Mario „Locke“ Siebert und Oswald Bischoff waren zum letzten Mal beim Melsunger Grasbahnrennen am Start

Es passte wie Deckel auf Topf

+
Daumen hoch: Mario Siebert (links) und Oswald Bischoff sind seit 21 Jahren ein eingespieltes Team.

Melsungen. Es ist genau 21 Jahre her, dass Mario „Locke“ Siebert (40) zum ersten Mal in den Beiwagen von Oswald Bischoff (60) stieg: Beim Melsunger Grasbahnrennen fand sich durch Zufall das Gespann, dass die Motorsport-Szene gehörig aufmischte.

Beim vergangenen Grasbahnrennen war das Duo nun zum letzten Mal am Start.

Der Zufall

Und so ging es los: Bischoff musste seinen etatmäßigen Sozius Marco Hunsrucker kurzfristig zur EM in den Niederlanden „ausleihen“. Da kam der MSC-Vorsitzende Franz Pickenhahn auf eine Idee: „Ich habe den damals 19-Jährigen Mario Siebert als Ersatzmann in Melsungen empfohlen“, erinnert er sich. „Sonst hätte Bischoff das Rennen bei uns absagen müssen.“ Siebert war seit seinem vierten Geburtstag mit dem Motorsport-Gen infiziert, sah bei vielen Rennen seines damaligen Nachbarn, dem Rennfahrer Willi Sonntag, zu und sprang gern ein.

Das Gespann

Bischoff und Siebert verstanden sich auf Anhieb gut. „Wir kannten uns ja schon vom Sehen, in Melsungen haben wir uns dann zum ersten Mal unterhalten“, weiß Siebert noch ganz genau. Die Chemie habe gestimmt, das Vertrauen zueinander sei von Anfang an dagewesen. „Wie Deckel auf Topf“, fasst Siebert in vier Worten zusammen.

Seinen Spitznamen Locke hatte er übrigens schon damals. Auch daran ist Franz Pickenhahn schuld. „Ich habe ihn so genannt, weil er immer eine blonde Strähne ins sonst schwarze Haar gefärbt hatte“, sagt der Präsident es MSC Melsungen. Das ist bis heute so geblieben.

Die Erfolge

Bischoff/Siebert machten sich in der Rennsport-Szene schnell einen Namen. Bei den Europameisterschaften 1997 bis 1999 landeten sie jeweils auf Rang drei. 2001 holten sie die Vize-Europameisterschaft. Seitdem hat sich viel getan: Die gelernten KFZ-Mechaniker, die früher jeden Winter sechs Wochen lang jeden Abend am Motorrad schraubten, sind nun selbständig: Bischoff hat eine Spedition, Siebert einen Festzeltverleih. Die Zeit für Training und Wettkämpfe ist knapper. Nach 15 Jahren im rot-blau-gelben Rennanzug hat Siebert Stoffstreifen an den Seiten einnähen lassen, damit es nicht spannt. „Ganz spurlos gehen die Jahre eben doch nicht vorbei“, sagt er und lacht.

Die Marotten

Obwohl die beiden inzwischen nur noch auf nationaler Ebene fahren und „nicht mehr in jeden Zweikampf gehen wie früher“ (Siebert), ist die Leidenschaft ungebrochen. „Wir kennen jede Schraube“, sagt Bischoff. Genauso wie Uli Dietz, Armin Schmidt und Sieberts Vater Günter, die seit jeher zum Mechaniker-Team gehören und auch jede Marotte des Gespanns kennen.

Beim Anziehen der Ausrüstung steht Oswald immer neben der Maschine, Siebert dahinter. Seine Frau Miriam reicht die Kleidungsstücke an. „Immer in einer bestimmten Reihenfolge“, erklärt sie. Dann rollen Bischoff/Siebert als letztes Gespann zum Start. Bischoff immer mit einem Stofftaschentuch zum Visier-Wischen im Rennanzug. Siebert mit dem letzten Kontrollgriff an den Helm, ob der Verschluss tatsächlich zu ist. „Vieles was wir im Rennen machen, kann ich gar nicht beschreiben. Das läuft intuitiv, unterbewusst“, sagt Siebert.

Der Abschied

Die Frauen Miriam und Petra zittern bei jedem Rennen. „Erst seit dieser Saison bin ich etwas ruhiger“, sagt Sieberts Frau. „Vielleicht, weil ich weiß, dass bald Schluss ist.“ Die Mastersserie fährt das Gespann noch zu Ende, dann wartet im kommenden Jahr ihr großes Abschiedsrennen in Angenrod, bei Bischoffs Heimat-Club.

Vorher soll es endlich klappen mit dem ersten Sieg beim Melsunger Rennen. Den ersten Vorlauf gewinnen Bischoff/Siebert, dann hapert es mit der Technik. Zwei Getriebe streiken, als vor dem vierten Lauf das dritte eingebaut werden soll, fehlt die Zeit. Das Gespann verpasst das Finale. Die Stimmung ist am Tiefpunkt. Wut. Ärger. Unverständnis, dass die Rennleitung den Start nicht noch einige Minuten hinauszögern konnte. Abhaken. Nach 21 Jahren im gleichen „Boot“ haben sie so manche Niederlage zusammen weggesteckt.

Von Carina Wagener

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.