Eishockey

Moritz Müller: „Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt“

Moritz Müller
+
Moritz Müller - Archvfoto: Peter Kneffel/dpa

„Es ist an der Zeit, dass die Eishockeyspieler eine gemeinsam Vertretung und Stimme bekommen.“ Deshalb arbeitet der aus Kassel stammende Moritz Müller  am Aufbau einer Spielergewerkschaft. Ein Interview vom 23. Mai.

„Es ist an der Zeit, dass die Eishockeyspieler eine gemeinsam Vertretung und Stimme bekommen.“ Deshalb arbeitet der aus Kassel stammende Moritz Müller gemeinsam mit Patrick Reimer (Nürnberg) am Aufbau einer Spielergewerkschaft. Grund zum Nachfragen beim Kapitän der Kölner Haie und der Nationalmannschaft.

In der Not rücken die Menschen zusammen. Warum die Eishockeyspieler erst jetzt?

Gute Frage. Vielleicht war die Not bisher nicht groß genug. Denn die Notwendigkeit war immer da, es fehlte vielleicht an Biss von uns und an Rückendeckung von anderen.

Hat der nunmehr dritte Anlauf seit 1992 mehr Aussicht auf Erfolg?

Ja, jedenfalls bekommt unsere Aktion viel positive Resonanz und einen enormen Schub. Wir erhielten 80 Unterschriften in wenigen Tagen, die aktuellen Themen einen uns und können ein guter Grundstein sein. Es haben doch viele Spieler den Drang, gemeinsam etwas durchzusetzen. Corona war ein Anstoß, es ist jetzt der richtige Zeitpunkt.

Wie weit sind die Pläne gediehen?

Bislang sind wir eine Interessengemeinschaft mit juristischem Beistand. Ich habe ein Grundlagenpapier geschrieben, die wichtigsten Themen und Thesen festgehalten. Wichtig ist: Wir wollen nicht gegen die DEL oder die Klubs arbeiten, sondern einen gemeinsamen Weg finden, der auch der Liga und dem deutschen Eishockey nützt. Einen konstruktiven und kooperativen Dialog über die Zeiten von Corona hinaus. Es kann dem Eishockey nur nützen, wenn wir auch eine Stimme bekommen und mitreden können.

Erster Knackpunkt: Die DEL will angesichts finanzieller Verluste durch die Pandemie von den Gehältern der Spieler 25 Prozent einbehalten und nur bei wirtschaftlicher Besserung auszahlen. Kommt das durch?

Darüber möchten wir in Ruhe mit der DEL reden und uns austauschen, unsere Interessen wahren. Denn es gibt so viele unterschiedliche Ausgangslagen für einzelne Spieler, aber auch für Spieler und Klubs, dass aus meiner Sicht keine Patentlösungen machbar sind. Manche Arbeitsverträge laufen für acht Monate, andere über zwölf. Manche beinhalten Auto und Wohnung, andere nicht. Einzelne Vereine haben jetzt viele Spieler unter Vertrag und zu bezahlen, andere nur wenige und somit aktuell deutlich geringere Personalkosten.

In künftigen Verträgen sollen Corona-Klauseln die Fragen von Kurzarbeit, Saisonabbruch und Prämienzahlungen regeln. Auch zum Nachteil der Spieler...

Auch darüber möchten wir sprechen. Es wäre der Sache nicht zuträglich, wenn nun versucht würde, Fakten zu schaffen. Dafür haben wir Spieler noch zu viele Fragen. Es macht aus unserer Sicht aufgrund der vielen Unwägbarkeiten auch wenig Sinn, für diesen Samstag alle Lizenzanträge von den Klubs einzufordern. Vermutlich wissen wir alle in einem Monat viel mehr über die gesundheitlichen und die wirtschaftlichen Perspektiven.

Wie viel wirtschaftliches Risiko sind die Spieler bereit zu übernehmen, wie viel müssen sie?

Natürlich ist jedem von uns bewusst, dass man keinem nackten Mann in die Tasche greifen kann und es auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen geht. Da sind wir Spieler zu Kompromissen bereit. Aber noch einmal: Liga und Klubs sollten sich mit uns Spielern weiter austauschen, damit es ein gemeinsamer Weg wird.

Die Zeiten ehrenamtlich geführter Vereine und Spielern im Nebenjob ist in DEL und DEL2 lange vorbei. Aber haben einige Klubs noch Probleme, ihre Rolle und Pflichten als Arbeitgeber anzunehmen?

Das kann ich schwer einschätzen. Zum Glück habe ich mit den Kölner Haien einen super Arbeitgeber, der auch in Corona-Zeiten sehr transparent und fair agiert. Aus meiner Sicht haben Wirtschaftsprüfer und Unternehmer im deutschen Eishockey viel Einfluss. Deshalb halte ich es für wichtig, dass die Stimmen der Athleten künftig mehr gehört werden.

Wer ist für Sie persönlich da mit ihren Sorgen um Arbeitsplatz, Sicherung der Familie und Perspektive?

Mein privates Umfeld ist intakt; es tut gut, Mannschaftssportler zu sein. Beim KEC pflegen wir einen sehr guten Austausch, zudem können wir auf Sportpsychologen zurückgreifen. Die Corona-Krise belastet mich persönlich aber nicht zu sehr. Mich beschäftigt vielmehr, dass ich schon 33 bin und mir jetzt, da ich noch so viel zu lernen sehe, bewusst werde, dass ich im Leben Zeit vergeudet habe. Als Nachwuchsspieler wird man immer gelobt. Als Berufssportler aber ist plötzlich Druck da. Es ist eine harte lange Schule, dann neu lieben zu lernen, was man macht.

Die Hoffnung auf den Ligastart am 11. (DEL2) bzw. 18. September (DEL) ist logisch. Aber was sagt der wache Geist von Moritz Müller - wann spielen sie wieder Eishockey?

Ich weiß es nicht. Wirklich. Das Gefühl sagt mir am 18. September. Aber ich weiß auch, dass es große Probleme gibt für die Klubs, die Liga und die Nationalmannschaft, wenn das nicht klappen sollte.

Welche Rolle spielt in den Gedanken über Solidarität von Profis ihr Schwiegervater Thomas Eichin (53), der Fußballer war, Manager bei Werder-Kickern und Eishockey-Haien und nun Sportler managt?

Wir besprechen Vieles, klar. Aber wir sind sehr unterschiedliche Denker. Er ist pragmatischer, ein Macher, ich grübele oft länger über einer Herausforderung. Für mich ist aber auch Bundestrainer Söderholm ein sehr guter Ratgeber.

Sehen sie in Management eine berufliche Perspektive nach dem Eishockey?

Vielleicht. Aber ich habe viele Interessen und noch keine konkreten Pläne. Am liebsten wäre mir, lange fit zu bleiben und gut spielen zu können.

Aber jetzt- steht erst ein mal Sommerpause an?

Nein. Die Weltmeisterschaft ist ja auch ausgefallen, und so trainieren wir schon wieder. Natürlich alles im Rahmen der Möglichkeiten. Anfang Juni soll es dann zurück aufs Eis gehen – so ist zumindest derzeit der Plan. Darauf freue ich mich riesig. ZUR PERSON Moritz Müller (33) kam in Frankfurt zur Welt, spielte aber bis 2001 bei der Eishockey-Jugend Kassel - als Stürmer. 2002 trug er erstmals das Trikot der Kölner (Jung-) Haie, wo er seit 2004 zum DEL-Team gehört – als Verteidiger. Drei Jahre lang bestritt er als Förderlizenzler auch Zweitliga-Spiele für Essen. Müller absolvierte 235 Länder- und 864 DEL-Spiele für die Haie, deren Kapitän er ist. Sein Vertrag läuft bis 2022. Müller bezeichnet Kassel als Heimat, dort leben Vater Rainer, seine Familie und die engsten Freunde. Seit Juni 2014 ist er verheiratet mit Nadja Eichin, beide haben zwei Kinder. sam Foto: Peter Kneffel / dpA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.