„Miteinander rückt in den Mittelpunkt“

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Im Interview: Thomas Kurschilgen, Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes. 

Alle reden vom Fußball und von Geisterspielen. Aber können wir zur Freiluftsaison wieder baden gehen, wann können die Schwimmer wieder im Wasser trainieren? Fragen an Thomas Kurschilgen, Leistungssportdirektor im Deutschen Schwimm-Verband mit Sitz in Kassel.

Herr Kurschilgen, wann waren Sie zuletzt schwimmen?

Im März in Portugal, bei 16 Grad im Atlantik. Unmittelbar danach entwickelte sich Covid-19 in Europa zur Pandemie. Im Freibad war ich 2019 zuletzt in Offenbach, wo heute noch Bilder von Olympiasieger Michael Groß hängen.

Oder ist ihre alte Liebe Leichtathletik das aktuelle Fitnessprogramm?

Nein, Joggen gehört nicht mehr dazu. Ich versuche, regelmäßig mit dem Rad unterwegs zu sein - mal Rennrad, mal Mountainbike.

Wie kam es 2018 zum Wechsel nach Kassel, wo einst ja auch der DLV seinen Sitz hatte?

Ein schönes Sprichwort lautet: „Da Du nicht immer kannst, was du willst, so wolle, was Du kannst!“ In einer großen Dachorganisation wie dem DOSB liegt es nicht in der Macht einer Führungsperson, ihre Vorstellungen umzusetzen. Das DSV-Präsidium hat mir große Entscheidungskompetenz eingeräumt, den Leistungssport im Team mit Mitarbeiter*innen in seinen Strukturen professionell aufzustellen. Ebenso bin ich für die Strukturen und Abläufe des Gesamtverbandes verantwortlich.

Wie lange noch werden Schwimmer und Badende auf dem Trockenen sitzen?

Der Leistungssport konnte bereits unter strengen Auflagen an zentralen Standorten trainieren. Nun gibt es eine schrittweise Öffnung für den organisierten Vereins- und Breitensport, der in vielen Facetten in Bewegung kommt.

Welche Vorbereitungen treffen Sie als Verband

Wir hatten sehr frühzeitig eine Taskforce gebildet, u. a. mit Experten aus der Medizin. Sie entwickelte Übergangsregeln für leistungssportliches Training und stimmte sie mit den Ländern ab. Dem Vereins- und Breitensport liegt ein DSV-Leitfaden mit sportartspezifischen Corona-Regeln vor als Orientierungsrahmen für die Abstimmungen mit Behörden und Badbetreibern.

In den letzten Jahren waren Erfolgsmeldungen der Schwimmer seltener als früher. Kommt das Pausenjahr für den Aufbau junger Leute sogar gerade recht?

Bei der WM 2019 in Gwangju holten wir acht Medaillen, davon dreimal Gold. Bei der EM im Nachwuchs glänzte der DSV mit 17 Medaillen. Aber ja, für die Talente ist ein weiteres Jahr der Entwicklung für den Weg in die Weltspitze durchaus positiv zu sehen.

Sie fordern für Athleten und Trainer gerade jetzt Aussichten auf Wettbewerbe und Herausforderungen. Warum?

Sport ist ein sozialintegrativer Bereich – gemeinsames Training, Lehrgänge, Trainingslager, Wettkämpfe. Den Aktiven laufen gerade ihre Ziele davon. Durch den Ausfall der Wettbewerbe gibt es zeitnah keine Chance, wettkampfbezogene Prognosen zu erarbeiten und zu überprüfen. Und es fehlt das Wettkampferlebnis. Beides ist aber wahnsinnig wichtig für die Kompetenzentwicklung. Da stehen jetzt sehr viele Fragezeichen.

Wie stellen Sie sich die von ihnen angeregten nationalen Wettbewerbe ab September konkret vor?

Niemand kann sagen, ob es dann Wettbewerbe mit Zuschauern und internationalen Begegnungen geben wird. Dennoch ist es jetzt geboten, für das vierte Quartal ein Wettkampfformat für die olympischen Sportarten in der Spitze und im Nachwuchs zu erarbeiten, das die jeweiligen Deutschen Meisterschaften integriert. Im Schwimmen könnten sie ein erster Qualifikationsschritt für Olympia 2021 sein. Wettkampfnahe Trainingsformen

Wir können noch immer nicht reisen. Somit müssen die Pläne anders aussehen.

Thomas Kurschilgen

und Wettbewerbe sind wichtig und unerlässlich, um sich zu entwickeln. Das funktioniert auf Dauer alleine über ein Athletik- oder Grundlagentraining nicht.

Sie fordern ein Aufbrechen gewohnter Muster, ein Querdenken in der Krise. Mit welchen Konsequenzen und Zielen?

Es war und ist viel an Improvisation nötig und wichtig, im Hier und Jetzt zu leben, mit reglementierenden Verordnungen und darauf aufbauenden kreativen Lösungen und Ideen. Eine tägliche Herausforderung für Trainerteams. Es gibt in den sozialen Medien schon digitale Fernvergleiche, wir müssen innovativ sein. Der nächste Schritt wird die Bildung einer Arbeitsgruppe aus unseren Headcoaches und unserer Kommunikations- und Vermarktungsagentur Rough Water& GmbH sein, diese Ideen zu konkretisieren.

Wie können Sie den Neustart nach Corona planen?

In jeder olympischen Sportart im DSV liegen bereits die Konzepte und Jahresplanungen mit unterschiedlichen Szenarien in der Vorbereitung auf 2021 und die Olympischen Spiele vor. Der internationale Wettkampfkalender wurde mit Meisterschaften auf der Europa- und Weltebene konkretisiert. Unsere Pläne können nun detaillierter ausgerichtet werden. Aber: Wir können noch immer nicht reisen. Somit müssen und werden die Pläne anders aussehen als für die Spiele in 2020.

Der DSV hatte große Ausgaben für Trainingslager weltweit, die zum Teil abgebrochen werden mussten oder ausfielen, Aktive mussten heimgeholt werden. 2020 ist finanziell dennoch gesichert, 2021 auch?

Nach allen Gesprächen mit dem Bundesministerium des Inneren und dem DOSB sehen die Perspektiven für 2021 gut aus. Bereits in diesem Jahr konnten wir durch überzeugenden Konzepte und die WM-Ergebnisse 2019 einen erheblichen Mittelaufwuchs im hohen sechsstelligen Bereich erzielen. Diesen sehen wir auch für 2021 als gesichert an.

Auch den Vereinen fehlen Einnahmen und Perspektiven. Bricht die Basis weg?

In den nächsten Wochen haben wir eine digitale Mitgliederversammlung mit den Landesverbänden und Länderfachkonferenzen. Wir werden uns ein Bild machen und über Lösungswege und Hilfestellungen diskutieren müssen.

Weniger Erfolge als früher, Bäderschließungen und nun auch noch Corona - was motiviert Sie?

Für Victor Hugo hat die Zukunft viele Namen - Schwachen ist sie das Unerreichbare, Furchtsamen das Unbekannte und Mutigen die Chance. Wir alle müssen mit der Situation leben. Es fällt mir natürlich schwer, der Krise etwas Positives abzugewinnen, aber das Miteinander im DSV, zwischen den Verbänden und ihren Partnern ist in den Mittelpunkt gerückt. Unsere Trainerteams und Aktiven nehmen die Herausforderungen mutig an. Mit der schrittweisen Öffnung der Bäder werden die Klubs mit ihren vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden ebenso bald kreative Lösungen anbieten.

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