Von der Gaststätte auf die Strecke

Otto Brill quälte sich 2005 beim Iron Man in Frankfurt

Otto Brill
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Andenken an die Ironman-Zeit: Ein mittlerweile sehr mitgenommenes Fahrrad erinnert Otto Brill vor seinem Haus an die Strapazen, die er für den Ironman auf sich nehmen musste.

In seiner Freizeit war Otto Brill schon immer ein leidenschaftlicher Ausdauersportler, der fleißig trainierte.

Jestädt ‒ Höhepunkt seiner Anstrenung war das Jahr 2005, als der damals 52-Jährige am ironman in Frankfurt teilnahm. Sein Ziel: die vorgeschriebene Zeit von 16 Stunden zu unterbieten. Das ist ihm bei der sportlichen Leistung seines Lebens in 14 Stunden, zwölf Minuten und 32,8 Sekunden eindrucksvoll gelungen.

Wir gliedern diese besondere Leistung in drei verschiedene Bereiche ein, die laut Otto Brill zur Geschichte dazugehören: Die Frage nach dem „Warum?“, sein Training und der Wettkampf selbst.

Die Frage nach dem „Warum?“

Sieben Jahre Clubzeit haben mich sportlich geprägt, auf Fuerteventura habe ich viele Olympioniken erlebt, zum Beispiel 1979 die weltbesten Schwimmer in der Vorbereitung auf Moskau 1980. Dazu kam, dass ich 1978 schon auf die 15 Durchgeknallten geschaut habe, die den Ironman in Hawaii quasi aus der Taufe gehoben haben“, gibt Otto Brill zu verstehen.

Richtig ernst wurde es allerdings erst 16 Jahre später, wie sich Brill erinnert: „Mein Freund Gerd Strauß weckte in mir einen schlummernden Ehrgeiz. Er animierte mich zur Teilnahme am Hamburg-Marathon, wo ich mit ihm und seiner Ehefrau Petra nach zweijährigem Training 2002 startete. Mit unseren Leistungen an der Alster waren wir total zufrieden. Und fortan schaltete mein innerer Trieb wieder den Triathlonmodus ein – mit dem Ziel Frankfurt 2005.

Das Training

„Ich erinnerte mich zurück an Fuerteventura, als ich wie ein Weltmeister trainierte. Was war ich Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre fit. Und ich dachte, schwimmtechnisch bekomme ich das schnell wieder hin, aber gerade nach einem 14-Stunden-Arbeitstag in der Krone ist mir das Schwimmtraining sehr schwer gefallen“, gibt Otto Brill ehrlich zu.

Ganz anders sah es beim Radtraining aus: „Ohne Probleme habe ich Tagestouren über 240 Kilometer im Werra-Meißner-Kreis abgespult“, sagt Brill. „Vor den 180 Kilometern rund um Frankfurt hatte ich überhaupt keine Angst, zumal ich auch im Winter auf dem Heimtrainer, quasi vor dem Fernseher sitzend, meine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 auf 32 Stundenkilometer gesteigert habe.“

Paradedisziplin: Das Radfahren machte Otto Brill, hier beim Ironman 2005, am wenigsten Probleme.

Beim Lauftraining absolvierte er regelmäßig Distanzen zwischen 15 und 30 Kilometern: „Ich wählte dabei häufig die Strecke von meinem Wohnort in Jestädt bis nach Völkershausen und zurück. Darüber hinaus konnte ich durch die Teilnahme am Hamburg-Marathon die gut 42 Kilometer unmissverständlich eintakten.“

Der Ironman

Bereits zwei Tage vor dem Triathlon ist Otto Brill angereist: „Ich habe mich fahren lassen und bin mit meinem Equipment im Athletenhotel Intercontinental abgestiegen. Schon beim Einchecken ging mir die Muffe, als ich sah, dass viele der Sportler 30 Jahre jünger und 30 Kilo leichter waren“, erinnert er sich.

Am Wettkampftag war um drei Uhr Wecken: „Beim Frühstück habe ich auf Experten gehört, die mir den Rat gaben, die erste Tagesration lange und langsam zu mir zu nehmen und nur Gutes zu essen“, denkt Otto Brill zurück. Dabei fällt ihm eine interessante Randnotiz ein: „Bei der Fahrt zum Langener Waldsee saß ein junger Mann neben mir, der hatte sich aus Gründen der Aerodynamik seine Beine rasiert. Ich habe mir seine Startnummer gemerkt. Er ist hinter mir im Ziel gelandet.“

An den Startschuss erinnert sich Brill noch ganz genau: „Alle 2200 Teilnehmer gingen gemeinsam in die Fluten. Das Wasser schäumt, du siehst nichts und hoffst, dass der Vordermann dich auf den richtigen Weg bringt. Alles ist fadengerade abgelaufen, dann der Schock, 400 Meter vor dem Ziel ereilte mich ein Wadenkrampf. Das Servicepersonal wollte helfen, was aber meine Disqualifikation bedeutet hätte. So bin ich ganz ohne Beinarbeit nach knapp eineinhalb Stunden aus dem Wasser gestiegen.“

Das Rad stand bereit, die Wade hatte sich regeneriert: „Ich habe den inneren Schweinehund besiegt, verfolgte weiter mein Ziel, ich wollte ankommen in Frankfurt. Friedberg, Bad Nauheim, Bad Vilbel – es lief gut. In Nauheim rief mir ein Mann zu, ich hätte bis Frankfurt Rückenwind. Er hatte Recht. 6:44.54,9 Stunden, ich war stolz nach den 180 Kilometern.“

An der Wechselstelle ist Otto Brill bedächtig geblieben: „Ich habe in aller Ruhe die Laufschuhe angezogen und mir eine Brotzeit gegönnt, um neue Kräfte zu sammeln. Dann ging es los, bei 32 Grad, du sehnst die Wendepunkte herbei. Schließlich erreiche ich in 5:29.25,1 Stunden Laufzeit das Ziel. Und wenn ich nicht zwischen der Rad- und der Laufdisziplin die Ruhezeit eingelegt hätte, ich wäre gewiss unter 14 Stunden am Römer eingelaufen.“

Der Zieleinlauf: Nach langen Strapazen kam Otto Brill glücklich ins Ziel.

Nach dem Zieleinlauf

Petra und Gerd Strauß hatten zuvor den vorbeilaufenden Otto Brill vom Schiff auf dem Main aus gegrüßt und angefeuert, – bei Kaffee und Wein, wie Brill erzählt. Er selbst musste auf solche Genüsse noch warten, aber nach Handschlag, Urkundenüberreichung sowie Zielfoto ging es ab ins Hotel: „Da habe ich sofort ein Bier und ein Steak bestellt und mich abgefeiert.“

Rückblickend fasst Brill folgendes Fazit zu seinem Ironman-Abenteuer: „Viele, die Sport treiben können, Wettkämpfe absolvieren, aber wenn du mental nicht topfit bist, brauchst du solche Strapazen erst gar in Angriff nehmen. Und ohne Durchhaltevermögen geht nichts, wenn du nach der Arbeit noch 25 bis 30 Stunden in der Woche trainierst, dann musst du dich ständig motivieren.“

Für die Zukunft nach Frankfurt hatte sich Brill noch ein weiteres ambitioniertes Ziel gesetzt – aus dem leider nichts wurde: „Ich wollte drei Jahre später in der Klasse M55 einen weiteren Ironman absolvieren, um mich eventuell für Hawaii zu qualifizieren, aber eine Knieoperation stoppte meine Energie. Trotzdem denke ich, dass ich damals der erste Eschweger Ironman war, ganz sicher der erste Eschweger Gastwirt, der einen Triathlon bewältigt hat.“ (Harald Triller)

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