Harter Weg zurück

Mountainbiker Adam Biewald musste nach einem Genickbruch alles neu lernen

Das Biken ist seine Leidenschaft: Unser Archivfoto links zeigt Biewald bei einem Wettkampf im Jahr 2018, rechts ist er beim WR-Gespräch zu sehen – die Goldmedaille gewann er bei der EM 2012.
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Das Biken ist seine Leidenschaft: Unser Archivfoto links zeigt Biewald bei einem Wettkampf im Jahr 2018, rechts ist er beim WR-Gespräch zu sehen – die Goldmedaille gewann er bei der EM 2012.

Adam Biewald schloss am Donnerstag, den 19. Juni 2020, pünktlich um 18 Uhr seinen Laden in der Eschweger Max-Woelm-Straße.

Eschwege/Rodebach – An einem warmen Sommertag freute sich der damals 54-Jährige darauf, von seinem Wohnort Rodebach aus seine übliche Feierabendrunde auf dem Rad zu starten. Mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen, einem Mitarbeiter seines Geschäftes und Freunden war er unterwegs.

„Auf einer entspannten Runde, bei der man vom Alltag abschalten kann“, erzählt Biewald, der im WR-Gespräch seine Sonnenbrille abzieht und beginnt, mit dem Kopf zu schütteln. Seine sonst so kräftige Stimme wird leiser. Biewald sucht nach den richtigen Worten. „Es war eine ganz normale Passage, nichts Wildes“, schildert der Mountainbike-Europameister von 2012, „aber Matsch verhinderte das Lenken.“

Sturz in einen Graben

So schlitterte er ungebremst geradeaus – in einen tiefen Graben. „Ich lag wie eine Karotte am Boden“, erinnert sich der Vorzeige-Sportler. Mit dem Hubschrauber wurde Biewald ins Krankenhaus nach Kassel geflogen, wo er die bittere Diagnose übermittelt bekam – Genickbruch.

Die Ärzte hätten ihm mitgeteilt, dass er einzig dank seines durchtrainierten Körpers überhaupt eine Aussicht auf Genesung habe. „Ich musste alles von vorne lernen“, sagt Biewald und führt einen Finger über seine Zähne, denn selbst das Zähneputzen war keine Routine mehr. Er lernte es wieder. Mühsam und mit viel Geduld.

Seine Frau Barbara und der Rest der Familie standen ihm beiseite und schenkten ihm ein Handy mit einer Playlist, welche er immer wieder mit dem Buchstaben S aufrief: „So viel Motorik habe ich schnell entwickelt, um den Buchstaben S zu finden.“ Währenddessen sprangen seine Söhne Marcel (25) und Andreas (26) in Bresche.

Beide legten ihr Studium auf Eis, um das Radgeschäft des Vaters zu übernehmen, das nach dem Umzug nach Eschwege im Jahr 2020 so richtig Fahrt aufnahm: „Darauf bin ich wahnsinnig stolz.“

Biewald kämpfte sich durch, fühlte sich dabei an die steilsten Anstiege in den Alpen erinnert und konnte nach einer Reha im Oktober 2020 wieder laufen. Aber es fehlt ihm trotz zahlreicher Einheiten mit seinem Fitnesstrainer Angelo di Milo und dem Physiotherapeuten Dirk Bremser noch an Spritzigkeit.

Zurück auf dem Rad

Sein erstes Etappenziel aber hat Biewald erreicht. Er fährt wieder Rad. „Das war für mich eine pure Erleichterung“, berichtet dieser, der die Lähmung der rechten Körperhälfte auf dem Rad weniger intensiv wahrnimmt. Eine 70-Kilometer-Strecke über Treffurt durch den Ringgau nach Eschwege hat er mit einem Durchschnittstempo von 20 Kilometern pro Stunde bereits zurückgelegt.

Vor dem Unfall waren 35 Kilometer pro Stunde die Benchmark. „Mit meinen alten Zeiten kann ich mich nicht vergleichen“, wird Biewald klar, der nach 16 Siegen in 18 Rennen im Jahr 2019 nun nicht mehr bei Wettkämpfen an den Start gehen wird: „Ich werde sicher keine Rennen mehr fahren. Dafür fehlt mir die Zeit und die Motivation.“ (Marvin Heinz)

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