werfer im Land.

In den vergangenen Jahren pulverisierte er die Hessenrekorde. So verbesserte er 2018 die M13-Bestmarke, die 44 Jahre lang Bestand hatte, um fast fünfeinhalb Meter. Beim Hallensportfest in Dortmund am 1. März stieß er die Kugel über den Landebereich hinaus an eine Betonwand. Die Kampfrichter hatten trotz Vorwarnung nicht geglaubt, dass ein Schüler die Vier-Kilogramm-Kugel über 16 Meter weit stoßen würde.

Bislang bestritt Luis André, der aktuell 1,93 Meter groß ist und 95 Kilogramm wiegt, 76 Wettkämpfe im Kugelstoßen und 30 im Diskuswerfen. Er gewann 106-mal. Im Trainingslager im Januar in Portugal warf er den Ein-Kilogramm-Diskus nach Wochen ohne Training 58,50 Meter weit. „Wenn man da zwei Meter pro Monat drauf rechnet, wären das im Sommer 65 Meter geworden“, spekuliert Wagner. „In dem Alter habe ich 35 Meter weit geworfen. Mehr nicht.“

„Ich bin in guter Form. Fällt die Deutsche Meisterschaft aus, wäre das schon extrem blöd“, sagt Luis André. „Aber das würde mich nicht umwerfen.“ Sein Trainer lobt an dem 15-Jährigen neben dem guten Gefühl für die Diskusscheibe und die Thermik sowie viel Explosivität auch die stark ausgeprägte Eigenmotivation. „Er ist als Sportler und Persönlichkeit viel weiter, als das mein Plan vorsieht, den ich vor drei Jahren aufgestellt habe“, erklärt der Trainer.

Statt im April Einladungen im Olympia-Trainingslager in Kienbaum und im Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) wahrzunehmen, stehen nun zweimal pro Woche Sprints an – hier Wagners Haus, einen steilen Hang hinauf. Weil Sportplätze und Hallen gesperrt sind, bittet Wagner die Landwirte rund um Melsungen um Hilfe. Gesucht wird ein Feldweg, auf dem ein ebener Bereich von mindestens drei Metern asphaltiert ist und an den eine Wiese oder ein Feld angrenzt. Dort will Luis André dann Wurftraining improvisieren. Für die DM und all das, was noch kommen wird. Archivfoto: Peter Fritschler/nh ZUR PERSON

Luis André 15) wohnt mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester in Melsungen. Er geht dort in die neunte Klasse des gymnasialen Zweigs der Gesamtschule. Weihnachten 2016 kam er in die von Alwin Wagner geleitete Talentfördergruppe der MT Melsungen. 2017 (M12), 2018 (M13) und 2019 (M14) verbesserte er jeweils deutlich die hessischen Schülerrekorde seiner Altersklasse im Diskuswurf. Sein Trainer bezeichnet ihn als das größte Talent, das er jemals betreut hat. 2020 will der Melsunger en M15-Landesrekord (62,73 Meter) verbessern.

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