Serie: Schönes Spiel

Mit 40 000 im Auestadion: Fans wollten KSV und Uwe Seeler sehen

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40 000 Fans im Auestadion: Beim Pokalspiel des KSV Hessen gegen den HSV stürmten die Fans den Platz, statt Zäunen gab es nur Hecken am Rand. Foto: PRIVAT/NH

In der Serie "Schöne Spiele" erinnern wir an ein DFB-Pokalspiel des KSV Hessen Kassel im Januar 1965. Damals kamen 40 000 (!) Zuschauer ins Auestadion.

Keine Spiele nirgendwo. Was kann da schöner sein, als zurückzublicken? Auf schöne Spiele im Fußball, im Handball und Eishockey. Unsere Autoren tun das in diesen Wochen, einige auch in persönlichen Erinnerungen.

Wir hatten uns schon früh auf den Weg gemacht, mein Klassenkamerad Jürgen und ich. Denn die Ansage vor dem DFB-Pokalspiel der ersten Hauptrunde des Fußball-Regionalligisten KSV Hessen gegen den Hamburger SV war: Es wird voll. Dass es an diesem 16. Januar 1965 aber so voll werden würde, das hatten die wenigsten gedacht. Die „Hessischen Nachrichten“ berichteten von 33 000 Zuschauern im Kasseler Auestadion, die Polizei sogar von 40 000.

Um 14 Uhr sollte das Spiel beginnen, die ersten Fans standen schon vormittags vor den Stadiontoren. Tribünenkarten waren sowieso nicht mehr zu haben, nach langem Anstehen hatten wir unsere Stehplatzkarten. Mehr geschoben denn selbst gegangen, machten wir uns auf den Weg zur Mitte der Stehtribüne. Schließlich standen wir eine knappe Stunde vor Spielbeginn festgemeißelt in Block H, weit oben. Je näher der Anpfiff rückte, desto enger wurde es. Das Stadion war rappelvoll und wir sahen viele Leute, die noch hinein wollten.

Auf den Stehrängen war es längst enger als eng. Umfallen ging nicht, dafür fehlte der Platz. Die Durchsage „Rücken sie näher zusammen“ ließ sich nicht mehr umsetzen. Irgendwann knickten die Zwischengeländer unter dem Druck zusammen wie Streichhölzer. Kinder wurden über die Köpfe der Stehenden nach unten durchgereicht und vor die Hecke und die Werbeflächen gesetzt. Zuschauer hingen in den Bäumen und klammerten sich an die Masten der Lautsprecheranlagen.

Dann wurde das Tor rechts der Tribüne eingedrückt und die Massen strömten ins Stadion. Ordner und Polizei waren machtlos, im Rund standen Zuschauer bis an die Eckfahnen. Logisch, dass Schiedsrichter Wilfried Hilker aus Bochum, der übrigens im April 1971 dem Frankfurter Friedel Lutz die erste Rote Karte der Bundesliga zeigte, die Partie so nicht anpfiff. Polizei und Ordnungsdienst wollten die Zuschauer vom Spielfeldrand zurückdrängen, doch das ging nicht. Schließlich gab Schiedsrichter Hilker klein bei und pfiff mit Verspätung an.

90 Spielminuten später hatte der Hamburger SV durch Tore von Uwe Seeler (12.) und Charly Dörfel (57.) 2:0 gewonnen. Die Lautsprecheransage am Schluss war unter den gegebenen Umständen mehr ein Witz: „Die Platzordner werden gebeten, das Betreten des Rasens zu verhindern!“

Unseren Heimweg nach Wehlheiden mussten wir ohne den üblichen Genuss einer Bratwurst antreten, an die war nun wirklich kein Herankommen. Er zog sich natürlich in die Länge. Wie ein überdimensionaler Lindwurm schlängelten sich die Menschenmassen die Ludwig-Mond-Straße hinauf und in beide Richtungen der Frankfurter Straße. Geredet wurde über Fußball natürlich auch noch, aber viel mehr über die vielen, vielen Fans im Stadion.

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