Zwei Freunde, ein Handicap

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Weg mit den Krücken: Kann Jens Nerkamp mittlerweile wieder sagen. 

Athleten vom Laufteam Kassel sind ausgebremst

Sie sind ziemlich beste Freunde – Lauf-Freunde, um genauer zu sein. Jens Nerkamp (30) und Tom Ring (31) gehören zu den Assen des Lauf-Teams Kassel. Doch in diesen Corona-Tagen werden sie doppelt ausgebremst: nicht nur durch Homeoffice und Kontaktbeschränkungen, sondern auch durch ihre Verletzungen. Beide haben von ihren Handicaps Bilder in den sozialen Netzwerken gepostet. Und da wird man stutzig: Denn siehe da, beide tragen eine graue Orthese, beide am rechten Bein, beide brauchen Krücken. Wir fragen: Was ist denn da los?

„Dass wir beide mal fast das Gleiche kriegen, hätte ich nie gedacht“, sagt Nerkamp. „Ein Partnerlook der etwas anderen Art. Solche Kommentare haben wir schon bekommen“, scherzt Ring. Das Lachen ist mittlerweile zurückgekehrt. Auch die Schmerzen gehören der Vergangenheit an. Bei Nerkamp kamen die von einem Kahnbeinbruch (wir berichteten), einer Stressfraktur. „Der Fuß war überlastet“, erklärt er.

Auch bei Ring war Überlastung der Grund: Er laboriert an einem Knochenmarksödem im rechten Schienbein. „Eigentlich dachte ich, es reicht mal zu pausieren“, blickt er zurück. „Über den Punkt war ich dann aber schon weg.“ Trainer Winfried Aufenanger half, vermittelte den Kontakt zum Orthopäden. Das MRT brachte schließlich die genaue Diagnose und eine Schiene für drei Wochen.

Was sagt der Lauf-Coach zum doppelten Pech seiner Asse? „Wir sind in engem Austausch“, sagt Ring. „Leistungssport auf unserem Niveau ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Ich habe für Berlin alles rausgehauen“, blickt Nerkamp zurück. Beim Marathon dort im September war er bester Deutscher (2:14:54 Stunden), getragen auch vom Mini-Traum, es vielleicht doch noch nach Tokio zu den Olympischen Sommerspielen zu schaffen. „Aufi gibt uns Vorschläge, aber bei der Regenerationszeit muss ich selbst auf mich aufpassen.“ Vielleicht habe er zu viel gewollt.

Immerhin: Das Schlimmste haben beide hinter sich. Seit dem Wochenende kann auch Ring hin und wieder schon mal die Krücken zur Seite legen. „Schlimmer aber war es zu merken, wo ich im Alltag überall auf Hilfe angewiesen bin“, berichtet er. „Besonders bei Dingen mit Flüssigkeiten: Blumen gießen, Milch ins Müsli füllen. Da war ich froh, dass meine Partnerin mir geholfen hat.“ Während es für Nerkamp die erste große Verletzung seiner Karriere ist, kennt Ring längere Zwangspausen. 2019 bremsten ihn Achillessehnenprobleme für drei Monate aus. „Die Bewegung allgemein fehlt. Es hat jetzt einige Zeit gedauert, bis sich der Körper umgestellt hatte, von einmal Training pro Tag auf Null runterzufahren.“

Immerhin: Beiden blieb nun Zeit für die Weiterbildung. Nerkamp studiert Germanistik, Ring ist Doktorand der Physik an der Universität Kassel. „Und alle Wettkämpfe, zu denen ich hätte antreten wollen, sind ohnehin abgesagt“, sagt Ring. Er war in Vorbereitung auf die Deutsche Halbmarathon-Meisterschaft, hatte auch die 5000 Meter auf der Bahn im Blick, Nerkamp die abgesagte EM im August mit dem dortigen Halbmarathon. „Schade, dass es uns erwischt hat, wir hatten ziemlich gut trainiert“, sagt Nerkamp

Der Blick geht nach vorn. „Ich denke in kleinen Schritten“, sagt Ring. „Komplett ohne Krücken zu gehen, dann aufs Rad steigen können und dann ganz vorsichtig wieder mit dem Laufen beginnen.“ Und so sind Ring und Nerkamp verabredet. Nicht zum Laufen. Sondern zum Radfahren.

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