Mit Abwechslung zur Höchstleistung

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Vielseitige Förderung: Die drei Vellmarer Geschwister Pauline, Moritz (Mitte) und Leo Kleesiek gehören in Hessen zu den besten Läufern ihrer jeweiligen Altersklasse. Während der 15-jährige Moritz für das Laufteam Kassel um Trainer Winfried Aufenanger startet, sind Pauline (13) und Leo (10) Mitglieder beim LAV Kassel. Alle drei betreiben nicht nur Leichtathletik, sondern spielen auch Hockey beim Hockey-Club Kassel. Die drei starten auf Strecken zwischen 800 und 5000 Metern und standen bei Hessenmeisterschaften in den Jahren 2019 und 2020 schon auf dem Siegerpodium. 

Sportwissenschaftler Urs Granacher im Interview über das Training mit Kindern

Eltern und Trainer tragen mehr Verantwortung für die sportliche Entwicklung ihrer Kinder als sie glauben. Über Fehler und Möglichkeiten in der Trainingssteuerung sprachen wir mit dem Potsdamer Trainings- und Bewegungswissenschaftler Prof. Dr. Urs Granacher.

Was war aus trainingswissenschaftlicher Sicht für Jugendliche und Kinder das Besondere an der intensiven Corona-Phase?

Der Ausfall des Schulsports stellt ein großes Problem dar. Damit fällt für viele Kinder die minimale Dosis an täglicher Bewegung weg. Zwar gab es vielfach Online-Angebote, aber damit erreicht man leider nicht alle.

Lassen sich auch positive Lehren aus dieser Zeit ziehen?

An der Universität Potsdam haben wir in Zusammenarbeit mit der AOK Nordost, dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, Land Brandenburg und dem Landessportbund Brandenburg ein Online-Bewegungsangebot für Schüler im You-Tube-Format erstellt. Das Programm nennt sich „Henriettas bewegte Schule“. Dort wurden täglich neue Übungen zu Kraft, Ausdauer und Koordination eingestellt, die die Kinder alleine oder mit ihren Eltern ausführen können. Solche Aktionen sind sicherlich ausbaufähig und wurden auch von anderen Anbietern ins Netz gestellt. Allerdings stellen sie keinen Ersatz für den Sportunterricht dar.

Haben da manche auch mal zu viel trainiert?

Zuviel Training gibt es eher im Nachwuchsleistungssport. Da dort jedoch die Wettkämpfe coronabedingt gestrichen wurden, ging auch das Ziel des Trainings verloren. Insofern stellen zu hohe Trainingsumfänge kein wirkliches Problem dar. Normale Kinder und Jugendliche bewegen sich tatsächlich zu wenig. Zwischen 70 und 80 Prozent der Heranwachsenden in Deutschland erfüllen die Bewegungsempfehlungen der WHO von 60 Minuten körperliche Aktivität pro Tag leider nicht – und das war vor Corona.

Wie sollte denn nun das Training idealerweise ablaufen?

Erst einmal braucht der Organismus von Kindern und Jugendlichen aufgrund von Wachstum und Reifung andere Trainingsreize als derjenige Erwachsener. Hohe Intensitäten beim Ausdauertraining im Bereich von 80 Prozent der maximalen Herzfrequenzrate werden empfohlen. Kinder sollen durch die spielerische und abwechslungsreiche Betätigung gar nicht spüren, dass sie mit hohen Intensitäten über kurze Zeiträume aktiv sind. Intensiv können die Reize vor allem deshalb sein, weil sich der kindliche Organismus viel schneller erholt als der eines Erwachsenen. Kinder sind somit kleine Ausdauerathleten.

Wo sind dem Training von Kindern und Jugendlichen Grenzen gesetzt?

Das Wichtigste bei Kindern ist, dass die Bewegung Spaß macht. Monotone Einheiten wie ein 10-Kilometer-Dauerlauf sind für Kinder ungeeignet. Das Bewegungsprofil von Kindern ist durch kurze intensive Aktionen, also zum Beispiel Sprints mit schnellen Richtungswechseln wie beim Fangen gekennzeichnet. Monotones Training in Kombination mit hohen Trainingsumfängen führt oftmals zu Verletzungen und Überlastungsschäden.

Wie wichtig sind gymnastische Übungen zur Mobilisation und Stabilisation?

Sie sollten elementarer Bestandteil eines abwechslungsreichen Trainings sein. Das sogenannte neuromuskuläre Training, das insbesondere Kraft- und Gleichgewichtsübungen beinhaltet, kann gut in das Aufwärmprogramm einer Trainingseinheit integriert werden. Dreimal 15 Minuten in der Woche können bereits ausreichen, um Verletzungen zu vermeiden. Alles in allem sollte bei der Ausbildung von Nachwuchsleistungssportlern auf ein breites Fundament an unterschiedlichen Bewegungserfahrungen geachtet werden.

Ab wann ist der jugendliche Körper voll belastbar?

Das ist sehr individuell, aber es gibt eine ungefähre Richtlinie: Kinder sollten pro Woche nur so viele Stunden trainieren wie sie alt sind. Für einen Zehnjährigen sollten also zehn Stunden die Obergrenze sein, ansonsten steigt das Verletzungsrisiko erheblich an. Allerdings können chronologisches und biologisches Alter von Kindern und Jugendlichen weit auseinanderklaffen. So gibt es Früh-, Normal- und Spätentwickler. Den biologischen Reifegrad kann man über die Ermittlung der stehenden und sitzenden Körperhöhe abschätzen. Das lässt sich im Internet über frei zugängliche Online-Rechner wie dem der Universität Saskatchewan bestimmen.

Welche Ratschläge würden Sie ehrgeizigen Eltern oder Trainern mit auf den Weg geben?

Es ist dringend geboten, Kinder und Jugendliche individuell nach ihren Voraussetzungen und ihrem biologischen Reifegrad zu fördern und zu fordern. So müssen Frühentwickler nicht zwangsläufig das bessere sportliche Potenzial haben, nur weil sie im Hier und Jetzt bessere Leistungen als ein Normal- oder Spätentwickler erbringen. Entsprechend sollten verantwortungsbewusste Trainer bei der Talententwicklung perspektivisch denken. Gerade im Hinblick auf die sportartspezifische Frühförderung kann ich den Fußball-Enthusiasten unter den Eltern ein interessantes Beispiel nennen. In diesen Tagen hat der FC Bayern München angekündigt, seine U9- und U10-Mannschaften aus dem Spielbetrieb zu nehmen. Dort hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Frühspezialisierung einem späteren Erfolg als Spitzensportler sogar zuwiderlaufen kann.

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