Erst drei Tage vor dem Marathon-Start landete der 30-Jährige

Mal schnell nach Rio: Ex-Kasseler Julian Flügel startet bei Olympia

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Da war er auf dem Weg zu einem starken 24. Platz im Halbmarathon: Der ehemalige Kasseler Julian Flügel bei der Europameisterschaft in Amsterdam im Juli. Nun trägt er das Nationaltrikot beim Olympia-Marathon.

Kassel. Eigentlich würde schon jedes der folgenden Ereignisse ein Jahr zu einem ganz besonderen machen: 30. Geburtstag, Hochzeit und Hausbau.

Doch es geht noch besser: Am 21. August gibt Julian Flügel sein Olympia-Debüt beim Marathon in Rio de Janeiro und hofft darauf, dass sich seine noch ungeborene Tochter an den errechneten Geburtstermin am 27. August hält. Denn dann wird er zum ersten Mal Papa. Aufregende Wochen also, die der ehemalige Kasseler Läufer, der vom Vellmarer Jürgen Stephan trainiert wird, derzeit erlebt.

„Ich habe lange Zeit nie gedacht, dass ich es überhaupt je einmal zu Olympia schaffe“, erklärt Flügel und lacht. Mit 16 kam er zum Laufen, erst 2011 entdeckte er sein Talent, als er Deutscher Vizemeister über zehn Kilometer wurde. Die längere Distanz, das sei eher sein Ding. Und so passt es, dass er gleich beim ersten seiner fünf Marathons mit der starken Zeit von 2:15:39 Stunden aufhorchen ließ. Seit dem vergangenen Jahr liegt seine Bestzeit bei 2:13:57 Stunden.

Ein wenig allerdings ist die Vorfreude auf Olympia getrübt. Denn Flügel fliegt erst am Abend des 17. August an den Zuckerhut und landet einen Tag später. Knapp 72 Stunden später wird schon das Marathon-Rennen gestartet – am 21. August um 9.30 Uhr. Eine optimale Vorbereitung geht anders. Flügel aber hielt den Ball flach. „Ich habe dem Deutschen Leichtathletik-Verband schon gesagt, dass es nicht optimal ist. Aber da ich nachnominiert worden bin, habe ich mich nicht in der Position gesehen, dort Ärger zu machen. Ich komme damit klar“, sagt er.

Optimal wäre es gewesen, eine Woche vorher anzureisen. Schließlich ist Rio nicht Hamburg, Berlin oder Frankfurt – jene Orte, an denen Flügel seine bisherigen fünf Marathons absolviert hat. Im Juli hatte er als Gesamt-24. und bester Deutscher im Halbmarathon bei der Europameisterschaft in Amsterdam aufhorchen lassen. Und nun also Rio. Ein anderer Kontinent, eine andere Zeit-, eine andere Klimazone. Und nur drei Tage Zeit, sich vor Ort zu akklimatisieren – auch wenn Flügel sagt: „Ich bin relativ entspannt, ich kann mit Hitze besser umgehen als viele andere.“

Auf den Tag genau fünf Wochen vor dem Marathon-Wettkampf erst hat der 30-Jährige erfahren, dass er als Nachrücker doch zu Olympia darf. Weil Hendrik Pfeiffer verzichtete, rückte Flügel nach. Ideal wären 12, 13 Wochen Vorbereitung auf ein Marathon-Rennen. Ihm blieben nur diese fünf.

Herausforderung Klima

Drei Wochen hartes Training vor und nach dem 30-Stunden-Job folgten und der Versuch, sich ein wenig auf die klimatischen Gegebenheiten am Zuckerhut einzustellen. Als es noch wärmer war, mal ein 40-Kilometer-Lauf in der Mittagshitze beispielsweise. Etwa 30 Kilometer pro Tag, gut 200 pro Woche spulte er in dieser Zeit ab. Zuletzt stand vor allem Regeneration auf dem Programm. Nun sind die Koffer schon so gut wie gepackt. Olympia verfolgt er täglich am Fernseher. Ein Stück Einstimmung gewissermaßen für das Rennen seines Lebens. „Die Zeit ist für mich zweitrangig. Ich möchte am Ende das Gefühl haben, dass ich alles gegeben habe an dem Tag.“

Immerhin: Die Abschlussfeier will er noch mitnehmen. „Das muss schon sein“, sagt er, bevor es wieder zurück in die Heimat geht. Dort, wo der nächste Höhepunkt schon auf ihn wartet. Die Geburt seiner Tochter.

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